Ady Egleston: Berufswunsch im Ruhestand erfüllt. 25 Jahre war die Zwettlerin Adolfine Egleston im Ausland als Konsulin tätig. Jetzt lebt sie in Kiensaß und gibt Asylwerbern Deutschunterricht.

Von Karin Pollak. Update am 25. Juli 2019 (14:27)
Günther Schlott
Zur Betreuung „ihrer“ Asylwerber gehören für Ady Egleston auch die Spielenachmittage mit Mohammed Ahmadi, Valerii Muratow und Mohammad Hussein.

Nach einer einzigartigen Karriere, die sie durch die halbe Welt geführt hat, betreut Adolfine Egleston im Alter von 81 Jahren nun in Schrems Asylwerber. Sie fungiert als Deutschlehrerin – und kann damit ihren eigentlichen Berufswunsch in die Realität umsetzen. Lehrerin zu werden, das war nämlich das ehrgeizige Ziel von Adolfine „Ady“ Egleston, die 1938 als drittes von sieben Kindern in Oberstrahlbach (Bezirk Zwettl) als Adolfine Gundacker geboren worden ist.

„Da der Besuch des Gymnasiums für meine Eltern nicht zu finanzieren war, besuchte ich nach der Hauptschule – während der russischen Besatzung im Internat – die Handelsschule bei den Schulschwestern in Zwettl“, sagt Egleston. Bis zur späteren Karriere als Lehrerin war es dennoch ein weiter Weg.

 „Vielen Kindern habe ich geholfen, ihre Englisch-Noten zu verbessern – kostenlos, versteht sich.“ Ady Egleston aus Kiensaß

In Wien startete sie als Stenotypistin bei einer großen Firma ihren beruflichen Werdegang. „Eigentlich fühlte ich mich hier wohl, doch der Zufall wollte es, dass ich eine Stelle im Rektorat der Universität bekam“, so die Oberstrahlbacherin, die wenig später neben ihrer Arbeit die Maturaschule mit Erfolg abschließen konnte und auch englische Kurzschrift lernte. Von der Universität wechselte sie zur Technischen Hochschule, fungierte als Bibliothekarin im Österreichischen Kulturinstitut. 1965 wurde sie in dieser Funktion nach New York versetzt. „Flugtickets waren damals teuer, daher ging es per Schiff nach Amerika“, blickt Egleston zurück. Damit habe eine 25-jährige Auslandstätigkeit begonnen.

Ihre Tätigkeit bestand nicht nur aus dem Ankauf oder der Katalogisierung der Bücher, sondern auch aus der Betreuung der Besucher, häufig College-Studenten, die über ein österreichisches Thema Arbeiten zu schreiben hatten. Darüber hinaus hatte sie einen Film-Verleih zu betreuen oder Konzerte mit österreichischen Musikern und Ausstellungen österreichischer Künstler zu organisieren. „Auf diese Weise lernte ich unter anderem Kiki Kogelnik, Maria Lassnig und Peter Handke kennen.“

Ehemann auf College kennengelernt

In ihrer Freizeit lernte sie intensiv und besuchte das Hunter College, inskribierte Vorlesungen über Politikwissenschaften sowie Englische Sprache und Literatur. Dabei lernte Adolfine Gundacker ihren späteren Gatten, Gerald C. Egleston, kennen. Der Student wollte zum Semesterabschluss 1966 über die Möglichkeit eines vereinten Europas schreiben, sie über EWG und EFTA: „Aus diesem Term-Paper wurde später eine Ehe.“

Karin Pollak
Ady Egleston war in der halben Welt als Konsulin tätig und betreut jetzt Asylwerber im Verein „Miteinander in Schrems“.

Im Jahr 1974 wurde in Österreich ein neues „Bundesministerien-Gesetz“ beschlossen, das zur Folge hatte, dass die Kulturinstitute im Ausland, die bisher dem Unterrichtsministerium unterstellt waren, zum Außenministerium kamen. Egleston musste in die Verwaltung wechseln. Nach der in Österreich abgelegten Verwaltungsdienstprüfung „B“ wurde sie pragmatisiert und als Vizekonsul akkreditiert. Bis 1978 blieb sie in New York, ehe sie in die Rechts- und Konsularabteilung nach Wien geholt wurde.

„Mein Mann kam mit mir nach Wien, aber in den nächsten Jahren ging die 14-jährige Ehe in Brüche, weil ihn an seiner neuen Arbeitsstelle eine Andere angelacht hat. In mir stürzte eine Welt ein“, erzählt Egleston. 1982 wurde sie nach Rom ans österreichische Kulturinstitut versetzt. Zweieinhalb Jahre später, 1984, ging es retour in die Wiener Rechts- und Konsularabteilung. „In der Zeit durfte ich in der italienischen Botschaft in Wien den Orden ‚Ritter für Verdienste um die Republik Italien‘ entgegen nehmen. Begleitet hat mich dabei Benita Waldner, die spätere Außenministerin Ferrero-Waldner.“

Besonderes Ereignis in Budapest

1986 war die Stelle als Konsulin an der Österreichischen Botschaft in Budapest ausgeschrieben, diesen Posten führte Egleston vier Jahre lang aus. „Ein Vorfall mit einer jungen Frau wird mir ewig in Erinnerung bleiben. Diese wurde vergewaltigt, ausgeraubt und nackt auf die Straße gestellt. Ich habe mich mit voller Kraft dafür eingesetzt, dass der Täter gefasst wurde. Mit der Frau war ich noch viele Jahre lang in Kontakt.“

Nach Budapest ging es 1990 bis 1994 nach Hamburg, danach für ein Jahr nach Oslo. Ab 1995 war sie im Außenministerium in der Entwicklungs-Zusammenarbeit tätig. Mittlerweile als „Hofrätin“ wurde Egleston zur Referatsleiterin in der Budget-Abteilung. „In der Zeit lernte ich meinen jetzigen Ehegatten, Schulrat Hans Schörg, kennen – mit dem ich 1999 in Schrems die Ehe schloss“, erzählt die Weltenbummlerin.

Im Ruhestand: Lehrerin um „Gottes Lohn“

Warum Schrems? „Hier lebt meine Schwester Johanna, ich bin die Taufpatin ihrer drei Kinder. Außerdem habe ich von New York aus ein altes verfallenes Holzblockhäuschen in Kiensaß gekauft“, betont Egleston. Ihrem Gatten gefiel es so sehr, dass dieses desolate Haus, das weder über Strom oder Kanal verfügt hatte, sofort renoviert wurde. Seither ist Kiensaß in der Stadtgemeinde Schrems der Hauptwohnsitz des Paares.

2002 ging Ady Egleston nach einem erfüllten Berufsleben mit vielen persönlichen Highlights als 64-Jährige in Pension. Sie erinnert sich an ein Treffen mit dem damaligen Bundeskanzler Josef Klaus in New York, oder an einen großen Artikel mit dem Titel „Zwettler vor Ausweisung aus USA gerettet – Außenministerium half rasch“ im „Kurier“. Der Sohn eines Zwettler Finanzbeamten hatte damals mit einem abgelaufenen Visum nach dem Weihnachtsbesuch bei den Eltern in Zwettl seine Reise zum Arbeitsplatz in die USA antreten wollen. Bei der Rückkehr war er einen Tag lang in einem First-class-Hotel in Dallas, Texas, mit Bewachern vor der Tür eingesperrt worden, wäre fast zurückgeschickt worden. „Durch meine Intervention wurde das verhindert, der Familie wurden rund 22.000 Schilling für das Flugticket erspart“, erzählt die ehemalige Konsulin.

In Kiensaß ist Ady Egleston beliebt und als Nachhilfelehrerin für Englisch gefragt. „Vielen Kindern habe ich geholfen, ihre Englisch-Noten zu verbessern – kostenlos, versteht sich.“

Leidenschaftliche Deutsch-Lehrerin

Kurz nach ihrer Teilnahme am „Fest der Begegnung“ in Schrems 2016 war sie auch schon Mitglied im Verein „Miteinander in Schrems“, unterrichtete bis zu acht Asylwerber als Deutsch-Lehrerin. Egleston gehört auch zum Team des „Spiele-Cafes“, fungiert als Dolmetscherin oder Taxilenkerin und begleitet ihre „Schützlinge“ zu Gerichten oder Ärzten. Daneben hilft sie einigen türkischen Frauen und deren Kindern beim Deutsch- oder Englischlernen. In dieser neuen Aufgabe geht die 81-Jährige voll auf, nur: „Ärgerlich finde ich den Umstand, dass Schüler, die schon eine Deutsch-Prüfung abgelegt haben, diese wiederholen müssen, weil es mehrere Organisationen gibt, die Prüfungen abnehmen. Jetzt hat sich nämlich herausgestellt, dass nur Prüfungen eines Institutes anerkannt werden, obwohl diese auch andere anbieten.“

Freude mache es hingegen, dass „jetzt in meinen alten Tagen mein Herzenswunsch, Lehrerin zu werden, durch ‚meine‘ Flüchtlinge noch Wirklichkeit geworden ist“, lächelt sie. Derzeit sucht Ady Egleston für zwei ihrer Schützlinge Arbeit, wobei einer gerne Tischler lernen würde. Der andere bräuchte vorrangig eine Arbeitszusage.