Gmünder Unternehmensberater in der Krise am Höchststand. WWV mit Mitarbeiterrekord. Über CoV, Homeoffice, System-Change und Hundehütten.

Von Markus Lohninger. Erstellt am 23. Oktober 2020 (05:13)
Die Gmünder WWV-Group wuchs im Coronajahr auf 28 Beschäftigte an. Zu tun gibt’s genug.
Benjamin Wald

Im Coronajahr eins verzeichnet die Gmünder WWV-Group als größte eigenständige Steuer- und Unternehmensberatungs-Kanzlei des Waldviertels ihren Mitarbeiter-Höchststand: Bereits 28 Beschäftigte gehen etwa der Frage nach, wie im kommenden Jahr trotz Fälligkeit von gestundeten Finanzamts- und Gesundheitskassen-Schulden für Betriebe möglichst viele Jobs erhalten werden können.

Zwischen „System-Change“ und Kollaps

Die zwei Geschäftsführer gehen von einem wirtschaftlich extrem schweren Jahr 2021 aus, das kaum zu prognostizieren ist. „Stundungen werden in Zuschüsse umgewandelt werden müssen, sonst könnte das System kollabieren“, glaubt Harald Buchhöcker.

Anders Leopold Kaufmann-Grümeyer: Er stellt sich eher auf eine Lawine an Insolvenzen ein. Ein radikaler Wechsel könnte bevorstehen, sind sich die Partner einig, „vielleicht tut er uns auch gut und lehrt uns, den Hausverstand wieder mehr einzusetzen“.

Bereits der Winter könnte ein solches Umdenken einleiten, etwa in Tourismus und Gastronomie. Unabhängig von der Ungewissheit über das Kommen ausländischer Gäste in Coronazeiten erwarten die WWV-Experten angesichts mitunter ausbleibender ausländischer Beschäftigter neben hoher Arbeitslosigkeit auch massive Personal-Engpässe.

„Es wird ein Umdenken und eine höhere Flexibilität unter Arbeitskräften geben müssen“, sagt Kaufmann: „Meine Stelle ist weg, aber es gibt Branchen, die meine Arbeitskraft brauchen – also werde ich umsatteln müssen. In den meisten Ländern ist diese Logik normal, bei uns stehen ihr oft noch gefühlte Gewohnheitsrechte im Weg.“

„Plötzlich wird sogar jede Hundehütte verkauft“

Im Waldviertel selbst sieht WWV im Tourismus- und Gastro-Bereich unter den eigenen Klienten seit den Covid-Lockerungen Anfang Mai Umsatzsteigerungen von 30 bis 45 Prozent zu 2019 – die besten Zahlen seit Jahrzehnten. Die Region habe einen Boom erlebt, der nachhaltig wirken werde.

„Viele Leute wollen einfach raus aus der Großstadt, fliehen in der Pandemie aus ihrer 60m 2 -Wohnung mit zwei Kindern“, sagt Kaufmann: „Im Waldviertel wird plötzlich fast jede Hundehütte verkauft. Lange als unverkäuflich gegoltene Liegenschaften werden als Wochen end-Häuser relevant.“ Das setzt eine Spirale nach oben in Gang – für Eigentümer wird es attraktiver, Immobilien loszulassen.

Es wäre keine Krise, bestünde nicht auch im Verkauf eine Gefahr…

Geld nicht am Sparkonto lassen

Gespart werden soll nämlich jetzt weniger denn je, mahnen Kaufmann und Buchhöcker. Die Commerzialbank-Pleite habe die Grenzen des Einlagensicherungsfonds aufgezeigt – Einlagen über 100.000 Euro sind verloren, für den Rest mussten die gut 160 Banken im Fonds-Verbund gerade stehen. „Wir mussten für eine kleine Bank mit fünf Filialen 520.000 und für eine etwas größere 5,3 Millionen Euro überweisen, um den Schaden aus dem Burgenland zu decken.“

Banken können nur mit dem Geld von Kunden arbeiten, betont er. Er wolle keine Panik auslösen, so Kaufmann. Aber: „Die Zeche zahlt am Ende des Tages der Sparer. Mein Tipp: Bringt euer Geld in einen Kreislauf! Das schafft Wert und hält zugleich die Wirtschaft am Leben, während es am Konto irgendwann auch unter 100.000 Euro weg sein wird.“

Auch der Staat müsse sich Geld, das er zum Beispiel in Investitionsprämien und Kurzarbeitszeit-Modelle pumpt, irgendwann einmal zurückholen – und das geht am ehesten bei denen, die welches haben.

Ja, auch Kurzarbeit ist bei WWV ein Thema

Sie hat durch Corona den Schrecken von früher verloren. Einige Beschäftigte würden sich inzwischen sehr gut mit etwas weniger Verdienst bei deutlich weniger Arbeit arrangieren können (Buchhöcker: „Golfen bei fast vollen Bezügen…“). Für Ehrgeizler sei die Situation hingegen eine Qual.

Homeoffice als Segen – und Fluch

Auch ein weiterer Bereich, der im Coronajahr zum Faktor wurde, beschäftigt WWV. „Homeoffice hat einen Bequemlichkeitsfaktor mit sich gebracht, der nicht mehr einfach rückzuführen sein wird“, sagt Harald Buchhöcker.

Viele Dimensionen der Auswirkungen – mit der räumlichen Überschneidung von Job und Privatleben – sind noch kaum erfassbar. Leopold Kaufmann-Grümeyer: „Leute verlernen zuhause zunehmend das Arbeiten. Während die gefühlte Belastung mitunter mehr wird, weil vielleicht auch neben dem Sport-TV gearbeitet wird, nimmt die Effizienz des Personals tendenziell ab.“

„Vieles geschieht langsamer, trotz Mehrstunden.“Leopold Kaufmann-Grümeyer

Ihre Befunde stützen sich auf zahlreiche Gespräche mit Klienten. Im März und April sei Homeoffice wichtig gewesen, um drängendste Aufgaben erfüllen zu können. Aber: „Heute geschieht vieles langsamer und weniger effektiv, obwohl sich Mehrstunden häufen und Mitarbeiter auch denken, sie hätten mehr gearbeitet. Sie sind tatsächlich online, können aber Faktoren wie Familie, Haustier oder eben TV nicht so einfach ausblenden und auf den Job fokussieren wie im Büro.“

Auch der kommunikative Büroaustausch bleibe auf der Strecke. – Wie mit der Situation umgehen? Darauf erwartet er so bald keine Antwort. Die Frage überfordere viele Unternehmer, die aktuell vor ganz anderen Herausforderungen stehen: „Es wird Vorgaben zur Nutzung der Digitalisierung brauchen, und Zeit und Muße zum Aufbau eines Kontrollsystems.“

„Task-Force“ für Pleiten

Sehr wohl rasche Antworten will WWV liefern, wenn am 15. Jänner coronabedingt gestundete Schulden der Betriebe bei Finanzamt und Gesundheitskassa fällig werden – und das Erwirtschaftete vielleicht nicht reicht, zugleich Forderungen von Banken, Lieferanten und Mitarbeitern zu decken. Dann drohen Pleitewellen.

Auf die rüsten sich die Gmünder mit einer „Insolvenzen-Task-Force“ mit allen Bereichen zwischen Buchhaltung, Lohnverrechnung, Controlling und Sanierungsbegleitung, um Firmen und Masseverwalter im Verfahren effizient unterstützen zu können. „Wir sind als Waldviertler eine krisenerprobte Kanzlei, begegnen der Krise nicht mit Angst – und können auch harte Entscheidungen treffen, um Arbeitsplätze zu sichern“, sagt Kaufmann. Mögen sie uns dennoch erspart bleiben.