Opfer auch nach Kriegsende

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch auch in den folgenden Jahren gab es Opfer.

Peter Führer
Peter Führer Erstellt am 06. Mai 2020 | 04:10
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Das „Auer Kreuz“ erinnert an die Ermordung von Johann Krahofer durch einen russischen Besatzungssoldaten in Au bei Neu-stadtl.
Foto: Stadtarchiv

Die Republik feierte im heurigen Jahr 75 Jahre Ende des Zweiten Weltkrieges. Am 8. Mai 1945 kapitulierte Nazi-Deutschland, damit endete die große Katastrophe.

Noch bis kurz vor Kriegsende kam es in Amstetten, etwa am 16. und 20. März, zu verheerenden Bombardements, die viele Opfer forderten. Am 20. März griffen 334 Flieger die Stadt an. „Als wir um 17 Uhr nach stundenlangem, heftigem Bombardement aus dem Stollen herauskamen, gefror uns das Blut in den Adern: Die Osthälfte der Herz-Jesu-Kirche war total weggerissen. Wir stolperten weiter über Schutt und Trümmer, Staub und Ruß lagen in der Luft, die Firma Avenarius brannte lichterloh und Rauchschwaden hingen über der Stadt“, schilderte Zeitzeuge Emil Landsmann später die dramatischen Ereignisse dieses Tages.

Elf Luftangriffe auf Amstetten

Insgesamt wurden von November 1944 bis Mai 1945 elf Luftangriffe auf Amstetten geflogen. 12.000 Spreng- und Splitterbomben wurden dabei auf die Stadt geworfen. Die letzten Bomben fielen noch am 8. Mai auf den Hauptplatz, als russische Bomberpiloten amerikanische Panzer für abziehende deutsche Truppen hielten. Insgesamt kamen bei Bombenangriffen in Amstetten 227 Menschen ums Leben. Nur die großen Stollen, in denen viele Bürger Schutz fanden, konnten eine noch höhere Opferzahl verhindern.

Auch der Wiederaufbau erforderte von der Bevölkerung große Opfer. So kam es auch in der Besatzungszeit zu Erschießungen, wie etwa Josef Plaimer, Amstettner Stadtarchivar im Ruhestand, recherchierte. „In der Zeit nach Ende des Zweiten Weltkrieges und in der sogenannten Besatzungszeit bis 1955 durfte in den Berichten nie geschrieben werden: es waren oder verdächtig der Tat sind russische Soldaten. Es musste stets geschrieben werden: der Tat verdächtig sind Männer in gestohlenen russischen Uniformen‘“, so Plaimer.

„Wir stolperten weiter über Schutt und Trümmer, Staub und Ruß lagen in der Luft, die Firma Avenarius brannte lichterloh und Rauchschwaden hingen über der Stadt.“Zeitzeuge Emil Landsmann, 1945 14 Jahre alt, schilderte später seine Eindrücke

Erschossen wurde etwa Steinmetzmeister Leopold Neu am 12. Mai 1945 im Alter von 38 Jahren, nachdem er aus Angst vor der Verschleppung nach Sibirien davonlief. Die Tat geschah in Schimming, Gemeinde Preinsbach. „Das besonders Tragische an diesem Fall war, dass Neu das Ende des Krieges an einem ‚sicheren‘ Ort in Neustadtl verbrachte und als er die Nachricht erhielt, in Amstetten sei es wieder ruhig, getötet wurde, als er seiner Gattin und der Mutter voranging, um die Arbeit in seinem Steinmetzgeschäft wieder aufzunehmen“, berichtet Plaimer.

In den folgenden Tagen kam es zu weiteren Todesfällen. So erschossen „Männer in russischen Uniformen“ den Bundesbahner Johann Neuhauser (12. Mai) in Paulberg, Ardagger Stift, und Gastwirtin Cäcilia Brandstätter (8. Juli). Zuvor war diese aus Angst vor einer Vergewaltigung in ein angrenzendes Kornfeld geflüchtet. Ermordet wurde auch Brunnenmeister Alois Greibich. Er war von Amstetten Richtung Schaffenfeld unterwegs, als russische Soldaten ihn erschossen, nachdem er sein offenbar neuwertiges Fahrrad nicht hergeben wollte. Bei all diesen Fällen und vielen weiteren Tötungen und Vergewaltigungen im Bezirk Amstetten konnten die Täter nicht ermittelt werden.

Einer der seltenen Fälle, wo es doch zu einer Verurteilung kam, war jener des Neustadtler Landwirtes Johann Krahofer. Ein vorerst unbekannter Soldat überfiel Krahofer am 6. März 1946 und tötete ihn nach einem Kampf mit einem Schuss ins Herz. Am nächsten Tag konnte die Tat einem Angehörigen der russischen Besatzungsmacht nachgewiesen werden, da dieser noch im Besitz von geraubten Gegenständen war. Der Täter wurde hingerichtet. „Nahezu ein Einzelfall“, schildert Plaimer.

Tragisch auch das Schicksal von fünf Schülern im Alter von 10 bis 13 Jahren in Viehdorf. Sie spielten beim Gemeindehaus mit ungarischen „Eierhandgranaten“, wobei eine explodierte und alle Schüler tötete.