Gmünderin in Südkorea: „Wir fliegen und checken Lage“. Sandra Apfelthaler reiste im Februar nach Südkorea – und blieb: „Hier konnte ich die ganze Zeit rausgehen.“

Von Anna Hohenbichler. Erstellt am 31. Mai 2020 (05:49)

Es ist 17.47 Uhr in Südkorea. Sieben Stunden Zeitverschiebung, denn in Österreich ist es erst 10.47 Uhr, als Sandra Apfelthaler auf den Skype-Anruf antwortet. „Ich bin in der Zukunft“, sagt sie.

Die 20-jährige Gmünderin studiert im vierten Bachelor-Semester Finanz-, Rechnungs- und Steuerwesen an der FH Wien der Wirtschaftskammer Wien. Am 23. Februar reiste sie – gemeinsam mit einem Studienkollegen – im Zuge des verpflichtenden Auslandssemesters in die südkoreanische Stadt Daejeon und erfüllte sich damit einen Wunsch: „Ich wollte schon immer auf die Partneruni in Solbridge“, erzählt Apfelthaler.

Reise in die Zukunft – im doppelten Sinn

Beim Antritt des Auslandssemesters war es eine Reise in die Zukunft – nicht nur wegen der Zeitverschiebung. Covid-19 bewegte sich in Südkorea gerade in Richtung Höhepunkt, in Österreich schien es noch weit entfernt. Die Absage des Auslandssemesters war keine Option für sie: „Wir haben gesagt ‚Wir fliegen auf jeden Fall hin und checken die Lage mal ab.‘ Der Flug war ja schon bezahlt.“ Kurz vor dem Abflug in Wien empfing sie eine Nachricht. „Das war beim Boarding, ich hatte gerade noch Internet und eine E-Mail bekommen, in der stand, dass wir noch nicht fliegen und warten sollen.“ Dafür war es freilich zu spät. Ein damals von zuhause noch ungewohntes Bild am Flughafen von Seoul: „Beim Ankommen haben dort alle Masken getragen.“

Mitte März wurden in Österreich Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus gesetzt: Gastronomie, Schulen, Geschäfte schlossen. Reisewarnungen – unter anderem für ganz Südkorea – wurden ausgesprochen. Für Sandra Apfelthaler war es die dritte Woche ihres Auslandssemesters. „Wir hatten nicht das Gefühl, dass Südkorea die Lage nicht unter Kontrolle hätte.“ Sie hatte den Eindruck, die Situation Südkoreas werde gefährlicher dargestellt. „Es war unverständlich für uns, warum Österreich für ganz Südkorea eine Reisewarnung ausgesprochen hat. Von anderen Ländern, unter anderem Deutschland, gab es nur partielle.“ Denn: Südkorea sei nicht in allen Landesteilen gleich stark betroffen gewesen.

Notfallwarnungen aufs Mobiltelefon

Den Studenten wurde die Option gelassen, nach Österreich zurückzukehren. Sandra Apfelthaler und ihre Kollegen haben sich entschieden, zu bleiben. „Weil wir keinen Grund sahen, zurückzufliegen. Das war die beste Entscheidung.“ Währenddessen sind ihre Eltern auf Unverständnis gestoßen. „Einzelne Leute haben sie dafür verurteilt, dass sie ihre Tochter nach Südkorea schicken“, sagt sie und betont, dass ihre Eltern „alles richtig gemacht haben, indem sie mir die Entscheidung überlassen haben.“ In Gefahr habe sie sich nie gefühlt. Korea sendet Notfallwarnungen aufs Mobiltelefon: Wie hat man sich zu verhalten und wo Neuinfektionen aufgetreten sind. Die Maßnahmen der Regierung seien gut umgesetzt worden: „Die Koreaner sind sehr diszipliniert.“

Zu Bleiben war die „beste Entscheidung“

Um Ostern, als in Österreich der Höhepunkt der Pandemie erreicht war – sanken die Zahlen in Südkorea. Auch da war Sandra Apfelthaler in der Zukunft. „Es war die beste Entscheidung, nicht nach Hause zu fliegen“, blickt sie zurück. „Hier konnte ich die ganze Zeit rausgehen. In Daejeon hatte alles offen: Geschäfte, Restaurants, Bars.“ Nur die Schulen nicht. Ihre Uni ist noch geschlossen.

Deshalb werden die Kurse online abgehalten. Am Stundenplan stehen Rechnungswesen, Finanzierung und Fächer, in denen „Soft-Skills“ vermittelt werden. Die lernt Sandra Apfelthaler auf ihrer Reise ohnehin.

Was sie aus dem Auslandssemester mitnehmen wird?

„Dass eigentlich alles halb so schlimm ist… und es wichtig ist, Ruhe zu bewahren“, sagt sie und lacht. Nach den Kursen trifft sie sich mit Freunden zum Einkaufen, Essen gehen oder für Ausflüge. Gewohnt wird am Campus. Das Gebäude wird täglich gereinigt und desinfiziert, mindestens zweimal am Tag wird bei den Bewohnern die Körpertemperatur gemessen. Eigentlich wären etwa 50 Studenten aus Europa hier gewesen, jetzt sind es gerade einmal 15. Apfelthaler lebt in einem Zweier-Zimmer. Während des Gesprächs dreht sie sich ab und zu zur niederländischen Zimmerkollegin um.

Am 6. Juli geht es für Sandra Apfelthaler sieben Stunden zurück, in die österreichische Zeitzone. Ab August absolviert sie ihr sechsmonatiges Pflichtpraktikum bei KPMG in Wien, eine der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Soweit der Plan für die Zukunft.