Lebensgeschichte als Buch: Schicksal als Chance

Erstellt am 13. Dezember 2020 | 07:13
Lesezeit: 4 Min
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr
Horst Joachimbauer besiegte den Krebs und wagte eine völlige Neuorientierung.
Werbung
Anzeige

Wenn man Horst Joachimbauer zum ersten Mal gegenübersitzt, ahnt man nicht, welch schwere Schicksalsschläge der 53-jährige St. Valentiner in seinem Leben schon verkraften musste. Der vor Lebensfreude strotzende Mostviertler ist dem Tod nämlich gleich mehrmals von der Schaufel gesprungen. Mittlerweile hat er den Krebs besiegt, seinem Leben eine neue Orientierung gegeben und all seine Erlebnisse, Ängste und Erkenntnisse sowie Visionen und Sehnsüchte, die ihn in der schweren Zeit seiner Erkrankung begleiteten, in einem Buch niedergeschrieben.

Krebs-Diagnose ereilte ihn mit 29 Jahren

Horst Joachimbauer war 29 Jahre alt, als er die niederschmetternde Diagnose Lymphdrüsenkrebs Morbus Hodgkin im höchsten Stadium bekam. Auch die Lunge war zu diesem Zeitpunkt schon befallen. Die Chemotherapie zeigte zwar Wirkung, aber leider nicht auf Dauer. Es folgten drei Rückfälle. Insgesamt kämpfte Joachimbauer sieben Jahre gegen die heimtückische Krankheit und musste monatelange Chemotherapien, eine Knochenmarkstammzellentransplantation und Strahlentherapien über sich ergehen lassen.

Ans Aufgeben dachte der St. Valentiner von Beginn an nicht. „Ich fragte den Arzt nach meinen Chancen. Er nannte mir zirka 70 bis 75 Prozent. Es entstand sofort ein Bild in meinem Kopf von 100 Booten, die die Donau überquerten. 75 davon kamen rüber und 25 gingen unter. Es war für mich sofort klar, in einem dieser 75 Boote zu sitzen, die das andere Ufer erreichten“, schreibt Joachimbauer in seinem Buch. Heute weiß er, dass ihn der Mediziner mit dieser Aussage toll motivierte und die tatsächlichen Chancen deutlich geringer waren. Im November 2003 absolvierte der Mostviertler dann seine letzte Bestrahlung. Es sollte auch seine letzte Krebstherapie sein. Heute gilt er als geheilt.

„Ich haderte mit mir selbst, mit meinem Leben und der Gewissheit, einen Weg zu gehen, der nicht meiner war.“ Horst Joachimbauer über die Unzufriedenheit mit seinem Job, die er als Ursache für seine Krankheit sieht

In den Jahren der Krankheit fand Horst Joachimbauer aber nicht nur zu sich selbst, sondern erkannte auch seinen eigenen Weg und dass er diesen gehen müsse. Die Ursache für seine Krankheit vermutete er nämlich in der Unzufriedenheit mit seinem Job als Lokführer. „Ich fuhr dahin und haderte. Mit mir selbst, mit meinem Leben und der Gewissheit, einen Weg zu gehen, der nicht meiner war. Denn obwohl mir der Job wirklich Spaß machte, wusste ich, dass es meine wahre Leidenschaft war, mit Menschen zu arbeiten. Ich wollte kreativ sein, nicht immer das Gleiche tun, etwas bewegen, Ergebnisse sehen. Aber ich war einfach zu feige, etwas Grundlegendes zu ändern.“ Und dies, obwohl ihm während eines Nachtdienstes seine innere Stimme sagte: „Horst, wenn du so weiter machst, dann wirst du krank.“

Joachimbauers Lust zu reisen sowie seine Träume und Visionen waren dann im Laufe der Zeit stark genug, um seinem Leben doch eine Wende zu geben. „Ich wollte etwas tun und nicht immer nur der arme Kranke sein“, erinnert er sich. Der St. Valentiner engagierte sich in der Notfallintervention der ÖBB, wo er Lokführer nach Suiziden oder Unfällen betreute, und ließ sich zum Mediator, Outdoortrainer und Mentaltrainer ausbilden. Heute hält er Vorträge und Seminare und ist bei der ÖBB im Case-Management, der betrieblichen Wiedereingliederung, teilzeitbeschäftigt.

Dass er seine Lebensgeschichte in Form eines Buches veröffentlicht, war eigentlich nicht geplant. Der Kontakt zu einem kleinen Grazer Verlag ergab sich zufällig. „Ich habe immer gerne geschrieben und mir gesagt, warum eigentlich nicht“, berichtet Joachimbauer. In einem Monat war der Text für das letztendlich über 200 Seiten dicke Buch geschrieben. Sich noch einmal bis ins Detail mit all den schmerzlichen Erlebnissen und Erfahrungen auseinanderzusetzen, war aber nicht immer leicht. „Es war extrem. Manches spürt man auch nach so langer Zeit noch körperlich. Es war sehr aufwühlend, aber hat auch extrem gutgetan. Irgendwie war es wie eine private Supervision“, erzählt der 53-Jährige.

Wenn er anderen Krebskranken mit seiner Lebensgeschichte Hoffnung machen kann, die eigene Krankheit überstehen zu können, dann hat sein Buch für Joachimbauer seinen Zweck voll erfüllt. „Ich wollte immer so ein Vorbild haben. Vielleicht bin ich jetzt der, der anhand seines Beispiels andere motivieren kann.“

Dass er nun den richtigen Weg eingeschlagen hat, davon ist Horst Joachimbauer überzeugt. „Ich möchte keine Sekunde gegen mein vorheriges Leben tauschen“, stellt er klar. Dass er zu dieser Erkenntnis gerne ohne Krankheit gekommen wäre, verschweigt er aber auch nicht: „Diese Erfahrung hätte ich nicht gebraucht.“

Weiterlesen nach der Werbung