Zeitzeugin Anna Rohrhofer: „Schaut hin, nicht weg!“. Die 93-jährige Anna Rohrhofer rettete vor 75 Jahren mit ihrer Schwester Maria 23 ungarischen Juden das Leben. Zu Besuch bei der Klasse ihrer Urenkelin berichtete sie davon.

Von Sabine Hummer. Erstellt am 21. Februar 2020 (04:34)
Die Müllerstöchter Anna und Maria Schmid von der Bogenmühle waren ein eingeschweißtes Team. Gemeinsam beschlossen sie, die dem Tode geweihten Menschen zu retten.
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Das Thema Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg hat im 75. Gedenkjahr an das Ende dieser Schreckenszeit eine besondere Bedeutung. Auch in den vierten Klassen der Neuen Mittelschule St. Peter/Au wird im Geschichte- und Deutschunterricht ein Schwerpunkt auf dieses schwarze Kapitel der Geschichte gelegt. „Es gibt viele Geschichtsbücher, Filme und mehr.

Doch wer könnte über diese Zeit besser berichten als jemand, der sie miterlebt hat“, lud Geschichte-Lehrerin Heidemarie Schörkhuber vergangenen Freitag eine ganz besondere Zeitzeugin ein: eine, die die Kriegs- und Nachkriegszeit in St. Peter/Au erlebt hat; eine, die als 18-Jährige gemeinsam mit ihrer um ein Jahr älteren, mittlerweile verstorbenen, Schwester Maria Sator große Courage gezeigt hat und unter Gefährdung ihres eigenen Lebens 23 ungarischen Juden das Leben retten konnte – Anna Rohrhofer (geb. Schmid). Die rüstige Altbäuerin von der Bogenmühle folgte der Einladung besonders gerne, zumal unter den Jugendlichen auch ihre 14-jährige Urenkelin Sarah war. Anna Rohrhofer erzählte über diese schwere Zeit, über die Rettung der Juden sowie über allgemeine Lage in St. Peter/Au in der Zeit des Nationalsozialismus.

Zeitzeugin Anna Rohrhofer, neben ihr Urenkelin Sarah Schacherlehner und Direktor Erich Greiner, erzählte den vierten Klassen der NMS St. Peter über ihre couragierte Rettung von 23 Juden.
Sabine Hummer

Die jüdischen Zwangsarbeiter wurden 1944 in der Bogenmühle, dem Elternhaus von Anna Rohrhofer, untergebracht, um die durch ein Hochwasser zerstörte Urlwehr wieder aufzubauen. In den Bauernhäusern der Umgebung fehlten die Männer für diese schwere Arbeit, sie waren im Krieg. Doch der Arbeitstrupp war schwach und erschöpft.

Die meisten Menschen waren zwischen 50 und 60 Jahre alt, auch eine blinde Frau war darunter sowie eine Mutter mit vier Kindern zwischen 3 und 14 Jahren. Wie sich später herausstellte, gab es einen Irrtum bei der Fracht – die 23 Menschen hätten eigentlich nach Auschwitz deportiert werden sollen. Statt des sicheren Tods erwartete sie in der Bogenmühle ein besseres Leben. Anna und ihre Schwester Maria kümmerten sich um die Menschen, gaben ihnen Kleidung und versuchten, auch mit Hilfe der Bevölkerung, die spärlichen Hungerrationen aufzubessern.

„Wer glaubt, der geht nicht unter!“

Als das Kriegsende immer näherrückte, kam Ende April 1945 der Befehl, dass alle Juden vom sogenannten Volkssturm erschossen werden sollten. Die Schwestern beschlossen, die Menschen zu verstecken. Bereits im Frühjahr hatten sie gemeinsam mit den Juden einen Bunker gebaut. Acht Meter lang, zwei Meter breit und zwei Meter tief wurde er in eine Rille zwischen zwei Gräben gegraben und mit Erde, Gräsern und Laub bedeckt.

Einmal täglich nahmen die Mädchen den gefährlichen Weg auf sich, um die Eingeschlossenen mit Wasser und Nahrung zu versorgen. „Man kann sich kaum vorstellen, wie unser Leben an einem seidenen Faden hing“, berichtete Anna Rohrhofer den Jugendlichen von den damaligen Geschehnissen. Die ungarischen Juden konnten alle wieder in ihre Heimat zurückkehren, im Bunker versteckten sich später die Mädchen und einige Nachbarinnen vor den Russen.

„Wichtig ist, dass ihr hinschaut und nicht wegschaut“, gab die Zeitzeugin den Jugendlichen mit. Sie selbst hat der Glaube immer für ihr Handeln bestärkt. „Wer glaubt, der geht nicht unter!“

In den nächsten Wochen werden die Schülerinnen und Schüler das KZ Mauthausen besuchen und auch der Film „Der Junge im gestreiften Pyjama“ steht auf dem Programm. „Mir ist besonders wichtig, dass die Jugendlichen lernen, Respekt und Achtung vor älteren Menschen zu haben und zu schätzen, wie gut es uns heutzutage geht“, betont Geschichte-Lehrerin Heidemarie Schörkhuber.