Gmünder Leyrer+Graf: „Weil wir an die Zukunft glauben“. Leyrer+Graf setzt auf 146 Lehrlinge, die der Firma oft bis zur Pension die Treue halten. Einer wurde gerade zum Bauleiter.

Von Maximilian Köpf. Erstellt am 24. Oktober 2020 (06:12)

„Es ist hart, aber es lohnt sich!“ – der Slogan prangt groß auf allen Werbemitteln, die mit der Lehre bei Leyrer+Graf zu tun haben. Seit vielen Jahren ist der Baukonzern mit Firmensitz in Gmünd einer der größten Lehrlingsausbildner des Landes. Erst im August haben hier 53 Jugendliche in verschiedenen Lehrberufen ins Berufsleben gestartet. Insgesamt arbeiten aktuell 146 Lehrlinge in der Unternehmensgruppe.

Lehrlinge arbeiten in ganz Österreich

Der Fokus auf die Lehrlingsausbildung wurde durch die Corona-Pandemie nicht gebremst. „Warum? Weil wir an die Zukunft glauben! Wir sind froh, Lehrlingen eine berufliche Heimat geben zu können“, erklärt CEO Stefan Graf. „Auch Covid-19 wird irgendwann vorbei sein. Wir werden in ein paar Jahren zurückschauen und sagen: ‚Es war ein harter Einschnitt, aber jetzt sind wir durch.‘ Für diese Zeiten bauen wir vor.“

„Das Schöne am Bau ist, dass das, was mit eigenen Händen geschaffen wird, für Generationen erhalten bleibt.“CEO Stefan Graf

Bei der Fahrstreifen-Erweiterung auf der Ost-Autobahn (A4), auf der S3 zwischen Hollabrunn und Guntersdorf, auf der A23 beim Knoten Kaisermühlen, an der Tunnelkette Granitztal zwischen Graz und Klagenfurt oder bei der Großbaustelle der Winzer Krems, bei Wohnhaussanierungen in Wien und beim ÖBB-Bahnhof Kirchstetten. Oder bei zahlreichen Projekten vor der Haustür im Waldviertel – immer wieder wirken L+G-Lehrlinge mit.

Firma mit gutem Draht zur Jugend

Dementsprechend breit ist das Feld der Ausbildung. „Dass wir so viele verschiedene Lehrberufe im Angebot haben, ist sicherlich ein Grund, warum wir so viele Jugendliche ansprechen können“, sagt Graf. Auch das Image. „Wir haben einen guten Draht zu Jugendlichen, wissen sehr genau, worauf wir schauen müssen, wenn sie sich bei uns bewerben. Es wird viel Zeit investiert, um an den Lehrlingen dranzubleiben, den Bedürfnissen der Jugend. Was brauchen sie? Was können wir ihnen bei uns bieten?“

Das Angebot geht neben der Ausbildung selbst von Smartphone über Tablet bis zum Führerschein bei entsprechenden Erfolgen. Geht es ohne dem nicht mehr, wenn man Jugendliche vom Sofa holen will? „Das sind die berühmten Goodies. Ja, die braucht es heute. Aber es geht auch um die Wertschätzung, die wir versuchen, über andere Elemente reinzubringen“, stellt Graf klar.

Gute Ausbildung, gutes Arbeitsklima, gegenseitiges Vertrauen seien wichtig. Besonders Vertrauen ist ein Grundwert. „Das ist schnell einmal dahingesagt. Aber es ist schon wieder so selbstverständlich, dass es oft vergessen wird“, betont Graf.

„Vertrauen ist die Basis für jede Beziehung. In der Arbeit verbringt man teilweise mehr Zeit als mit dem Partner. Habe ich kein Vertrauen, kann ich nicht zusammenarbeiten, habe ich keinen Erfolg.“ Bei der Lehrlingsausbildung ist das noch wichtiger. „Weil es auch um das Vertrauen der Eltern geht – in die Firma, die berufliche Heimat für ihre Kinder ist.“

Vom Lehrling zum Bauleiter

Im Regelfall bleibt ein L+G-Lehrling langfristig – in einem Beruf als Facharbeiter auf spannenden Baustellen, oder auf der Karriereleiter. „Der erste Schritt ist die Ausbildung zum Polier. Dann kann man Bauleiter werden, später auch Baumeister, wenn man das will“, so Graf.

Voriges Jahr ist Michael Krauskopf von der Baustelle ins Büro gewechselt, ist jetzt Bauleiter. Der Wechsel habe sich durch einen frei gewordenen Platz infolge von Pensionierungen angeboten, erzählt Krauskopf, der 2002 seine Lehre als Maurer und Schalungsbauer begonnen hat, später auch zehn Jahre als Polier tätig war.

„Ob der Bauleiter über eine HTL-Ausbildung kommt oder über die Lehre: Beide Wege sind möglich“, streicht Graf hervor. Die Praxis zu kennen, sei aber definitiv ein Vorteil, sagt Krauskopf. „Wenn du vorher auf der Baustelle warst, kannst du meist schnell Auskunft geben.“ Er kennt beide Seiten: „Man sieht, wieviel interne Arbeit hinter einem Projekt steckt, mit der du auf der Baustelle gar nicht konfrontiert bist.“

Als Lehrling sei er von Beginn an gut aufgenommen und unterstützt worden, erinnert er sich. „Natürlich spielt der eigene Ehrgeiz eine entscheidende Rolle, doch ich habe mich immer gut aufgehoben gefühlt.“

Krauskopf war immer ehrgeizig, nahm während der Werkmeisterschule an Lehrlingswettbewerben teil, wurde 2010 in Lissabon Europameister. Seine Erfahrungen teilte er da schon mit anderen Lehrlingen: Seit 2005 bringt er sich in die Ausbildung ein. Dabei wird auf Vielfalt geachtet: Lehrlinge durchlaufen etliche Stellen, arbeiten mit mehreren Polieren, damit sie einen umfassenden Einblick bekommen. „Wir versuchen, eine sehr gute Gesprächsbasis mit den Lehrlingen zu haben. Sie wissen, dass wir immer für Fragen erreichbar sind.“ Bis 2019 war er aktiv als Ausbildner tätig, hat Winterschulungen geplant, Trainings für Bewerbe begleitet.

Wettbewerbe wichtig

„Es erfüllt mit Stolz, wenn unsere Lehrlinge bei Bewerben Erfolge einfahren“, sagt Graf. „Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu messen. Da geht es gar nicht so sehr um das Gewinnen, sondern einfach nur darum, zu wissen: Wo stehe ich? Wenn man einen tollen Platz erzielt, ist das ein herrliches Gefühl.“

Schon wegen der Erfahrung haben Lehrlingsbewerbe bei Leyrer+Graf hohen Stellenwert. „Du hast eine Aufgabe und eine gewisse Zeit, um fertig zu werden. Da musst du genau wissen, wie gehe ich es an, welchen Schritt mache ich wann. Alles passiert unter Zeitdruck. Wenn du dann in der Arbeit in solche Situationen kommst, weißt du besser, damit umzugehen“, schildert Krauskopf, der nicht mehr der einzige Europameister im Haus ist – 2018 haben Sebastian Frantes und Markus Haslinger den Titel in Budapest gewonnen.

Das 1926 gegründete Traditionsunternehmen Leyrer+Graf, das Franz Graf 2013 an seinen Sohn Stefan übergab, ist heute mit etwa 2.200 Beschäftigten und 17 Standorten das größte Bauunternehmen Niederösterreichs. Viele haben ihre Lehre hier absolviert, dem Unternehmen danach über Jahrzehnte die Treue gehalten.

„Demnächst werde ich bei der Mitarbeiterehrung wieder einige in die Pension verabschieden, die bei uns ihre Lehre begonnen haben. Das ist etwas Schönes“, sagt Stefan Graf. Menschen Beschäftigung geben zu können, habe auch mit sozialer Verantwortung zu tun.

Fachkräftemangel. Bei der Lehre kommt dem Schlagwort besondere Bedeutung zu. „Wenn die Lehrlinge zu uns kommen, sind sie mitten im Reifeprozess“, sagt Graf. „Wir alle erinnern uns: Irgendwann ist die Schule vorbei und das Berufsleben beginnt. Das ist eine andere Welt. Jeden 1. August begrüße ich die neuen Lehrlinge. Da sitzt eine Schar an Jugendlichen, die unsicher ist, nicht weiß, was auf sie zukommt. Drei Jahre später sind sie zu Persönlichkeiten gereift. Da merkt man, was in den wenigen Jahren an Entwicklung erfolgt.“

Wer über Lehrlingsausbildung spricht, kommt über das Thema Fachkräftemangel nicht herum. „Er wird uns noch sehr lange be- gleiten“, ist Graf überzeugt. „Der Fachkräftemangel ist ein langfristiges gesellschaftliches Problem, das sich – hervorgerufen durch demografische Veränderungen und Entwicklungen im Sozialstaat – über Jahrzehnte gebildet hat. Bis sich das Pendel in die andere Richtung bewegt, wird es auch entsprechend dauern.“ Allein mit der Ausbildung von Lehrlingen sei dem nicht beizukommen.

Wertvolles Handwerk

Wohin das Pendel ausschlägt, sei eine Frage, die die Gesellschaft für sich beantworten müsse. „Wir werden den Wohlstand nicht lange so aufrechterhalten können, wie wir ihn jetzt haben, wenn wir nicht den Leistungsbegriff wieder positiver besetzen, Leistung fördern und prämieren“, meint Stefan Graf. „Derzeit prämieren wir die Nicht-Leistung.“

Wie man Lehre oder Handwerksberuf attraktiv machen könnte, dafür hat er eine klare Idee. „Indem man herzeigt, wie wertvoll das Handwerk ist. Es wird leider unterschätzt. Wir brauchen uns nur hier umzuschauen“, sagt er beim Interview im Empfangsraum in der Firmenzentrale: „Das alles ist mit maschineller Unterstützung, aber durch Handwerk entstanden. Das Schöne am Bau ist, dass das, was mit eigenen Händen geschaffen wird, für Generationen erhalten bleibt.“