Pressl über Corona: „Für zwei Wochen alles stillgelegt“. Vor einem Jahr war Ardagger der Corona-Hotspot im Bezirk Amstetten. Ortschef Hannes Pressl erinnert sich an den damaligen Ausbruch zurück.

Von Peter Führer. Erstellt am 17. März 2021 (05:45)
Ardaggers Bürgermeister blickt auf ein Jahr Corona zurück. Ardagger avancierte zum Beginn der Corona-Pandemie zum Hotspot im Bezirk. Mittlerweile waren fast zehn Prozent der Bevölkerung mit dem Virus in Kontakt.
Führer

Eine Gemeinde als „Corona-Hotspot“. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte Ardagger im Bezirk die höchsten Infiziertenzahlen zu verzeichnen. Am 19. März 2020 waren es 25 Personen (Bezirk Amstetten insgesamt: 37). Über eine Reisegruppe aus Norditalien kam Covid-19 in die Gemeinde. Wenig später stand aufgrund des Anstiegs auf 42 Personen gar eine Quarantäne des Ortes zur Debatte.

„Das Zudrehen war damals tatsächlich ein Thema. Ich bin und war aber überzeugt, dass das unnötig gewesen wäre. Zu dem Zeitpunkt, als diese Ideen auftauchten, sind die Zahlen nämlich schon wieder am Sinken gewesen“, erinnert sich Bürgermeister Hannes Pressl zurück. Und tatsächlich: Der Trend ging in die richtige Richtung. Die Zahlen sanken wieder und es kam zu keinem rasanten Anstieg mehr. Doch wie blickt Pressl auf die „heiße Phase“ der Corona-Pandemie im März 2020 zurück?

„Ich habe schon einige Zeit davor die Virusentwicklung beobachtet. Etwa, dass in Wuhan innerhalb von Wochen ein Spital gebaut wurde. Diese Bilder waren präsent. Rund um den Jahresbeginn hat man das aber noch nicht so richtig ernst genommen“, erinnert sich Pressl an die Zeit vor dem Ausbruch zurück. Erst die rasante Verbreitung des Virus habe bei vielen die Alarmglocken schrillen lassen. Die große Unbekannte war, wie gefährlich „Corona“ tatsächlich ist.

Mehr Kommunikation als Antwort auf Sorgen

Um auf die vielen Sorgen zu reagieren, setzte Pressl auf intensive digitale Kommunikation. Auf seinem Blog veröffentlichte er täglich die Inifiziertenzahlen. Er ist überzeugt, dass so viele Unsicherheiten geklärt werden konnten. Wobei die Zahlen gerade am Anfang nicht unbedingt einfach zu erhalten waren. Erst seit Mitte 2020 bekommen die Gemeinden täglich die Corona-Zahlen. „Viele Menschen haben schon am Beginn geglaubt, der Bürgermeister weiß alles. Aber die Behörden waren uns Bürgermeistern gegenüber sehr zugeknöpft. Wer infiziert war, konnte man nicht erfahren. Das hätte aber die Unterstützung und Hilfe für die Betroffenen erleichtert“, erklärt Pressl.

Bis zu 12.000 Menschen besuchten täglich seinen Blog (hannespressl.blog). Dort finden sich auch heute noch die „Frühstücksnews“, in denen der Ortschef täglich über aktuelle Entwicklungen – mittlerweile auch abseits von Corona – informiert. Ein Erbe der Krise.

Für zwei Wochen stand das Leben still

Im Lockdown, der am 16. März in Österreich startete, herrschte gerade in den ersten beiden Wochen gespenstische Ruhe. „Wir haben zu diesem Zeitpunkt gerade wieder mit zwei Baustellen begonnen, dann aber zwei Wochen wirklich alles stillgelegt. Erst dann war klar, dass diese Arbeiten unter gewissen Bedingungen doch möglich waren. Ich glaube, es war damals schon wichtig, dass wir die Hände nicht in den Schoß gelegt haben“, erinnert sich Pressl zurück. Viele Wirtschaftsbereiche würden ja seither ohnehin massiv unter der Krise leiden.

Um vor einem Jahr den Menschen im Lockdown und in der Quarantäne zu helfen, stampfte man dank vieler Freiwilliger einen Lieferservice aus dem Boden. Und die damals sehr hohen Infektionszahlen hatten teils auch unangenehme Folgen für die Arbeitnehmer aus Ardagger an ihren Arbeitsplätzen. „Auch zu gesunden Arbeitnehmern wurde da immer wieder gesagt, sie sollen zuhause bleiben. Da waren vor einem Jahr einfach Ängste da, dass Menschen, nur weil sie aus Ardagger kommen, auch schon infiziert wären“, schildert Pressl.

Mittlerweile habe man die Gemeinde aber nicht mehr als Hotspot in Erinnerung. Sondern als einen Ort, in dem auch dank umfangreicher Kommunikation schnelle Aufarbeitung gelungen sei.

Bleibt die Frage, ob und wann es eine Zeit nach Corona gibt und wie diese aussieht. Pressl ist überzeugt, dass das Virus und seine Folgen nicht so schnell verschwinden werden. „Es wird uns noch sehr lange begleiten. Aber wenn ich mich zurückerinnere an voriges Jahr, dann sieht man schon, dass die Pandemiesituation ab Mai, Juni aufgrund der Temperaturen besser geworden ist. Ein Problem sind im Vergleich zum Vorjahr allerdings die Virusmutationen und deren Auswirkungen kann man noch nicht exakt einschätzen“, glaubt Pressl.

Während die Krise viele Branchen bis zur Existenzgefährdung getroffen habe, hätten andere Wirtschaftsbereiche aber auch profitiert. Etwa der Glasfaserausbau. Dank Homeoffice, Homeschooling oder Homeshopping sei die Nachfrage nach schnellen Datenleitungen enorm gestiegen. „Bei mir fragen jetzt Menschen, die vor zwei Jahren noch gesagt haben, ‚das brauchen wir nie‘, wann denn endlich die schnelle Leitung kommt“, verrät der Bürgermeister. Generell habe das Thema Digitalisierung Fahrt aufgenommen.

Traditionelle Abläufe seien teilweise schon vor der Krise an die Grenzen gekommen. Die Pandemie habe die digitalen Veränderungen weiter verstärkt und einiges auf den Kopf gestellt. Zum Beispiel im Handel oder aber auch der Verwaltung und bei der Kommunikation.

„Über die sozialen Medien und Livestreams wurden beispielsweise vom Bundeskanzler im letzten Jahr stets die neuesten Coronamaßnahmen verkündet. Noch lange bevor die Verwaltungsebenen im Land ‚juristisch‘ handeln konnten, haben es alle im Land schon gewusst. Auch Videokonferenzen zählen heute nach kurzer Zeit schon zum ‚Alltag‘ und haben trotz Abstand dazu beigetragen, dass Vieles schneller ausdiskutiert werden kann. Unter den Bürgermeistern im Bezirk haben teils wöchentliche Konferenzen sogar zu noch mehr interkommunaler Zusammenarbeit in der Krise geführt“, sagt Pressl.

Er sieht auch gesellschaftliche Folgen. Das Vereinsleben, das Dorfleben ist ja seit einem Jahr fast durchgehend auf Null runtergefahren worden. „Ich mache mir mittlerweile große Sorgen, wie wir das wieder in die Höhe bringen. Auch das geht meiner Meinung nach nur mit neuen Ideen und Angeboten. Also Angebote oder Gemeinschaftsaktivitäten, die auch im kleineren Kreis problemlos ablaufen können, denn die großen Feste und Feiern könnte es noch längere Zeit nicht geben“, meint er.

Einen kritischen Befund stellt Pressl dem viel beschworenen Zusammenhalt der Gesellschaft in den vergangenen Monaten aus: „Wir schaffen es in der Gesamtheit auf Dauer einfach nicht, auf eine Pandemie mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung und einheitlichen Maßnahmen streng nach Plan zu reagieren. Spätestens wenn die Krise lange dauert, beginnen viele ihre eigenen Regeln zu stricken oder auch einiges zu ‚umgehen‘.“

Die Pandemie würden immer mehr Menschen nur aus ihrer Einzelsicht wahrnehmen und sehen nicht die Verantwortung für das Staatsganze. Und zur eigenen Rechtfertigung werden dann noch Verschwörungstheorien aus dem Hut gezaubert. Daher denke ich, wird es, gerade wenn ausreichend Impfstoff vorhanden ist, noch mehr auf die Eigenverantwortung jedes einzelnen für sich und seine Mitmenschen ankommen und wer sich nicht schützt lebt letztlich mit einem höheren Risiko. Das Virus selbst wird auf jeden Fall bleiben!“