NÖN-Stammtisch mit Landesrat: Betriebe wollen Klarheit. Überbordende Bürokratie, Corona-Folgen und Fachkräftemangel trotz hoher Arbeitslosigkeit beschäftigen die Waldviertler Arbeitgeber.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 18. November 2020 (04:13)
Wirtschaftslandesrat Jochen Danninger (links) stand beim digitalen NÖN-Wirtschaftsstammtisch den Waldviertler Unternehmerinnen und Unternehmern Rede und Antwort, NÖN-Chefredakteur Daniel Lohninger moderierte die Video-Konferenz.
Erich Marschik

Viele Unternehmer stehen nach monatelanger Corona-Ausnahmesituation mit dem Rücken zur Wand. Fragen drängen sich auf. Die NÖN rief deshalb gemeinsam mit Wirtschaftslandesrat Jochen Danninger den digitalen NÖN-Wirtschafts-Stammtisch ins Leben.

Einige der Diskutanten (im Uhrzeiger-Sinn von links oben): Andreas Talamas von Hartl-Haus, Josef Hag, Gottfried Stark, Helmut Hörmann von Appel sowie Grillweltmeister Adi Matzek.
Erich Marschik

„Die NÖN ist das Leitmedium in Niederösterreich. Mit diesem Stammtisch bauen wir unsere Rolle als Drehscheibe für das Leben in den Regionen Niederösterreichs aus – in einer für alle schwierigen Situation“, begründen die NÖN-Chefredakteure Daniel Lohninger und Walter Fahrnberger die Initiative.

Zum Auftakt diskutierten die Waldviertler Unternehmer unter der Moderation von Daniel Lohninger mit dem Landesrat. Besonders unter den Nägeln brennen den Unternehmern hier folgende Themen:

Überbordende Bürokratie

Die Finanzhilfen von Bund und Land sprudeln zwar, bei den Investitionen bremsen aber die Behörden durch zähe Genehmigungsverfahren. Das kritisierten gleich mehrere Waldviertler Unternehmer. Dazu komme die nach wie vor überbordende Bürokratie.

Ein Beispiel dafür lieferte Appel-Geschäftsführer Helmut Hörmann: „Für ein Zwei-Millionen-Projekt mussten wir zuletzt insgesamt 80 Quadratmeter an Papier für die Einreichplanung ausdrucken. Das kann es im 21. Jahrhundert nicht sein.“

Danninger versicherte, dass sich die Lage bessern werde: „Beim Thema Bürokratie-Abbau werde ich nicht locker lassen. Wir können uns diesen Aufwand nicht mehr leisten. Die Unternehmer sollen sich auf ihre Kernaufgaben konzentrieren können und sich nicht mit administrativen Hürdenläufen beschäftigen müssen.“

Arbeitskräfteausfall durch Quarantäne

Vor allem Betriebe mit Mitarbeitern aus mehreren Bezirken kennen das Problem: Die Quarantäne-Verordnungen sind je nach Bezirk unterschiedlich. „Die Situation ist zwar besser geworden, die Auslegung ist aber nach wie vor nicht vorhersehbar“, kritisierte der Irnfritzer Unternehmer Gottfried Stark.

Bei 190 Arbeitnehmern habe es bei Appel schon 25 Absonderungsbescheide gegeben, betont Hörmann: „Das ist eine organisatorische Challenge.“ Danninger versicherte, dass an einer Verbesserung der Abstimmung zwischen den Bezirkshauptmannschaften gearbeitet werde.

Hilfe bei der Ankurbelung des Tourismus

Schwer getroffen von den Verschärfungen der Corona-Maßnahmen sind Gastronomie und Tourismus. Josef Hag, der Chef des Gmünder Stadtwirtshauses Hopferl, hofft hier ebenso wie Sole-Felsen-Bad-Geschäftsführer Bernhard Strohmeier auf ein kräftiges Marketing-Sonderbudget des Landes für die Zeit nach Corona. Danninger sicherte Sonder-Millionen zu.

Abgesehen davon spiele das Waldviertel in der neuen Tourismus-Strategie des Landes eine besondere Rolle – vor allem auch als Fahrrad-Destination: „Die Reise geht in Richtung Packages. Von denen wird die ganze Region profitieren.“ Auf Tourismus-Packages mit Grill-Kursen hofft Grill-Weltmeister Adi Matzek, der derzeit trotz Corona-Krise gut eine halbe Million Euro in eine neue Grillschule investiert. Sie soll im März eröffnet werden: „Wir standen vor der Frage, ob wir aufhören oder alles auf eine Karte setzen. Wir setzen jetzt alles auf eine Karte.“

Fachkräftemangel trotz hoher Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit steigt – und dennoch fehlen die Fachkräfte. Viele Betriebe im Waldviertel stehen vor dieser Situation. „Ich könnte sofort 20 Fachkräfte einstellen, wenn ich sie finden würde“, meint beispielsweise Hörmann.

Er fordert wie viele andere Unternehmer einer Aufwertung der Lehrlingsausbildung – inklusive Attraktivierung der Ausbildung durch Auslandsaufenthalte und den stärkeren Fokus auf Allgemeinbildung. Danninger verspricht hier, die Bemühungen zu intensivieren.

Aber, so Danninger: „Wir brauchen die besten Köpfe für die Lehre. Der Schlüssel zu einem Image-Wandel der Lehre sind die Eltern. Ihnen müssen wir den großen Wert dieses Karrierewegs für die Zukunft ihrer Kinder vermitteln.“