"Shitstorm" gegen Besitzer von getötetem Schaf. Sechs Schafe tot, eines geflüchtet, zwei weggegeben: Gehege zweier Familien seit Vorwoche leer, Besitzer erntete „Shitstorm“.

Von Markus Lohninger und Karin Pollak. Update am 08. August 2018 (08:49)
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Hans Prinz aus Angelbach braucht Schafe. Auf diesem unwegsamen Gelände ist das Mähen unmöglich.

"Der Wolf steht vor der Tür“, hatte Gmünds Bezirksjägermeister Ernst Strasser noch im Juni zur NÖN gesagt, als Wölfe wiederholt in Bezirksnähe Schäden anrichteten. Waren sie ihm zufolge bis dahin im Bezirk noch nicht nachgewiesen, so dürften es erste Tierhalter bei uns schon in den nächsten Tagen schwarz auf weiß haben: Der Wolf ist zur Tür hereingekommen!

Vorige Woche schlug „Meister Isegrim“ mit größter Wahrscheinlichkeit mehrfach zu: Ihm werden fünf gerissene Schafe in Angelbach und eines in Rindlberg (Marktgemeinde Bad Großpertholz) zugeschrieben, auch im Bezirk Zwettl wird er für zehn tote und drei verschwundene Schafe verantwortlich gemacht.

Ob es sich wirklich um Wolfsrisse handelt, das prüft das Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie mittels DNA-Analyse. Wolfsbeauftragter Georg Rauer stuft die Risse jedenfalls als „wolfsverdächtig“ ein, wobei er zwei verendete Schafe in Angelbach als „etwas eigenartig“ deklariert. „Vermutlich sind da schon andere Tiere dabei gewesen“, so Rauer, der bei allen toten Schafen den Wolf als potenzielle Todesursache sieht.

Jägern sind rechtlich die Hände gebunden

Bezirksjägermeister Strasser fühlt sich in seinen Prognosen bestätigt. Aber: „Es sind erst die ersten Anzeichen dafür, dass wir einfach zu viele Wölfe haben. Der Höhepunkt ist noch lange nicht erreicht. Die Angriffe der Wölfe werden sicherlich mehr.“ Die Jagdpächter Kurt und Erich Hofer beteuern, wegen des Schutzstatus des Wolfes „rechtlich gar nichts tun zu können. Wir sind aber ständig mit dem Thema beschäftigt. Die Bevölkerung kennt sich bei Amtswegen nach einem Wolfsriss nicht aus. Somit ist der Jäger der erste Ansprechpartner.“ In Eigeninitiative liefern sie den Behörden Zahlen und Fakten, um das Vorkommen in der Region zu dokumentieren.

Vorige Woche wurde zuerst eines von drei durch Elektrozaun gesicherten Schafen in Rindlberg gerissen, danach wurden in der Nacht auf 2. August in Angelbach fünf Schafe – drei sieben Monate alte Lämmer, zwei Muttertiere – der Familie Prinz im Gehege nahe des Hauses gerissen. Das sechste Schaf verschwand.

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Nach dem Massaker in Angelbach.

„Zum Schaden kommt der bürokratische und logistische Aufwand. Wäre ich nicht Pensionist, ich hätte drei Tage Urlaub nehmen müssen“, klagt Hans Prinz: „Keine Behörde, kein Politiker, kein Tierschützer fühlt sich zuständig. Der Tierbesitzer bleibt übrig.“

„Man fühlt sich unheimlich alleine“, hatte vor dem Wochenende auch der Besitzer des zuvor gerissenen Schafes „Distel“ in Rindlberg im NÖN-Interview gesagt. Danach wuchs ihm die Sache über den Kopf, zumal im Internet ein regelrechter „Shitstorm“ über ihn hereingebrochen sei. Er zog sein Interview zurück, und zum Selbstschutz auch die Angabe seiner Identität. Dem Tier seien bei der Wolf attacke Schulter und Bein ausgerissen worden, dabei sei es acht Meter weit gezogen worden, ehe dessen Mörder mit der Beute über den wenige Meter vom Haus entfernten, 1,2 m hohen Elektrozaun gesprungen sei.

Rauer: „Wölfe sind scheu und zurückhaltend“

Für die Rindlberger waren die drei Schafe – die zwei verstörten Überlebenden mussten vorläufig weggegeben werden – liebgewonnene, langjährige Haustiere. Die Familie Prinz hielt ihre Tiere wegen des Fleisches, aber auch für die Pflege der steilen Böschung hinter ihrem Haus. Hans Prinz: „Ihnen ist es immer gut gegangen. Dass sie vom Wolf so qualvoll getötet worden sind, haben sie sich nicht verdient. Das sollten Tierschützer, die sich über das Vorkommen des Wolfes in unseren Breiten freuen, überdenken.“

In der Nachbargemeinde Langschlag (Bezirk Zwettl) ist der Wolf ebenfalls Thema. Laut Bürgermeister Andreas Maringer gibt es einen bestätigten Wolfsriss von vier Schafen in Siebenhöf – eines verschwand, eines verendete, zwei mussten notgeschlachtet werden. In der Nacht auf 31. Juli verschwand in Mitterschlag ein Schaf, eines musste notgeschlachtet werden. In der Nacht auf 7. August wurden noch einmal fünf Schafe in Bruderndorf gerissen, zwei verschwanden. „Alle gehen von Wolfsrissen aus“, so Maringer: „Die Diskussion ist groß, ebenfalls die Angst. Mütter mit Kindern und Schwammerlsucher gehen nicht mehr in den Wald.“

Karin Pollak
Der Schafstall in Rindlberg ist verwaist. Das Schaf „Distel“ wurde gerissen, die zwei anderen an einen sicheren Ort gebracht.

„Schwammerlsucher brauchen sich aber nicht zu fürchten. Wölfe sind scheu, zurückhaltend und auch nicht ausgehungert“, sagt Wolfexperte Rauer. Und, zum Wolfsschutz: „Im Verhältnis zu anderen Ländern hat Österreich kein Gewicht, um die Rechtssituation zu ändern.“

Entschädigungen gibt es nur, wenn mittels DNA-Analyse ein gesicherter Nachweis für einen Wolfsriss erbracht wird. Trost wäre das nach dem Verlust geliebter Tiere allemal keiner.

Was geschieht mit den getöteten Tieren?

Fassungslos machte Hans Prinz indes das Vorgehen der Tierkörperverwertung und -beseitigung Saria – bis zur Abholung am 6. August hätte er die toten Tiere trotz Hitze in die Altpapiertonne stecken sollen. Das war indiskutabel. Jäger stellten Plastiksäcke zur Verfügung.

Von Saria beteuert Reinhard Thürr, man habe nach den Transportmodalitäten und hygienischen Vorschriften gehandelt. Der Fahrer sei am Freitag zum Zeitpunkt des Anrufs schon nach Tulln unterwegs gewesen, man müsse Ruhezeiten und das Wochenend-Fahrverbot einhalten. Die Papiertonne hält Thürr als tauglichen Ersatz-Container. Er rät Besitzern von toten Tieren mit Bezug zum Wolf: „Sobald der Termin mit dem Wolfsbeauftragten steht, sofort uns informieren.“ Das Freigabe-Prozedere hänge an der Behörde.

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