Rolling Coach

Erstellt am 01. September 2021 | 11:15
Lesezeit: 6 Min
Ex-Radsport-Profi Florian Posch über seine Leidenschaft, das rücksichtsvolle Nebeneinander auf der Straße, Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer und seinen Ybbser Radshop.

Wenn Florian Posch (37) übers Radfahren spricht, kommt er ins Schwärmen. Drei Jahre war der Ybbser Radshop-Unternehmer als Profi unterwegs. Heute gibt er seine Erfahrungen an Kunden und Freunde weiter. Was ihm besonders am Herzen liegt, ist das rücksichtsvolle Nebeneinander im Straßenverkehr.

Florian, auf der Rückseite Deiner Radsporthosen ist „2 Meter, DANKE“ aufgedruckt. Was hat es damit auf sich?
Florian Posch: Es ist eine kleine Botschaft mit großem Inhalt. Sie soll beim Überholen von Radfahrern an den Mindestabstand erinnern. Der reflektierende Aufdruck am Hintern ist mein Beitrag zu mehr Sicherheit. Wir können nur miteinander!

Hat es Situationen gegeben, die Dich zu dieser Initiative bewegt haben?
Posch: Natürlich. Gerade mit dem Rennrad erlebt man oft gefährliche Momente. Die möchte ich aber gar nicht so in den Vordergrund stellen. Vielmehr freut mich das dankende Winken eines Autofahrers, wenn ich ihm vor dem Überholen mit einem Handzeichen freie Fahrt signalisiert habe. Ich erlebe dieses freundschaftliche Nebeneinander auf der Straße immer öfter. Vielleicht kommt es daher, dass seit Corona viele Menschen ihre Liebe zum Radfahren entdeckt oder neu gefunden haben. Man versteht die andere Seite damit besser und passt sich auch entsprechend an.

Wie stehst Du dem Fahren in der Gruppe gegenüber?
Posch: Das ist natürlich ein Thema, das oft hitzig diskutiert wird. Fakt ist: Rennradfahren hat in der Gruppe einen ganz besonderen Reiz! Als ehemaliger Radsportprofi muss ich das sogar noch stärker formulieren: Die Gruppe ist Teil des Systems! Wie man damit im Straßenverkehr umgehen kann, erklärt ein einfaches Rechenbeispiel: Wer mit einem Abstand von mindestens zwei Meter überholt, muss in der Regel die Fahrspur wechseln – auch bei einem Einzelfahrer. Die ideale Anordnung für die Gruppe sind daher zwei Radler nebeneinander. Das ändert für den Autofahrer nichts am Fahrspurwechsel, verkürzt aber den Überholweg für die gesamte Gruppe um die Hälfte. In Zahlen ausgedrückt: Acht Radfahrer würden hintereinander rund 20 Meter ergeben. Fahren zwei Schulter an Schulter, sind es dann nur mehr 10 Meter.

Du hast Deine Zeit als Profiradsportler angesprochen. Wie bist Du dazu gekommen?
Posch: Eigentlich war es der Plan B. Obwohl ich mit meinem Opa schon als Kind sehr viel mit dem Rad unterwegs war, galt meine erste Liebe dem Fußball. Ich sollte damit in die Fußstapfen meines Vaters folgen. Beinahe wäre ich bei der U13 von Austria Wien gelandet, irgendwie ist es aber anders gekommen. Und so habe ich mit 15 Jahren meine erste Lizenz als Rennradfahrer gelöst. Die folgenden Jahre waren hart, aber auch sehr lehrreich. Rennradfahren ist unglaublich viel von Taktik geprägt, das muss man als Neuling zuerst lernen. In der Folge bin ich drei Jahre im österreichischen Nationalteam gefahren, musste aus gesundheitlichen Gründen aber Anfang 2000 mit dem Leistungssport aufhören.

Wieviel bist Du in Deiner Spitzenzeit auf dem Rad gesessen?
Posch: Zirka 20.000 bis 30.000 Kilometer pro Jahr. Das klingt für viele Radfahrer natürlich unendlich viel, für einen Profi, der täglich hart trainiert, ist das aber normal. Heute bin ich natürlich selbst meilenweit davon entfernt, fahre gerne kleine Runden auf den Landstraßen in der Umgebung und, so oft es geht, von meinem Zuhause in St. Leonhard am Forst in die Arbeit nach Ybbs. Mindestens genauso gerne bin ich Betreuer, der seine Erfahrungen weitergibt. Ich habe große Freude, wenn ich ambitionierten Radfahrern so etwas wie Profi-Feeling vermitteln kann. Ich erinnere mich noch gut, als ich vor einigen Jahren mit meinem Bus an der Strecke beim Wachau-Marathon gestanden bin und „meinen Fahrern“ im strömenden Regen Gel rausgereicht habe. Das hat mich fast mehr gefreut, als wenn ich selbst gefahren wäre.

Hast Du ein eigenes Team?
Posch: Rund um mein Geschäft habe ich das POSH cycling-Team gegründet. Da sind größtenteils Kunden und Freunde versammelt, allesamt Amateure, die eine durchaus sportliche Zielrichtung verfolgen. Hier bin ich natürlich selbst aktiv, aber der Rolling Coach! Etwas gemütlicher gehe ich es zusammen mit meinen Freunden vom Pöchlarner Radverein an. Da ist neben ordentlichen Ausfahrten schon auch einmal Zeit für einen gemütlichen Kaffee.

Wie wertest Du als Ex-Profi den Erfolg von Olympiasiegerin Anna Kiesenhofer?
Posch: Es ist eine unglaubliche Leistung und ein Motivationsschwung für den Randsport in Österreich. Sie hat einfach ihr Herz in die Hand genommen und alles dafür gemacht, dass sie es schafft. Ein klein wenig ist ihr Sieg vielleicht auch ihrer Unbekanntheit geschuldet.

Wie darf man das verstehen?
Posch: Dazu muss man wissen, dass im Profi-Geschäft alle Fahrer über Funk mit ihren Betreuern verbunden sind. Diese leiten ihnen alle wichtigen Infos weiter. Zum Beispiel, wenn ein Fahrer stürzt, welche Positionen im Moment vergeben sind etc. Der Fahrer konzentriert sich zu 100 % aufs Fahren und blendet alles aus was drumherum passiert. Bei Olympia ist es nun so, dass Funk-Verbindungen verboten sind. Das hat Anna Kiesenhofer vielleicht geholfen, indem sie, von den Konkurrentinnen unbeachtet, dem Hauptfeld davonfahren konnte. Ihre Gegnerinnen haben sie möglicherweise nicht unbedingt auf dem Radar gehabt und ihrer Aufmerksamkeit ist die Flucht somit entglitten. Das würde auch die vermeintlichen Siegesemotionen der zweitplatzierten Niederländerin erklären. Ungeachtet dessen war ihre Leistung natürlich unglaublich und verdient meinen höchsten Respekt.

Noch eine Frage zu Deinem Geschäft. Wo würdest Du Dich einordnen?
Posch:  POSH cycling ist laut Eigendefinition „Radkultur und feinstes Handwerk im Herzen von Ybbs“. Ich halte es für besonders wichtig, dass man die volle Aufmerksamkeit auf das legt, was man gerade macht, um hohe Qualität zu erzielen. Deshalb erledige ich alles in Eigenregie. Von der Beratung über den Verkauf bis hin zum Service in der Werkstatt. Meine Kunden schätzen diese persönliche Betreuung, selbst wenn das Sortiment klein, aber fein ist. Wichtig ist das Bike-Fitting. Das gilt für die Auswahl des richtigen Fahrrades genauso wie fürs Zubehör und die Bekleidung, für die ich übrigens hochwertige Eigenkollektionen im Geschäft habe – bis hin zur Radler-Hose mit dem 2-Meter-Aufdruck.

www.poschcycling.at

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Foto: zVg