Plötzlich zuhause: ‚Zusammen sein ist schönster Effekt‘. NÖN-Sportredaktionsleiter Bernd Dangl über die Herausforderung des „Homeoffice“ in einer neunköpfigen Großfamilie:

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 25. März 2020 (08:10)
Fürs Foto per Selbstauslöser erledigten NÖN-Redakteur Bernd Dangl (2. v. r.) & Familie die Aufgaben an einem Tisch.
NOEN

Eigentlich war schon alles fix fertig geplant. Am 14. März sollte es für drei Tage zum Fußball nach London gehen. Mit dabei meine fußballverrückten Juniors Nikolai (16) und Valentin (7) sowie mein Vater „Opa Franz“. Tottenham gegen Manchester United und die Queens Park Rangers gegen Barnsley. Ein Treffen mit dem Österreicher Michael Sollbauer, Legionär beim FC Barnsley, war für nach dem Spiel ausgemacht. Statt „Ausflug in die weite Welt“ hieß es aber plötzlich „daheim in den eigenen vier Wänden“. Danke Sch…- Corona. Doch eine richtige Enttäuschung war komischerweise gar nicht da - im Gegenteil: Erleichterung, daheim sein zu können in dieser schwierigen Situation. Daheim zu sein bei der Familie.

Plötzlich alle zu Hause

Ja, die NÖN-Redakteure haben geschlossen ihren Arbeitsplatz im Waldviertler Newsroom in Richtung „Homeoffice“ verlassen. Auch dort herrscht freilich reger Betrieb – vor allem in meinem Fall. Schon vor den durchgeführten Schulschließungen nahmen meine Frau und ich die Kids vorsichtshalber aus Volksschule und Kindergarten in Amaliendorf, das Gymnasium Gmünd schloss kurz daraufhin ohnehin auch.

Als Familie mit sieben Kindern im Alter zwischen 14 Monaten und 16 Jahren sind wir Hochbetrieb zuhause gewöhnt.

Doch wie wird das nun sein? Wenn alle den ganzen Tag über zusammen daheim sind? Die Antwort hatten meine Frau und ich schnell gefunden: Es fühlt sich an wie Ferien – nur, dass wohl keine echte Ferienstimmung aufkommen wird. Kein Nichtstun, keine Vorfreude auf den Urlaub am Meer. Dafür viele Informationssendungen, gemeinsam mit den Kindern. Auch die merken, dass jetzt alles „etwas anders“ ist.

Der neue Alltag

Die Schulkids sind eingedeckt mit Unterrichtsmaterial, gehen ihren Aufgaben im Homeoffice akribisch nach. Die Großen arbeiten ohnehin selbstständig ihre Aufgaben ab, helfen, wenn die Kleinen Hilfe brauchen. Die ganz Kleinen? Die freuen sich, dass „plötzlich“ alle jederzeit verfügbar sind.

Reibereien unter den Kids? Nicht mehr und nicht weniger, als sonst auch. Die meisten „Dramen“ sind binnen weniger Augenblicke geklärt.

Die wichtigste Erkenntnis: Der Unterricht in Eigenregie funktioniert – sogar, wenn die Vorlaufzeit für die Lehrer und Schulen sehr kurz war. Und: Die Kids haben sich bereits darauf eingestellt, dass nun Mama und Papa in die Rolle des Lehrers schlüpfen. Ein Schlendrian wird hier nicht einreißen – wie auch?

Schließlich sagt ihnen der Papa, dass auch er zu Gym-Zeiten in den 1990er Jahren ein eifriger „Homeoffice-Schüler“ gewesen sei. Ob das Oma und Opa bestätigen würden? Derzeit wäre das ohnehin nur virtuell möglich. Aus Rücksicht auf die ältere Generation bleibt derzeit nur technischer Kontakt. Damit fällt der eine oder andere Babysitter-Dienst aus. Nicht weiter tragisch – gemütliches Ausgehen spielt es derzeit ohnehin nicht …

Herausforderung Homeoffice

Daheim arbeiten zu können ist ein Privileg. Dass das nicht „die Welt“ eines Redakteurs ist, der dort sein möchte, wo die Menschen und die Ereignisse sind, ist klar. Gerade als Sportjournalist hat sich die Arbeitswelt mit einem Schlag massiv verändert. Sportveranstaltungen gibt’s praktisch keine mehr. Es braucht andere Ansätze. Die Abstimmung unter den Kollegen funktioniert in dieser fordernden Zeit perfekt. Auch, wenn der eine, oder andere vorübergehend am Telefon oder beim Video-Chat etwas leiser als gewohnt sprechen muss, weil nebenan gerade ein Kleinkind in den Schlaf gesungen wird.

Lustige und weniger lustige Aspekte

Schiefe Blicke im Supermarkt, wo „Hamsterkäufe“ gerade in aller Munde waren, gibt’s auch jetzt für mich manchmal. Diese Blicke irritieren mich nicht – beim Einkauf für neun Personen ist der Einkaufswagen immer voll. Wir gehen quasi zu jeder Zeit als „Hamsterkäufer“ durch.

Ein großer Vorteil, da nun alle immer da sind: Meine Frau Dagmar bemüht sich sehr, uns ständig (!) an ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten aus der Küche teilhaben zu lassen. Negativer Effekt: Das Idealgewicht wird nach der „Isolation daheim“ noch ein Stückchen weiter entfernt sein. Negativ für meine Frau: Da nun alle den gesamten Tag über zu Hause sind, sind die Mehlspeisen rascher weg, heißt es, in kürzeren Intervallen als üblich für Nachschub zu sorgen. Herausforderung angenommen!

Sehr positiv: Die Freizeit, also nach erledigter Arbeit für Schule und Job, kann nun intensiver als sonst verbracht werden. Keine Musikschule, keine Sport-Trainings, somit kein „Taxi-Dienst“ und kein reales Sozialleben nach draußen – für die Familie bedeutet das auch ein engeres Zusammenrücken. Das ist der schönste Effekt in dieser sonst wenig schönen Zeit.

Kleine Erfolge

Nicht wichtig, aber für die innerfamiliäre Rangordnung relevant: Dank mehr Zeit und der nun intensiveren Einheiten auf der „Xbox“ konnte ich zuletzt bei „FIFA 20“ sogar zwei Siege in Serie gegen meinen beinahe schon als „Zocker-Profi“ durchgehenden Ältesten feiern. Die restlichen 98 Spiele gingen an ihn.

Dafür hab ich beim analogen Kicken am „Wuzzler“ noch immer klar die Nase vorne. Zumindest vorerst.