Alltag in den 30ern. Der Journalist und Fotograf Franz Gleiß aus Hürm hat in seinem Buch „Der Sturmwind“ (erschienen im Eigenverlag 1999) die Arbeit und das Leben auf dem Hof seiner Großeltern in Hauersdorf bei Kilb beschrieben und nun als eBook veröffentlicht. Von Franz Gleiß

Erstellt am 02. Februar 2021 (16:04)

Für mich gab es eigentlich nicht viel grundlegend Neues, denn ich hatte ja schon während der Schule mitbekommen, wie die Dinge in dem Betrieb ablaufen.

Der ganze Tagesablauf war damals anders organisiert. Auf Grund der Tatsache, dass es überhaupt keine Maschinen gab, mussten alle Tätigkeiten mit der Hand verrichtet werden.

Einige der Arbeiten kennst Du ja selbst, deshalb weißt Du auch, dass man mit der Hand viel mehr Zeit benötigt, als mit Maschinen – die Tage hatten auch nur vierundzwanzig Stunden, deshalb mussten mehr Leute helfen.

Auf der einen Seite waren schon mehr Personen zu Hause, da niemand einen Nebenberuf ausübte, und auf der anderen Seite hatte man damals Dienstboten eingestellt. In unserem Haus hatten wir vier Dienstboten. Eine Stalldirne, ein Küchenmädchen, einen Rossknecht und einen Stalljungen.

Trinkgeld, Kost und Unterkunft

Als Stalljunge begann damals für viele Buben nach der Schule der Einstieg ins Berufsleben. Diese Tätigkeit wurde nicht einmal bezahlt, es gab lediglich etwas Trinkgeld, Kost und freie Unterkunft. Und selbst die war nicht besonders luxuriös, denn der Stalljunge und der Rossknecht hatten ihre Betten normalerweise mitten im Pferdestall.

Da es noch keine Matratzen gab, konnte es schon vorkommen, dass einmal ein Pferd den Inhalt des Bettes, das abgesehen von einem Holzrahmen nur aus Stroh bestand, durcheinander brachte! Die beiden Mädchen, also die Dirn und das Küchenmädchen, hatten eine eigene Kammer im Haus.

Die Bezahlung der Dienstboten wäre für heutige Verhältnisse bestenfalls lächerlich, die Nachfrage nach derartigen Arbeiten war allerdings so groß, dass sich niemand über den Gehalt zu beschweren traute. Abgesehen von der ursprünglichen Arbeitsaufteilung sind aber alle Dienstboten auch zu der Arbeit am Feld herangezogen worden.

Das Melken von zehn Kühen mit der Hand und das ständige Pflegen der Pferde nahm enorm viel Zeit in Anspruch. Deshalb war der Tagesbeginn auch um halb fünf Uhr in der Früh, damit neben der Stallarbeit noch für andere Arbeiten Zeit blieb.

Denn es war üblich, dreimal am Tag alle Arbeiten im Stall zu erledigen, morgens, mittags und abends. Da gab es einige Sachen zu tun, an die heute gar niemand mehr denkt. So mussten wir damals das gesamte Wasser für die Tiere mit der Hand vom Brunnen in den Stall schaffen!

Und das waren bei zehn Kühen, drei bis vier Jungtieren, einem Stier und vier Pferden immerhin vierzig bis fünfzig Bütten Wasser. Während nun meine Mutter mit der Dirne die Kühe gemolken hat, hat ein Knecht die Tiere ausgemistet.

Gleichzeitig ging mein Vater mit einem Knecht zu den Pferden. Diese wurden jeden Tag in der Früh komplett gestriegelt und gebürstet, und währenddessen fütterte man sie. Beim Füttern wurde aber größter Wert darauf gelegt, dass die Pferde eineinhalb Stunden lang fressen konnten. Wenn man sich eine Sache vorgenommen hatte für den nächsten Tag, musste man also eineinhalb Stunden zuvor die Pferde füttern, sonst gab es einen Krach mit meinem Vater! Wir hatten immer vier Pferde für die Arbeit.

Ich weiß heute nicht mehr, von welcher Rasse die Pferde waren, aber es waren durchwegs schwere Pferde, die ausschließlich für die Arbeit verwendet wurden. Obwohl damals in beinahe jedem Haus Pferde gehalten wurden, war es dennoch nicht üblich, auf diesen zu reiten.

Dabei wäre es durchaus möglich gewesen, selbst auf den schweren Ackerpferden zu reiten, aber ich glaube, dass es in unserer Gegend eher verpönt war, sich auf ein Pferd zu setzen.

Die ganze Stallarbeit war dann um dreiviertel sechs in der Früh beendet und alle gingen frühstücken. Es gab normalerweise Kaffee und Rahmsuppe (oder Stosuppe, wie wir sie nannten) und schwarzes Brot.

Nach dem Frühstück mussten noch die Schweine gefüttert werden, was meistens meine Mutter machte, und wir anderen machten uns auf, die Arbeit des Tages zu beginnen.


Im Jänner ging es ab in den Wald

Jetzt im Jänner hieß das in erster Linie, dass wir uns fertig machten für die Waldarbeit. Unser Wald war – und ist auch jetzt noch – nicht weit vom Haus entfernt, deshalb brauchten wir auch keine Jause mitzunehmen, denn zu den Essenszeiten gingen wir kurz nach Hause. Aber das Werkzeug musste doch jeden Tag aufs Neue hinausgetragen werden.

Die Werkzeuge, die uns zur Verfügung standen, waren aber ohnehin schnell beisammen, denn außer Axt, Zugsäge und Schaufel hatten wir nichts zum Mitnehmen.

Die Forstwirtschaft, die wir betrieben, war darauf ausgelegt, das schöne lange Holz zu verkaufen, für uns selbst nahmen wir nur das Überholz und die Wurzelstöcke zum Heizen.

Wer allerdings noch nie den Wurzelstock eines großen Baumes ausgrub, kann nicht verstehen, wie viel Aufwand es war, bis ein Holzscheit vom Stock in den Ofen kam.

Da das lange Wurzelgeflecht so schwer aus dem Boden zu bekommen war, fällten wir die Bäume manchmal gleich mitsamt den Wurzeln, das heißt, wir sägten sie nicht um, sondern wir gruben den Baum so viel aus, bis er mit dem Stock umfiel. Dann erst schnitten wir den Stamm von den Wurzeln.

Aber selbst das Sägen war eine sehr schweißtreibende Angelegenheit mit der Zugsäge, wobei man aber noch dazu zwei gleich starke, oder besser gesagt, zwei gleich stark motivierte Männer brauchte.

Mein Vater nahm deshalb auch immer einen Helfer mit, sodass wir immer zu dritt waren. Wir erhielten zum Beispiel einmal die Möglichkeit, eine riesige Buche zu fällen, die so groß war, dass niemand sie mehr haben wollte.

Ich machte mich mit einem Bekannten an einem Samstag zu Mittag auf den Weg. Zuvor hatten wir uns eine zweieinhalb Meter lange Zugsäge ausgeliehen, da wir selbst gar keine so große Säge hatten.

Der Baum hatte Äste mit einem halben Meter im Durchmesser, der Stamm hatte ungefähr zwei Meter. Kein Wunder also, dass wir bis zum Abend hin schneiden mussten, bis wir glaubten, den Baum durch das Eintreiben von Keilen zum Fall bringen zu können. Doch wir schafften es nicht mehr vor dem Einbruch der Nacht, weshalb wir am Sonntagvormittag unser Werk fortsetzen mussten.

Schließlich brauchten wir noch bis zur Mittagszeit, bis wir diesen Riesen endlich zu Fall brachten. Ich brauche wohl nicht mehr zu erwähnen, dass wir beide genug geschwitzt hatten, obwohl die Temperaturen winterlich waren!


35 Wurzelstöcke in einem Winter

In einem Winter hatten wir einmal fünfunddreißig Wurzelstöcke ausgegraben, gesprengt und aufgearbeitet, nur damit wir selbst kein teures Holz verheizen mussten.

Manchmal arbeiteten wir auch in Petersberg im Wald. Die Arbeit war klarerweise die selbe, nur der Wald war eine gute Stunde Fußmarsch von uns entfernt. Am ersten Tag mussten wir zusätzlich noch das ganze Werkzeug in Rucksäcken mitnehmen.

Pferde waren für diesen Transport ungeeignet, da es keine Möglichkeit gab, sie während des Tages zu versorgen und einzustellen.

Wenn wir in Petersberg arbeiteten, gingen wir mittags aber zu dem Bauer dort essen, damit wir uns wenigstens das Kochen ersparen konnten. Im darauf folgendem Jahr hatten wir so viel Schnee, dass unser Stadel die Last des Schnees nicht mehr tragen konnte und einstürzte.

Das hatte zur Folge, dass wir den ganzen Winter im Wald arbeiten mussten, um genug Holz für einen neuen Stadel zu bekommen.

In diesem Jahr waren meine Hände durch die Kälte so sehr in Mitleidenschaft gezogen worden, dass ich auf den Handrücken schon zu bluten begann, da die Haut aufgesprungen war. Die Bäume mussten wir dann im Anschluss händisch auf den Leiterwagen aufladen und in die Säge transportieren. Kein Wunder also, wenn jeder von uns eine Kondition wie ein Sportler hatte, bei diesen Anstrengungen.

Aber zurück zum Winter 1939, wo wir nicht die ganze Zeit nur im Wald waren. Ein großer Teil der Zeit verging damit, Futter für die Tiere aufzubereiten. So wurde zum Beispiel das ganze Grundfutter geschnitten.

Schneidmaschine mit Pferdestärke

Das heißt, dass das Heu in eine Schneidemaschine kam, auf zirka zehn Zentimeter abgeschnitten wurde und danach mit der Spreu, die beim Dreschen angefallen war, vermischt wurde. Diese Schneidemaschine wurde von einem Gerät angetrieben, von dem ich weiß, dass heute kaum jemand auch nur den Namen davon kennt: dem „Göppel“.

Das Ganze war eigentlich nur ein Getriebe, das von einem Pferd angetrieben wurde. Das Pferd musste lediglich im Kreis marschieren, durch eine Deichsel, die am Zaumzeug befestigt war, wurde das Getriebe in Drehung versetzt – kaum vorstellbar, dass man vor der Erfindung der Dampfmaschine keine andere Antriebstechnik kannte!

Auf diese Art ist es auch zu erklären, dass es nicht nötig war, die Pferde auf eine Koppel zu lassen. Durch die tägliche Bewegung brauchten sie keinen zusätzlichen Auslauf. Gleichzeitig waren sie aber auch kerngesund.

Pferde galten damals immer als sehr gesunde Tiere, die äußerst selten einen Tierarzt brauchten. Natürlich lag das auch daran, dass die Rassen nicht so hochgezüchtet waren.

Aber sicher lag es auch daran, dass die Bauern den Umgang mit diesen Tieren aus alter Überlieferung her kannten. So wusste jeder selbst, was das Beste für seine Pferde war. Sei es nun was das Futter betraf oder medizinische Hausmittel.

Futterschneiden und das Hin- und Herräumen des Futters nahm sehr viel Zeit in Anspruch. Noch dazu, da man das oft machen musste. Aus heutiger Sicht kommen mir selbst einige dieser Arbeiten beinahe schon als „Beschäftigungstherapie“ vor. Aber das waren althergebrachte Arbeitsweisen, die seit Generationen so erledigt wurden, deshalb wurden sie damals auch nicht angezweifelt.

Im Frühling dann begann die Arbeit wieder auf den Feldern. Was für mich bedeutete, dass ich die meiste Zeit hinter einem Pferd herlaufen musste, um die Felder zu eggen.

Manchmal fuhr auch mein Vater mit einem Gespann, mit zwei Eggen ging die Sache ja doch etwas schneller. Meine Mutter übernahm das Säen, in diesem Fall der leichtere Teil, denn sie musste den Samen nur mit der Hand gleichmäßig verteilen. Das war zwar keine schwere Arbeit, aber dennoch legte sie dabei einige Kilometer zu Fuß zurück.

In dieser Zeit im Mai hatten wir aber noch eine weitere Aufgabe zu erledigen, an die ich mich wirklich nur mehr ungern zurückerinnere.

Da wir keinerlei Unkrautvernichtungsmittel hatten, mussten wir das Unkraut aus den Getreidefeldern mit der Hand entfernen. Es waren die Disteln, die uns jedes Jahr das Leben schwer machten.

Mit bis zu zehn Tagelöhnern waren wir tagelang auf den Feldern, um diese lästigen Pflanzen auszugraben. Bewaffnet mit einem Stichmesser und einem Korb zum Abtransport. Die Wurzeln schnitten wir mit dem Messer ab. Wer jemals eine Arbeit erledigte, bei der er den ganzen Tag gebückt mit den Händen am Boden war, kann verstehen, warum ich mich nur ungern daran erinnere.