Ex-Abt Heigl: „Manchmal genügt es, etwas zuzulassen“. Der emeritierte Abt des Stiftes Seitenstetten, Berthold Heigl, feierte seinen 75. Geburtstag. Die NÖN sprach mit ihm über sein Wirken als Abt und seine Hobbys.

Von Josef Penzendorfer. Erstellt am 28. April 2021 (04:21)
Der emeritierte Abt des Stiftes Seitenstetten, Berthold Heigl, feierte seinen 75. Geburtstag. Die NÖN traf ihn zum Interview in seinem geliebten Hofgarten des Stiftes.
Penzendorfer, Penzendorfer

Es gibt wohl keinen geeigneteren Ort, sich mit dem emeritierten Abt des Stiftes Seitenstetten zum Geburtstags-Interview zu treffen, als den Hofgarten. Aber nicht nur das schöne Ambiente mitsamt dem nach ihm benannten Seminarraum im angrenzenden Meierhof erinnert an den bescheidenen, verdienstvollen und leutseligen Klostervorsteher.

Berthold Heigl hat das Leben innerhalb und außerhalb der Klostermauern, ja der gesamten Region des Mostviertels, fast 30 Jahre als Abt entscheidend mitgeprägt und ist nach seiner erfolgreichen Herztransplantation im Jahr 2014 noch immer in der Seelsorge tätig. Sein Wahlspruch aus der Regel des Hl. Benedikt als 62. Abt des Stiftes lautete: „Mehr dienen als herrschen!“

NÖN: Abt Berthold, was haben Sie gefühlt, als sie mit 38 Jahren zum jüngsten Abt Österreichs gewählt wurden?

Abt Berthold: Ich habe es als ein Zeichen von oben gedeutet. Die Abtwahl ist ein demokratischer Vorgang und deswegen sollte man sich auch nicht vor dieser großen Herausforderung, die sie unbestritten ist, drücken. Mein Vorgänger Abt Albert Kurzwernhart hat mir auch schon einiges „in die Wiege gelegt“, so wurde die Landesausstellung bereits mit meinem Antrittsbesuch bei Landeshauptmann Ludwig besiegelt, was mit umfassenden Renovierungsarbeiten, die 1985 beginnen sollten, einherging. Damit verbunden war auch die weitere Öffnung unseres Klosters, gerade auch durch die Mithilfe von Angehörigen unserer 14 Stiftspfarreien – 30.000 freiwillige Arbeitsstunden wurden von dieser Personengruppe bei der Stiftsrestaurierung geleistet –, was aber gleichzeitig eine engere Bindung an das „Mutterhaus“ bedeutete.

„Unser Stift wird bei aller Veränderung wohl geistliches und kulturelles Zentrum des Mostviertels bleiben!“ Alt-Abt Berthold Heigl

Die Ausstellung „Kunst und Mönchtum an der Wiege Österreichs“ im Jahr 1988 war dann ein ganz großer Erfolg.

Abt Berthold: Durch großzügige Unterstützung von Bund, Land und Diözese sowie die gute Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt durften wir unser Stift großartig renoviert als „Vierkanter Gottes“ präsentieren. 250.000 Besucher konnten so unser Kloster näher kennenlernen und am umfangreichen Kulturangebot mit Konzerten, Ausstellungen und anderen Veranstaltungen teilhaben. Es war ein Geben und Nehmen, denn ich denke mit Freude an die vielen wertvollen Begegnungen zurück, aus denen mitunter auch bis heute andauernde Freundschaften geworden sind.

Seither ist das Stift viel besuchtes religiöses und kulturelles Zentrum des Mostviertels. Es galt nach der Landesausstellung, die noch ausstehenden Renovierungsarbeiten abzuschließen, und dann tauchte da mit dem Hofgarten ein neues Großprojekt auf.

Abt Berthold: Manchmal genügte es meinerseits einfach auch, etwas geschehen zu lassen, nur zuzulassen. Am Anfang dieses Projektes stand nämlich ein Traum Ursula Hallers, einer Liebhaberin unseres verträumten, aber verwilderten Gartens; ich träumte diesen Traum mit, und manchmal werden Träume eben wahr. Ein „Garten-Projektteam“ ließ sich leiten von dem Gespür, was Menschen heutzutage suchen und brauchen, und so ist 1996 der neue Hofgarten mit fünf Teilräumen wie Kräuter-, Nutz-, Themen-, Schul- oder Rosengarten entstanden. Bereichert wurde der Historische Hofgarten noch um das neu gestaltete Glashaus und eine Gärtnerei mit Gartenakademie. Auch die jährlichen Gartentage, Pflanzen- und Kunstmärkte oder Vollmondnacht mit Konzerten sind bestens etabliert. Heuer feiern wir „400 Jahre Erdäpfel“, geplant ist auch die Gründung des Vereines „Freunde des Hofgartens“.

NÖN: Es ist wohl nicht übertrieben, den Garten, der heuer sein 25-jähriges Wiedereröffnungsjubiläum feiert, als besonderes „Liebkind“ des Abtes bezeichnen zu dürfen.

Abt Berthold: Alles wächst und blüht und duftet hier „gratis“ – aus Gnade! Dieser Garten ist für mich ein Zeichen gelebter benediktinischer Gastfreundschaft, dieses Paradies hier steht allen offen und man sieht auch keine traurigen Gesichter. Der wertvollste Lohn und eine besondere innere Freude sind es für mich zu beobachten, wie dieser Garten den Menschen einfach guttut. Er ist zugleich die Möglichkeit eines niederschwelligen Angebots der Begegnung: Man kommt ins Gespräch, oder aber man durchschreitet schweigend das Rosenkranzlabyrinth, das ich fast täglich begehe, um immer wieder ganz zu mir selber, in meine Mitte zu finden, wobei wie im realen Leben auch das Umkehren dazugehört. Schauen, Hören, Staunen – das kann auf diesem wunderschönen Fleckchen Erde ganz besonders gut gelingen. Die Schönheit einer Blüte oder einen stimmungsvollen Sonnenuntergang bewusst erleben lässt Gottes großartige Schöpfung erahnen.

Haben Sie auch ein persönliches Lieblingsplatzerl?

Abt Berthold: Mein Gang durch den Garten führt mich stets zur Statue der Hl. Familie im hinteren Bereich, wo ich für all die täglichen Begegnungen danke und die persönlich an mich herangetragenen Anliegen in mein Gebet einschließe. Dort lege ich den Tag dankbar zurück in Gottes Hände und denke an meinen „Herzbruder“, dem ich mein neues Herz verdanke.

Seit Kindestagen in der „Einschicht“ des Elternhauses ist Ihre Naturverbundenheit eine besondere: Pilgern und Wandern sind daher wohl Fixpunkte?

Abt Berthold: Seit 27 Jahren leite ich Wanderexerzitien, die uns heuer für eine Woche im August in die Montafoner Bergwelt führen werden. In früheren Jahren habe ich immer ein Jahr im Voraus mit meinen Geschwistern die Tagestouren erkundet, jetzt wird die Planung von einem kleinen Team durchgeführt. Das „Vater unser“ als Herzmitte des Evangeliums und unseres christlichen Lebens wird heuer Thema bei den täglichen Wanderungen mit Morgenlob, spirituellen Impulsen, Schweigen und Gespräch, gemeinsamen Gebetszeiten und „Gipfelmessen“ sein. Ein gemütlicher Tagesausklang darf nie fehlen.

Und doch ist auch ein derart engagierter und von Tatendrang getriebener Gottesmann nicht vor gesundheitlichen Rückschlägen gefeit; das Herz verlangte vor einigen Jahren nach einer „Zäsur“.

Abt Berthold: Seit 1989 wurde meine Herzschwäche medikamentös behandelt, die Belastungen durch die umfangreichen Feierlichkeiten zum 900-jährigen Stiftsjubiläum, durch den Bau und die Eröffnung des neuen Turnsaales und von anderem mehr waren einfach zu groß, sodass ich mich vorerst für einen Herzschrittmacher entschied und mich dann 2013 – dem Rat guter Freunde und Ärzte folgend – zum Rücktritt als Abt sowie zur Herztransplantation entschlossen habe, die in den letzten Apriltagen des Jahres 2014 durchgeführt wurde. Ich konnte mich danach bei Reha- und Kuraufenthalten gut erholen, muss aber sehr wohl auf meine Gesundheit achten. Während der ersten Phase der Corona-Pandemie, der ich aber ohne jegliche Ängstlichkeit begegnet bin, hat Abt Petrus meinen Seelsorgedienst in der Pfarre übernommen. Auf Betreiben der Elisabethinen, die mich immer großartig umsorgen und betreuen, bin ich auch schon zweimal geimpft, sodass ich mich für all meine Aufgaben nach wie vor fit fühle.

Eine dieser Aufgaben besteht in den Seelsorgediensten – derzeit in der Pfarre Allhartsberg.

Abt Berthold: Ich bin in Jugendjahren nicht ins Stift eingetreten, um vorrangig Mönch oder gar Abt zu werden, ich sah meine Aufgabe stets in der Seelsorge. Der konnte ich in ein paar wenigen Kaplansjahren und als Religionslehrer am Gymnasium zum Teil nachkommen, jetzt darf ich als emeritierter Abt seit 2017 Pfarrer in Allhartsberg sein, nachdem ich Konradsheim und Böhlerwerk zuvor drei Jahre als Provisor betreut habe. Ich kann das leisten, weil mir ausgezeichnete Mitarbeiter wie ein Diakon und vier Wortgottesdienst-Leiter zur Seite stehen. 2022 soll uns eine Pfarr-Pilgerreise ins Heilige Land führen.

Von Allhartsberg nicht allzu weit entfernt ist der Sonntagberg, der wohl für jeden Seitenstettner Abt, auch den emeritierten, ein Herzensanliegen ist.

Abt Berthold: Der Sonntagberg ist ein besonderer Wallfahrtsort und beliebtes Ausflugsziel, vor allem aber ein Identifikationspunkt. Sieht man den Sonntagberg, kommt man heim! Der Förderverein „Club-Seitenstetten“ ist in den Verein „Basilika Sonntagberg“ übergeführt worden und nimmt sich nun aktiv um die weitere Revitalisierung des Pilgerortes an, wofür ich sehr dankbar bin.

Bleibt bei derart vielen Betätigungsfeldern irgendwann auch noch ein wenig Zeit für Erholung oder das Ausüben von Hobbys?

Abt Berthold: Ich fotografiere seit meiner Jugendzeit gerne, mein Göd hat mir einst eine erste Kamera geschenkt, die ich auch immer noch in Ehren halte. Beim Fotografieren sieht man die Natur mit anderen Augen. Auch das „Schreiben“ (Malen) von Ikonen erfüllt mich mit großer Freude – es öffnet gleichsam ein Fenster zur Ewigkeit. Auch das Singen, in der Mönchsgemeinschaft oder bei gesellschaftlichen und privaten Anlässen, bereitet mir Freude.

Und zuletzt vielleicht noch ein Blick zurück und in die Zukunft, eine Art Zwischenbilanz?

Abt Berthold: Ich blicke überaus dankbar auf die vergangenen Zeiten und all die Menschen zurück, die wertvolle Wegbegleiter waren, ohne die vieles von dem nicht hätte geschehen können, was umgesetzt wurde und heute noch Bestand hat. Unser Stift wird bei aller Veränderung wohl geistliches und kulturelles Zentrum des Mostviertels bleiben, wenngleich die Seelsorge möglicherweise zentraler organisiert und Laien noch intensiver in die pastorale Arbeit eingebunden werden müssen. Ich persönlich sehe der Zukunft sehr gelassen entgegen. Psalm 37,5 ist mir Leitlinie: „Befiehl dem Herrn deinen Weg und vertrau ihm; er wird es fügen.“