Unruhige Nächte auf den Straßen im Bezirk Gmünd. Jäger und Polizei mahnen zu gemäßigtem Tempo. Was bedeuten Unfälle für Wildtiere, Fahrzeuglenker und Jäger?

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 14. Oktober 2020 (04:48)
Symbolbild
Kalle Pihelgas/Shutterstock.com

Wenn die Tage kürzer werden, die Dämmerung früher einsetzt und herbstliche Nebelschwaden über der Landschaft liegen, ist im Straßenverkehr besondere Vorsicht geboten. „Mir ist es schon passiert, dass ich in einer Nacht dreimal ausgefahren bin“, sagt Max Tüchler, Jagdleiter in Großotten. Wieder waren es Wildunfälle, zu denen er gerufen wurde.

Zahlen stabil, Dunkelziffer könnte aber höher sein

Die Zahl der nach Unfällen verendeten Feldhasen und Fasane lag 2018 bezirksweit laut Landesjagdverband bei 192 bzw. vier Stück und 2019 bei 195 bzw. drei Stück. Leicht gesunken ist die Zahl beim Rehwild: Während es im Jahr 2018 noch 770 Stück waren, lag die Zahl im Vorjahr bei 710 Tieren. Darin sind freilich nur die gemeldeten Unfälle erfasst.

„Wie eine Dunkelziffer bei allen Unfällen besteht, gibt es sie auch hier“, sagt Bezirkspolizeikommandant Wilfried Brocks: „Umso mehr Verkehr ist, umso mehr Möglichkeiten gibt es auch, dass es zu Berührungen kommt.“ Wenn es dazu kommt, sollte die Anzeige bei der Polizei gleich folgen, betont er.

Die Dunkelziffer schätzt Bezirksjägermeister Ernst Strasser bei Feldhasen besonders hoch ein, weil der Schaden am Auto meist geringer ist als bei Unfällen mit Rehwild, deshalb nicht immer gemeldet werde.

„50 Prozent wären zu vermeiden“

Bezirksweit gibt es etliche Strecken, entlang derer mit Beschilderung auf Wildwechsel hingewiesen wird. Dementsprechend gibt es auch mehrere Unfall-„Hotspots“. „Großotten ist einer davon“, sagt Strasser.

Jagdleiter Max Tüchler kann das bestätigen: „Mein Revier ist massiv betroffen“ – und davon ganz besonders die L71 und die L72. Meist sei überhöhte Geschwindigkeit die Ursache für Wildunfälle, erklärt Tüchler: „Ich denke, 50 Prozent lassen sich nicht vermeiden, aber 50 Prozent wären zu vermeiden.“

Neben dem Rehwild sind oft auch Füchse, Marder oder Igel Opfer von Unfällen. Was das für die Wildtierpopulation bedeutet, wird im Frühling besonders deutlich: Nicht selten komme es vor, dass trächtige Rehgeißen mit ein bis zwei Kitzen im Uterus angefahren werden und verenden, erklärt Bezirksjägermeister Strasser. Kein schöner Anblick für den Jäger: „Oft werden sie vom Auto mehrere Meter weit mitgeschleift. Es ist furchtbar“, sagt Tüchler.

Wildnachsuche auch für Jäger und Hunde gefährlich

Nicht immer gelingt es den Jägern, Unfallwild auch wirklich zu finden. Weil er selbst dafür entlang der Straße unterwegs sei, gestalte sich die Suche gefährlich. Und der Einsatz des Jagdhundes sowieso, betont Max Tüchler.

Zwischen 40 und 50 Stück Rehwild kommen pro Jahr in seinem 1.780 Hektar großen Revier durch Verkehrsunfälle um, dazu noch 30 bis 40 Stück Mähopfer, rechnet er vor: „Wenn es gut geht, bleiben noch 40 Stück für den Abschuss übrig.“ Für den Verzehr ist Kfz-Wild unbrauchbar und verboten – somit auch ein finanzieller Verlust: „Wichtig wäre, wenn die Versicherung uns etwas ersetzen würde. Wir steigen leer aus.“

Versichern hilft – aber nur den Fahrzeuglenkern

Auf die unverzügliche Anzeigenpflicht bei der Polizei nach einem Wildunfall weist auch Kurt Jungbauer, Versicherungsmakler aus Litschau hin. Wird bis zum nächsten Tag gewartet, könnte die Versicherung aussteigen: „Meine Empfehlung ist: Immer anzeigen und dann schauen, was wirklich ist.“

Denn auch bei kleineren Unfällen mit Feldhasen könnte ein Schaden am Fahrzeug entstanden sein: „Man weiß ja nicht, wie es unter dem Auto aussieht.“ Die Versicherung kann dann notwendige Reparaturen decken. „In jeder Teil- oder Vollkaskoversicherung sind Schäden durch Tiere mitversichert“, sagt Jungbauer.

Und die Schäden sind gar nicht so gering: „Wenn es ein kapitaler Wildschaden ist, dann sind es schon mehrere Tausend Euro“ – kann aber freilich auch bis zum Totalschaden gehen.

NOEN

Es stellt sich die Frage: Wie kann man vorbeugen? Nicht nur in Dämmerung, Dunkelheit und Herbst passieren Wildunfälle: „Es ist auch untertags mit Wildwechsel zu rechnen“, mahnt Bezirkspolizeikommandant Wilfried Brocks. „Das geht bei uns das ganze Jahr durch“, bedauert Jäger Max Tüchler.

Präventiv kann an beiden Seiten angesetzt werden. Beim Wild: An mehreren Strecken im Bezirk wurden Maßnahmen gesetzt – beispielsweise optische Warner zwischen Gmünd und Breitensee. „Ganz zufrieden sind wir nicht mit dieser Lösung“, sagt Bezirksjägermeister Ernst Strasser.

Und beim Fahrzeuglenker? „Beschilderung beachten, langsam fahren, vorausschauend fahren und Ablenkungen vermeiden“, rät Brocks.

Vielleicht hätten Max Tüchler und seine Kollegen dann ruhigere Nächte.

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