Seitenstetten/Mauer: Die verdrängten Toten

Erstellt am 28. September 2022 | 04:55
Lesezeit: 3 Min
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Nach der bedrückenden Filmvorführung und dem Gespräch im Bildungszentrum St. Benedikt: der Historiker Philipp Mettauer, Moderatorin Sigrid Prieler und Regisseur Alexander Millecker (von links).
Foto: Penz
Im Bildungszentrum St. Benedikt wurde Dokumentarfilm über NS-Verbrechen in Mauer-Öhling gezeigt.
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Mindestens 30.000 Menschen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft in Österreich als „unwertes Leben“ qualifiziert und im Rahmen der NS-Euthanasie (bedeutet „schöner Tod“) ermordet. Auch die „Heil- und Pflegeanstalt“ in Mauer-Öhling gehörte zu den Drehscheiben dieses Terrorapparates zur Durchsetzung von „erb- und rassebiologischen“ Wahnvorstellungen und war Ausgangspunkt von Transporten in die Tötungsanstalten von Hartheim oder Gugging.

So wurden von Juni 1940 bis August 1941 1.260 Pfleglinge im Schloss Hartheim vergast und in der Donau eingeäschert. Zudem gab es mindestens 350 Zwangssterilisierungen nach dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses. Nach der Beendigung der sogenannten „Aktion T4“ wurde bis Kriegsende anstaltsintern weitergemordet, die überhöhte Zahl von Todesfällen wurde durch Überdosen von Medikamenten, Mangelernährung, systematische Vernachlässigung oder psychiatrische Gewalt herbeigeführt.

„In einem Endphaseverbrechen im November 1944 und April 1945 ermordeten Mediziner unter Beihilfe des Pflegepersonals nochmals 190 Patienten. Die Getöteten – ihre Namen sind bekannt – verscharrte man in Sammelgräbern am erweiterten Anstaltsfriedhof. Die verantwortlichen Ärzte wurden nie zur Rechenschaft gezogen“, wusste der für die historische Recherche verantwortliche Philipp Mettauer zu berichten.

Mahnmal erinnert an die Opfer

Beklemmend verlief das an den Film anschließende Gespräch, in dem zum Ausdruck kam, dass Menschen der Region sowohl Opfer wie auch Mittäter waren. Die Patienten wurden nach Kriterien wie Diagnose, Arbeitsfähigkeit, Aufenthaltsdauer und Besuch durch Angehörige vorselektiert, rund zwei Drittel der an die Tiergartenstraße 4 in Berlin Gemeldeten wurden getötet – auch mit für Therapiezwecke gedachten, jedoch zu todbringenden Elektroschockern umgebauten Geräten.

Die Räumlichkeiten sollten ja zugunsten eines Wehrmachtslazaretts freigemacht werden. Leider steckt die Gedenkkultur in Mauer-Öhling noch in den Anfängen fest.

Ein 2019 enthülltes Mahnmal im Bereich des heutigen Klinikums zeigt alte, überei nandergestapelte Grabsteine, womit man den verdrängten Toten posthum symbolhaft ihre Identität zurückgeben möchte. „Es ist den Menschen nicht bewusst, dass die vierspurig ausgebaute Bundesstraße über ein Gräberfeld führt. Gerade in den Schulen sollte neben Mauthausen auch Mauer-Öhling thematisiert werden“, fordert Philipp Mettauer.

Die Doku erzählt einige wenige Schicksale anhand von Kranken- und Prozessakten und lässt auch Nachfahren zu Wort kommen, wenn es heißt: „Lauft weg, versteckt euch im Wald! Jetzt kommt wieder das Auto, das holt euch alle ab.“ Der Film kann von Schulen unter office@injoest.ac.at angefordert werden.

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