Erstellt am 28. Dezember 2016, 04:39

von Hermann Knapp, Daniela Führer und Andreas Kössl

Amstettner nach Terror: „Wir fühlten Wut und Trauer“. Menschen aus dem Bezirk Amstetten erlebten den Terroranschlag in Berlin und berichten davon.

„Sehr viele Menschen haben Lichter angezündet und auch Zettel mit Beileidsbekundungen am Tatort niedergelegt.  |  Schlager

„Am Montagabend (19.12.) sind wir im Kreis der Familie gesessen, da klingelte mein Handy. Mein Sohn fragte mich, ob es uns gut geht und erzählte, dass ein Lkw am Weihnachtsmarkt in eine Menschenmenge gerast ist. Wir haben sofort den Fernseher eingeschaltet und die schrecklichen Bilder gesehen. Meine Frau und ich waren auch deshalb betroffen, weil wir mit Freunden gerade zwei Tage zuvor auf einem Weihnachtsmarkt ganz in der Nähe waren“, berichtet Alois Schlager aus Seitenstetten.

Seine Frau ist Berlinerin und sie verbringen die Weihnachtsfeiertage in der deutschen Hauptstadt. Am Mittwoch haben die beiden den Tatort aufgesucht. „Es war schon ein beklemmendes Gefühl. Die Unglückszone war mit Sichtschutz abgesperrt. Alle fünf Meter stand ein Polizist mit Maschinenpistole. Es waren aber auch sehr viele Menschen da, die Lichter anzündeten und Blumen niederlegten, oft mit persönlichen Widmungen oder letzten Grüßen. Es war sehr ruhig. Die Leute verharrten still im Gebet“, erzählt Schlager.

Schlager: „Weltoffenheit macht Berlin zu Berlin“

Nur rund zwanzig Meter weiter auf der anderen Straßenseite, herrschte, so Schlager, geschäftiges Treiben wie immer. Aber natürlich hätten die Menschen über den Anschlag diskutiert. „Der Tenor war, dass es wichtig ist, die Berliner Gesellschaft multikulturell offen zu halten. Denn diese Weltoffenheit macht Berlin zu Berlin. Der Terrorakt ist tragisch, macht betroffen, aber dies wird die Art des Berliner Zusammenlebens nicht verändern. Im Gegenteil: Dies lässt die Menschen wieder näher zusammenrücken“, berichtet der Seitenstettner.

Will Bestbieterprinzip in Seitenstetten etablieren: SP-Chef Alois Schlager. Foto: Archiv  |  Archiv

Auch er und seine Frau wollen sich von den Terroristen nicht in ihrer Freiheit einschränken lassen. „Wenn wir dazu Lust haben, werden wir auch weiterhin einen Weihnachtsmarkt besuchen. Würden wir das nicht, dann würden die Attentäter ja genau das erreichen, was sie bezwecken.“

Auch die in Berlin lebende Familie Haydn – Familienvater Thomas Haydn stammt aus St. Georgen/Ybbsfelde – erfuhr erst durch eine Nachricht am Handy vom Terroranschlag im Herzen ihrer Stadt: „Wir haben eine SMS bekommen, ob bei uns alles gut ist. Erst daraufhin haben wir geschaut, wieso es anders sein könnte“, schildert die zweifache Mama Sabine Haydn, die im heurigen April mit der Aufführung ihres Musicals „Burn Out“ in der Amstettner Pölz-Halle für Furore sorgte.

Die ersten Gefühle, die sie und ihren Mann übermannten, waren Trauer und auch Wut: „Trauer für die Menschen, deren Leben auf so sinnlose Weise beendet oder im Falle von Verletzungen zumindest beeinträchtigt wurde. Und Wut, weil einfach jedes Verständnis fehlt, warum Menschen so handeln“, sagt Sabine Haydn.

Ihre Einstellung zum Leben in Berlin, aber auch zum Leben an sich, hat sich aber durch den Anschlag nicht verändert: „Der Terror ist ein Thema, aber nicht das bestimmende Thema. Wir werden auch weiterhin auf Weihnachtsmärkte oder zu Konzerten gehen, denn man weiß nie, welchen Verlauf das Leben nimmt und wann es wie zu Ende ist. Deswegen muss man einfach versuchen, jeden Tag so gut wie möglich zu genießen. Und dazu gehören auch solche Unternehmungen mit Menschen, die man liebt.“

Eine Stunde zuvor am Weihnachtsmarkt

Nur eine Stunde vor dem Anschlag war der gebürtige Waidhofner Franz Hönigl am Ort des schrecklichen Geschehens. „Ich habe an diesem Montag etwas früher aufgehört zu arbeiten, um noch am Kurfürstendamm Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Er ist zu dieser Zeit ja ein einziger Weihnachtsmarkt, bei dem sich eine Glühweinbude an die die nächste reiht“, berichtet Hönigl, der als selbständiger Projektleiter und IT-Consultant nun schon seit Jahren in der Medienbranche in Berlin tätig ist. „So gegen 19 Uhr ging ich an der Stelle vorbei. Es war aber nur mäßig viel los.“ Zu Hause beim Abrufen seines Newstickers habe er dann von dem Anschlag mit dem Lkw gelesen. „Ich war natürlich betroffen und habe die Nachrichten weiter verfolgt. Kurz darauf kamen Mails von Freunden und Bekannten aus aller Welt, die wissen wollten, ob es mir gut geht.“

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