Gestern berühmt, heute vergessen?. Vom Rampenlicht an den Rand der Existenz: die Schauspielerinnen Ursula Strauss und Dagmar Bernhard über die Künstler-Krise.

Von Denise Schweiger. Erstellt am 16. Mai 2020 (04:12)
Schauspielerin Dagmar Bernhard (39) aus Wieselburg bei den Melker Sommerspielen 2016.
Matejschek

Ursula Strauss: Ich wäre mitten in den Dreharbeiten für „Schnell ermittelt“. Da hätten wir eigentlich zwei Monate lang von früh bis spät gedreht. Etliche Auftritte sind ausgefallen.

Dagmar Bernhard: Ich hätte vergangene Woche Premiere mit „Hotel Mama“ in der Melker Tischlerei gehabt. Und die Proben für die Sommerspiele Melk hätten ja auch schon gestartet!

Strauss: Die Kultur ist seit Corona komplett ausgeschaltet.

Apropos Melker Sommerspiele: Frau Bernhard, Sie haben kurz nach der Absage auf Facebook verkündet, dass Sie jetzt auf Jobsuche sind. Was bedeutet Corona finanziell für Künstler?

Bernhard: Nachdem ich von der Absage gelesen hatte, sprudelte das einfach aus mir heraus (lacht). Lustig ist die Coronakrise für uns aber ganz und gar nicht. Ich kenne Kollegen, die um ihre Existenz bangen. Ich habe Glück, dass ich Anfang des Jahres einen großen Werbeauftrag bekommen habe. Sonst sähe es auch bei mir düster aus.

Strauss: Die Einnahmen sind quasi von einem Tag auf den anderen weggebrochen. Wenn freischaffende Künstler keine Aufträge bekommen, kommt auch kein Geld herein.

Hat denn jemand auf Ihr Posting reagiert, Frau Bernhard?

Bernhard: Ja, aber mal sehen, ob daraus etwas wird.

Man rühmt sich immer mit uns Künstlern und jetzt habe ich den Eindruck, man will nicht für uns einstehen.“Dagmar Bernhard, Schauspielerin

Viele Künstler, Sie beide miteingeschlossen, haben während Corona unterhaltsame Videos ins Netz gestellt. Und zwar gratis. Ist das wirklich eine gute Idee?

Strauss: Ich bin kein Befürworter davon, immer alles unentgeltlich zu veröffentlichen. Es braucht auf alle Fälle auch eine finanzielle Wertschätzung, ein gutes Mittelmaß. In den Videos, die Sie ansprechen, habe ich Kindergeschichten vorgelesen. Die Freude der Zuseher war mir dabei Entlohnung genug.

Bernhard: Mein Job ist es, Leute zu unterhalten. Daher habe ich die Videos online gestellt. Sie kamen auch gut an, aber es fühlt sich mittlerweile nicht mehr richtig an. Künstler zu sein, sieht von außen vielleicht für manche leicht aus, dahinter stecken aber viel Arbeit und eine Ausbildung. Und das muss etwas wert sein.

Schauspielerin Ursula Strauss (46) aus Pöchlarn bei einem Event ihrer Kulturreihe „Wachau in Echtzeit“.
Matejschek

Die Zukunft der Kulturszene ist bis dato ungewiss. Was wünschen Sie sich? Frau Strauss, glauben Sie, dass „Wachau in Echtzeit“ diesen Herbst stattfinden wird?

Strauss: Wir brauchen klare Vorgaben, um Planungssicherheit zu haben. Wir werden jedenfalls alle viel Energie brauchen, wenn die Auswirkungen auf die Branche voll greifen. Das Programm von „Wachau in Echtzeit“ ist fertig und wir gehen davon aus, dass es auch stattfinden wird. Es ist ja auch noch Zeit bis dahin. Ich freue mich jedenfalls schon wieder darauf, arbeiten zu können (lacht).

Bernhard: Ich wünsche mir, von der Bundesregierung ernstgenommen und unterstützt zu werden. Man rühmt sich immer mit uns Künstlern und jetzt habe ich den Eindruck, man will nicht für uns einstehen. Wir seien nicht systemrelevant. Aber was tun die Leute, wenn sie zu Hause sind? Fernsehen, lesen? Irgendwer muss dafür etwas drehen oder schreiben. Und außerdem wünsche ich mir, gerecht behandelt zu werden. Ich verstehe etwa nicht, warum in Theatern strengere Abstandsregeln gelten sollen als in Gasthäusern.