Bier-Zeitreise nun auch als Buch. Autorenteam trug Weitras Biergeschichte zum bürgerlichen, städtischen und herrschaftlichen Brauen zusammen.

Von NÖN Redaktion. Erstellt am 20. April 2021 (15:21)

Zum Jubiläum 700 Jahre Braustadt Weitra gingen die Stadthistoriker Wolfgang Katzenschlager und Herbert Knittler der langen und spannenden Braugeschichte der Stadt nach. – Am Ende entstand gemeinsam mit einem Autorenteam ein profundes und unterhaltsames Lese- und Bilderbuch auch mit einigem bisher unveröffentlichten Material, das jetzt herausgegeben wurde.

Im Jahr 1321 stattete der Habsburgische Herzog Friedrich I (der Schöne) die Stadt Weitra und seine Bürger wie berichtet mit weitreichenden Privilegien und Braurechten aus. Die Sudkessel in Weitra sind seit dem Mittelalter nie mehr kalt geworden. Was er den „ehrbaren und bescheidenen Leuten von Weitra zur Förderung und Verbesserung ihrer Stadt“ gegeben hat, ist also von nachhaltiger Wirkung, wie in einer Aussendung betont wird.

Eine Anti-Umfahrungsstraße. Einerseits wurde die Handelsstraße zwischen dem Waldviertel und Böhmen von der bequemen Senke in Altweitra auf den Berg verlegt, wo sie mitten durch die Stadt zu gehen hatte. So waren Handel und Markttreiben garantiert, auch am Zoll ließ sich verdienen. Zugleich erhielten die Bürger das Braurecht. Die Autoren gehen davon aus, dass schon zuvor innerhalb der Stadtmauern gebraut worden war – Weitra war um 1200 von den Kuenringern am Reißbrett geplant und in wenigen Jahren gebaut worden. Zu einer funktionierenden Stadt gehörte das Bierbrauen. Das Pergament von 1321 besiegelte aber das Recht der Bürger und der Stadt dazu.

„Ez sol auch chain gastgeb sein bei der stat nehendner dann ainer meil. Ez sol auch nieman chain pyer prewen in ainer meil bei der stat. Auch sezzen wir, daz nieman in der stat ze Weitra sol schenchen, er sei dann purger in der stat“, heißt es darin. Den Bürgern stand nun das alleinige Braurecht zu, niemand sonst durfte im Umkreis von etwa 7,5 Kilometern Bier brauen oder ausschenken („Bannmeile“). Weitra blühte als Handelsstadt zwischen Böhmen und Niederösterreich, Handwerks- und Braustadt auf. Das „Weltadressenbuch“ 1897 listete noch 13 Gastwirte, acht Vermischtwarenhändler, sieben Greißler und drei Bräuer auf.

Braurecht war heiß begehrt.

Die Quellen sprechen häufig von Übertritten und Versuchen, neue Gasthäuser in der Nähe zu errichten, vom Ausschenken böhmischen Biers am Kirchenplatz Weitra und zahlreichen „Gäukäufen“ – Handelsaktivitäten außerhalb der Stadt. Die Rechte mussten beim Wechsel von Landesfürsten immer wieder gesichert werden, darauf deuten weitere Schriften im Stadtarchiv – wie jene von Rudolf dem Stifter von 1360 – hin.

Zünfte wollten das Braurecht an Ausbildung und Mitgliedschaft in ihre Zunft knüpfen, eine Qualitätssicherung in der Renaissance. Die erste erhaltene Zunftordnung in Weitra stammt von 1550 und ist die der Brauer und Melzer. Sie umfasst elf Punkte. Darunter auch jenen, „dass sich ein angesessenner Bürger, der sich des hanndtwerchs geprauchen unnd damit neren wolt“, einen Braumeister oder Gehilfen aus der Zunft anstellen sollte. 1646 waren rund 20 Brauer aus Weitra selbst Mitglied, auch immer mehr Auswärtige schlossen sich der Weitraer „Lade“ an, die schließlich große Teile des Waldviertels umfasste. Sogar Braugesellen aus der Wiener Gegend mussten offenbar nach Weitra fahren, um ihre Meisterprüfung abzulegen.

Auf Weitra folgte Zwettl. Die Bedeutung der Zunft in Weitra nahm erst mit dem Aufstieg der Braustadt Zwettl ab, deren Zunft ebenfalls den Anspruch stellt, das Viertel ober dem Mannhartsberg zu repräsentieren. Viele Jahrzehnte dauerte diese Auseinandersetzung – manche Bierlieferung nach Wien inklusive, um die Entscheidungsträger für die eigene Sache zu gewinnen. Schließlich setzte sich Zwettl durch, dazu später.

Auch gegen die jeweiligen Herrschaften mussten die Bürger ihr Braurecht verteidigen, das bürgerliche Braurecht wurde zum Zankapfel. Die Herrschaft von Weitra errichtete – entgegen des Bannmeilengebotes – neben ihrer Brauerei bei den Schlossgebäuden ein herrschaftliches Brauhaus mitten in der Stadt. Die Herrschaft konnte schließlich ihre Rechte durchsetzen.

Aber auch die Stadt verfügte über ein eigenes Brauhaus, das so wie das herrschaftliche Recht erfolgreich betrieben wurde. Diese konkurrierten mit den privaten Brauern, von denen es immer weniger gab. Aber anders als in vielen anderen Städten verschwanden die privaten Brauereien in Weitra nie.

Aus 20 wurden vier. Im 19. Jahrhundert gibt es immer noch vier Brauereien: Das ehemalige Hofbräuhaus (und heutige Brauhotel), die Brauerei Mader (Nr. 24), die Seitz-Bräuerhäuser (auf dem heutigen Dr. Kordik-Platz) und Frühauf (Nr. 53). Bier im 20. Jahrhundert ist in Weitra untrennbar mit der Familie Pöpperl verbunden. Die aus Böhmen kommende Brauerfamilie, die auch die Brauerei in Rosenberg/Rožmberk betrieben hat, erwarb 1907 das ehemalige herrschaftliche Hofbräuhaus und baute es zur Brauerei aus.

Man blieb aber regional, bis 1980 hatte jede Brauerei auch ihren eigenen Rayon. Belieferte man ein Gasthaus im Gebiet einer anderen Brauerei, waren Pönalen zu zahlen. Was Großbrauereien aus dem Wiener Umland zunehmend in Kauf nahmen. Im Zuge der immer stärkeren Technisierung und Industrialisierung des Brauwesens, konnten nur wenige kleine Brauereien neben den kapitalstarken Brauindustrien bestehen.

In Weitra ist es der Familie Pöpperl gelungen, mit der technischen Entwicklung Schritt zu halten und ihr Bier als Spezialität auch am Wiener Markt zu etablieren. Schon vorm Trend zum Craft-Bier landete man mit dem von Vater Hermann und Sohn Christian Pöpperl zur NÖ Landesausstellung 1994 in Weitra komponierten „Hadmar-Bier“ (bio) einen bis heute andauernden Verkaufs-Hit.

Wechsel und Kontinuität. 1995 wurde Christian Pöpperl von der Stiegl-Brauerei engagiert, machte wie berichtet in Salzburg Karriere und ist seit 2012 Geschäftsführer dieser Weltmarke. Vater Hermann Pöpperl lag daran, den Standort zu erhalten. Er fand Partner in der Brauerfamilie Schwarz aus Zwettl. Zwettler Bier wollte nicht nur die Marke „Weitra Bräu“ erwerben, sondern den Standort Weitra erhalten und weiter ausbauen. So kam es zur Übernahme 2003.

Brauwasser, Hopfen und der Großteil der Braugerste stammen nun aus dem Waldviertel, als einige der wenigen Brauereien in Österreich praktiziert man hier die „Offene Gärung“ – und das sehr erfolgreich: Im Verbund mit Zwettler konnte seit 2003 der Ausstoß vervierfacht werden. Der letzte Schritt wurde erst vor wenigen Wochen abgeschlossen und stellt eine Modernisierung der Brauerei Weitra dar, die mit einer Investition von 4,5 Millionen Euro fast einem Neubau entspricht (die NÖN berichtete).

Die gegenwärtigen Biertrends zu Regionalität, Tradition und Handwerk werden als Rückenwind für die (mit bis zu 30 Millionen Liter Produktionskapazität pro Jahr) gar nicht mehr so kleine Brauerei wahrgenommen. Damit können Karl Schwarz, jun., Inhaber der Privatbrauerei Zwettl in fünfter Generation, die Braufamilie Pöpperl und auch die Stadt Weitra sehr positiv in die Zukunft blicken.

Das Bier-Lese-Bilder-Buch zum Jubiläum. Zum Festjahr 2021 ist jetzt im Verlag der Provinz das Buch „Braustadt Weitra – seit 700 Jahren privilegiert“ erschienen. Es ist ebenfalls „Made in Weitra“: Verlag und auch das Autorenteam rund um Herbert Knittler und Wolfgang Katzenschlager, Grafiker Ewald Buhl und das Redaktionsteam von ILD sind in Weitra beheimatet.

Das Buch ist bei WaLaLa am Weitraer Rathausplatz, im Verlag der Provinz und in Kürze auf Schloss Weitra erhältlich.