Der Mythos des „Selfmade“-Hoteliers Franz Österreicher. Wer war der „Self-made“ Hotelier Franz Joseph Österreicher? Über den Geschäftsmann und seinen Mythos.

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 10. April 2021 (03:13)

Man schrieb den 4. August 1846, als Franz Österreicher in Brand geboren wurde. Damals war noch nicht abzusehen, zu welcher Größe er in der Hotelbranche werden und welcher Mythos um seine Person entstehen würde. Aber dazu später mehr. „Ich glaube, dass sein Lebensweg in Brand weitgehend unbekannt ist“, sagt Ahnenforscher Franz Illetschko. Wer war dieser Franz Österreicher also?

Franz Illetschko aus Brand beschäftigt sich schon lange mit der Ahnenforschung.
Archiv Paolo Luconi Bisti/ privatt

Er ist als Sohn eines Fleischhauers im heutigen Gasthaus Jeschko aufgewachsen, die Mutter – sie hat bis zu ihrer Hochzeit im Landhaus Lunkowitz gelebt – hat er im Alter von 14 Jahren verloren. Der Vater schickte ihn nach Wien, er sollte Fleischhauer werden. „Das dürfte ihm aber nicht so ganz gefallen haben, denn er hat bald auf eine Kellnerlehre umgesattelt“, sagt Illetschko.

Über London nach Trient. Mit Wien nicht genug, zog der gebürtige Brander 1868 nach London weiter, lernte dort das Hotelwesen von Grund auf kennen. Nächste Station: Trient in Südtirol. Der Ort habe stark vom Ausbau der Südbahn profitiert, dadurch einen Aufschwung erlebt – den auch Franz Österreicher nutzte, erzählt Illetschko.
Österreicher war erster Pächter des Bahnhofshotels, dem „Grand Hotel Trento“. Das Gebäude steht heute noch, es beheimatet inzwischen die Stadtverwaltung. In Trient hat Franz Österreicher auch seine Frau kennengelernt, die beiden hatten fünf Kinder.

Wie es überhaupt zur Aufarbeitung kam. In der Ahnenforschung ist Franz Illetschko kein Unbekannter mehr: Er beschäftigt sich schon etwa 30 Jahre damit. Auf Franz Österreicher wurde er durch ein Studienprojekt der Universität Innsbruck aufmerksam. Das Leben und Wirken des aus Brand stammenden großen Hoteliers, dessen Geschichte in der Heimat kaum jemand kennt, weckte bald sein Interesse: „Es ist vergleichbar damit, einen guten Roman zu lesen“, sagt er.

Mit Österreicher verbinden ihn allerdings auch gemeinsame Vorfahren. Bei der Klärung einiger offener Fragen zu Franz Österreicher hat auch Paolo Luconi Bisti geholfen – und sogar ein Foto aus dem Familienbesitz beigesteuert. Sein Großvater war nämlich Fotograf, das Bild eines der wenigen heute noch erhaltenen.

Franz Illetschko ist außerdem für sein Engagement um den Ort Zuggers bekannt. Spenden aus seinen Arbeiten für Ahnenforschungen kommen dem Verein zugute, Illetschko ist der Obmann.

Die versetzte Kirche von Madonna di Campiglio.
Archiv Paolo Luconi Bisti/ privatt

Gründervater von Madonna di Campiglio. Zurück zu Franz Österreicher. Der hat übrigens an seinem Namen getüftelt: Aus Franz wurde bald Franz Joseph. Eine Hommage an den damaligen Kaiser? Vielleicht. Im Alter von 40 Jahren – also 1886 – hat er das „Hotel des Alpes“ in Madonna di Campiglio eröffnet. Daran, dass das Gebäude ursprünglich ein Kloster war, erinnern heute noch so manche Überbleibsel. „Franz Joseph Österreicher hat Madonna zu dem gemacht, was es heute ist und den Ort aus dem Dornröschenschlaf geküsst“, sagt Illetschko noch immer fasziniert.

Ganz so reibungslos war Österreichers Beziehung zum heutigen Skiort dann aber doch nicht: Das Hotelgebäude war mit einer kleinen Kirche verbunden. Die musste – für einen aus heutiger Sicht architektonisch wertvollen Saal – versetzt werden. „Das hat ihm die Bevölkerung von Madonna di Campiglio bis heute nicht ganz verziehen“, erzählt Illetschko.

Die Kirche wurde an anderer Stelle nachgebaut, dort steht sie nach wie vor. Und auch der Saal ist noch erhalten. Beide haben ihre Besonderheiten: Die Schnitzereien am Presbyterium der Kirche sollen von Kaiser Franz Joseph bezahlt worden sein. Und der Saal des Hotels ist für seine Malereien von Gottfried Hofer bekannt.

Franz Joseph und der Kaiser. Ein Name wie der Kaiser und finanzielle Hilfe von ihm – ein Zufall? Nicht ganz: Bereits zu Lebzeiten Franz Joseph Österreichers habe es Zeitungsberichte über eine angebliche Verwandtschaft zwischen den beiden gegeben, erzählt Franz Illetschko.

Genauer gesagt: Dass Franz Joseph Österreicher ein unehelicher Sohn des Kaisers sei. „Dieser Mythos wird von Madonna di Campiglio warm gehalten. Ein Naheverhältnis zum Kaiser hatte er auf jeden Fall“, analysiert Illetschko. In Madonna wurde bis vor der Pandemie alljährlich im März ein Habsburg-Fest zelebriert. Glaubt man dem Mythos, sollen Kaiser Franz Joseph und Österreichers Mutter einst im Waldviertel aufeinandergetroffen sein.

Tod in den Bergen. Der Hotelier war auch als Bergführer tätig – im wahrsten Sinne des Wortes bis zu seinem Tod: Auf einer Bergtour habe sich Franz Joseph Österreicher in bereits angeschlagenem Zustand überanstrengt und sei dann an einem Herzinfarkt verstorben, erklärt Franz Illetschko.

Da schrieb man den 28. August 1909. Auf seinem Grabstein in der Kirche von Madonna di Campiglio steht allerdings ein anderes Datum: „Früher kam es bei vielen vor, dass das Geburts- oder Sterbedatum um zwei Jahre verschoben wurde. Warum das so war, habe ich noch nicht herausgefunden“, sagt Illetschko.

Was von Franz Joseph Österreichers Erbe übrig ist. Das heutige Rathaus von Trient oder der Saal und die versetzte Kirche in Madonna di Campiglio erinnern noch heute an den Hotelier aus Brand, der ein Jahr vor seinem Tod ein weiteres Hotel in Madonna eröffnet hat.

Durch den verlorenen Krieg sei es der österreichischen Familie nicht nur wegen ihres Namens, sondern auch wegen der Herkunft an sich in Italien nicht leicht gemacht worden, erzählt Franz Illetschko: „Franz Joseph Österreichers Sohn Fritz hat das Hotel des Alpes bis 1963 geführt und um Golfplätze erweitert.“ Danach kam es zu einem Besitzerwechsel, die Familie zog nach Bozen.

Das kulturelle Erbe werde aber weiterhin bewahrt, sagt er. Franz Illetschko hat sich davon schon selbst bei mehreren Besuchen vor Ort überzeugt. Und bewahrt wird auch der Mythos, dass Franz Joseph Österreicher ein Kaisersohn gewesen sein soll.