Lachmayr im Interview: „Müssen auf die Bremse steigen“. Bürgermeister Daniel Lachmayr über Betriebsansiedelungen sowie Pläne für ein Entwicklungskonzept und das Gemeindeamt.

Von Ingrid Vogl. Erstellt am 04. Juli 2020 (06:17)
Der Flächenwidmungsplan der Gemeinde wird genau unter die Lupe genommen. Bürgermeister Daniel Lachmayr plant die Ausarbeitung eines Entwicklungskonzeptes, um genau zu definieren, wo es künftig Wohnräume, wo Betriebsgebiete und wo Grünflächen geben soll.   Foto: Vogl
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NÖN: Aufgrund der Coronakrise kommen auf die Gemeinden schwierige Zeiten zu. Wie sieht die Situation in Ennsdorf aus?

Daniel Lachmayr: Wir erleben in Ennsdorf gerade einen Bauboom und es werden viele Projekte umgesetzt. Bei uns gibt es nach wie vor glücklicherweise auch sehr viele Betriebsansiedelungen beziehungsweise Betriebe, die erweitern. Das hat uns im Jahr 2019 in die glückliche Lage geführt, dass wir kommunalsteuermäßig schon fast die zwei-Millionen-Grenze geknackt haben. Das wird im heurigen Jahr logischerweise anders sein, weil natürlich auch in Ennsdorf aufgrund der Coronakrise Betriebe Kurzarbeit machen. Und so positiv die dynamische Entwicklung und die vielen Betriebsansiedelungen auch sind, muss man schon auch sehen, dass sie Ennsdorf auch an die Grenze des Erträglichen bringen. Wir müssen aus meiner Sicht ein wenig auf die Bremse steigen, was die Entwicklung unserer Betriebsgebiete betrifft.

„Wenn wir wollten, könnten wir ganz Ennsdorf zubauen. Das wollen wir aber nicht.“

An welche Grenzen stößt man da? Flächenmäßig?

Nein, es betrifft eher die Infrastruktur. Da meine ich vor allem das Kanalsystem, das überlastet wird, und auch die Verkehrsinfrastruktur in der Region und der Gemeinde ist nicht dafür ausgelegt, dass wir noch weitere Betriebe dazunehmen. Wir haben aus der Geschichte heraus relativ viel gewidmetes Betriebsbauland und der Wirtschaftspark floriert. Wenn wir wollten, könnten wir ganz Ennsdorf zubauen. Das wollen wir aber nicht. Ich stehe dafür und ich denke, dafür bin ich auch gewählt worden, dass wir in Ennsdorf die Grünräume, die wir noch haben, auch erhalten. Das ist ein Anspruch von mir, den ich stelle, dass wir die landwirtschaftlichen Flächen, die Grünräume und die Wälder unbedingt erhalten, um die Lebensqualität abzusichern. Ich möchte das mit einem neuen Entwicklungskonzept für die Gemeinde schaffen, indem man sich überlegt, wie sich die Gemeinde für die nächsten Jahre und sogar Jahrzehnte entwickeln soll.

Wie soll dieses Entwicklungskonzept aussehen?

Wir wollen klar definieren, wo wir Wohnräume haben wollen, wo noch Betriebsgebiete, die sich entwickeln sollen und wo Grünflächen sein sollen. Ich stelle mir vor, dass wir den Prozess im Laufe des heurigen Jahres starten und wir auch die Bevölkerung und Leute, die sich dafür interessieren, in den Prozess einbinden. Es soll auf jeden Fall nicht so sein, dass Ennsdorf komplett zugebaut wird. Und wir müssen da jetzt mit einem vernünftigen Entwicklungskonzept und einer vernünftigen Raumplanung, die im Sinne des Klimaschutzes auch auf den Bodenverbrauch schaut, handeln.

Wird man sich wie etwa auch in der Nachbargemeinde St. Valentin Hilfe von außen holen?

Wir sind noch nicht mit Experten in Kontakt, aber es ist sicher sinnvoll, sich auch Hilfe von außen zu holen. In St. Valentin war der Prozess explizit auf die Entwicklung des Ortszentrums ausgelegt. Das haben wir ja nicht wirklich. Aber wir brauchen eine Strategie und dann ein Konzept, wie sich Ennsdorf in Zukunft entwickeln soll. Das soll dann auch wirklich Hand und Fuß haben und auch gelten. Wenn der Druck auf Bauland so groß ist wie bei uns, muss man ein klares Konzept haben, wo man sagt, hier könnt ihr euch entwickeln und hier nicht. Ich habe durchaus vor, dass wir gewisse Bereiche, die wir als Bauerwartungsland ausgewiesen haben, wieder zurücknehmen.

„Es gibt Verkehrszählungen, die nach wie vor nicht veröffentlicht sind. Wir Gemeinden werden da ziemlich im Dunkeln gelassen.“

Welchen Zeitplan hat man sich für die Ausarbeitung des Entwicklungskonzepts festgelegt?

Wir haben seit der letzten Wahl einen eigenen Raumordnungsausschuss, der sich mit dem Thema beschäftigen wird. Mein Anspruch wäre, dass wir das heuer starten und innerhalb eines Jahres zu einem Ergebnis kommen.

Weniger Betriebe, dafür mehr Wohnraum hätte ja auch Auswirkungen auf Schulen und Kindergärten. Sind diese schon auf mehr Zuzug ausgelegt, oder hätte man hier künftig auch Handlungsbedarf?

Mit der Schaffung von mehr Wohnraum braucht man natürlich auch mehr Platz in Kindergärten und Schulen. Momentan kommen wir mit den Erweiterungen, die mit dem Flächenwidmungsplan jetzt in Kraft getreten sind, noch aus. Es sind natürlich auch noch weitere Projekte in der Pipeline, wie Reihenhäuser, Wohnhäuser oder genossenschaftlicher Wohnbau. Es wird daher sicher nicht ausbleiben, dass man in einigen Jahren den Kindergarten erweitert oder auch einen neuen errichtet. Ich gehe davon aus, dass wir eine siebente Gruppe brauchen werden.

Ein wesentliches Thema in Ennsdorf ist natürlich die Errichtung einer neuen Mauthausner Donaubrücke, wofür mehrere Varianten im Raum stehen. Wie sieht der neueste Stand aus?

Ich fordere in dem Prozess vom Land NÖ volle Transparenz. Das war nicht immer so und ist jetzt nach wie vor nicht so. Es gibt Verkehrszählungen, die nach wie vor nicht veröffentlicht sind. Wir Gemeinden werden da ziemlich im Dunkeln gelassen. Es gibt jetzt diese mögliche Variante durch Ennsdorf. Wir haben mit einer Resolution dargelegt, dass wir die nicht haben wollen. Wir sind mittlerweile in konstruktiven Gesprächen, wo wir dem Land dargelegt haben, welche Probleme wir in Ennsdorf jetzt schon haben. Wir können nicht akzeptieren, dass diese Probleme mit einer Variante durch Ennsdorf noch verschärft werden. Wir wünschen uns eine ennskanalnahe Variante mit einer neuen Autobahnauffahrt und Einbindung der Umfahrung St. Valentin-Langenhart. Und es braucht ein Konzept für den öffentlichen Verkehr.

Nun zu etwas Positiverem: Die neue Arztpraxis steht vor der Fertigstellung?

Ja, wir eröffnen die Arztpraxis am 11. Juli. Wir waren ohne Unterstützung des Landes in der glücklichen Lage, die Praxis aus Mitteln aus dem ordentlichen Haushalt, ohne Darlehensaufnahme, zu errichten. Sie ist ein Meilenstein für die Gesundheitsversorgung in Ennsdorf, weil wir es jetzt geschafft haben, eine öffentliche Ordination für die Kassenstelle zu errichten. Solange es Ärzte gibt, die eine Kassenstelle annehmen, können wir in Ennsdorf jetzt eine moderne, großzügige Räumlichkeit anbieten.

Es gab unter Ihrem Vorgänger Pläne für einen Neubau des Gemeindeamtes. Sind diese auf Dauer auf Eis gelegt?

Der politische Wille ist, dass man das Gemeindeamt auf dem bestehenden Standort belässt. Das Gemeindezentrum soll sich hier weiter entwickeln. Die Idee ist, dass man den Standort ausbaut und saniert. Wir sind mit dem Platzbedarf an unseren Grenzen, daher ist es ein Projekt, das wir in dieser Periode auf jeden Fall noch angehen werden. Es wird aber keinen völligen Neubau, sondern nur einen Zubau geben. Der Bestand wird miteinbezogen. Eine Vision von mir ist, die Amtshausstraße zu einem Zentrum auszubauen. Ins leere Geschäftslokal im Amtshaus ist ja jetzt ein Notar eingezogen. Wünschenswert wäre auch, dass wir wieder einen Gastrobetrieb wie etwa ein Café ansiedeln könnten. Mittels eines Architektenwettbewerbs soll das beste Projekt ausgesucht werden. So ein Wettbewerb würde eine Premiere für Ennsdorf bedeuten.