GEDANKEN ZUM KLIMA VON PAUL DIETL. Kommt die Renaissance der Atomstrom-Heizung durch die „Electrification of Everything“?

Erstellt am 14. September 2021 (09:06)
Paul Dietl
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Vielfach entsteht in der öffentlichen Debatte der Eindruck: wenn wir unseren derzeitigen Strombedarf bald zu 100 % aus Grünstrom decken, dann ist der wichtigste Schritt zur Energiewende bzw. CO2-Neutralität geschafft. WEIT gefehlt! Denn ca. 80 % des globalen Energiebedarfs werden noch durch die Verbrennung von Öl, Kohle und Gas gedeckt.

Und auch in Österreich noch über 65 %, davon praktisch alles aus teuren Importen! Verbraucht wird diese Energie durch Industrie, Verkehr, Gebäude, Haushalte und andere kleinere Bereiche.

In Österreich hat gar der Verkehr beim Verbrauch die traurige Spitzenposition eingenommen: Über 75 % (!) des importierten Erdöls verbrennen hierzulande durch Mobilität, und etwa die Hälfte der CO2-Emissionen im Verkehr kommen dabei sogar aus dem PKW-Bereich (Individualverkehr). Inzwischen ist aber weithin bekannt: wir müssen sehr schnell aufhören, fossile Energieträger zu verbrennen.

Und soviel ist von technischer Seite klar: zum weitaus größten Teil wird die Dekarbonisierung über elektrischen Strom als Nutzenergie führen.

Wir erleben daher gerade das Jahrzehnt der „Electrification of Everything (EoE)“:

  • Der öffentliche Verkehr fährt ja schon jetzt zu einem großem Teil elektrisch.
  • Beim Individualverkehr wird sich aus Effizienzgründen hauptsächlich die batteriegestützte E-Mobilität durchsetzen.
  • Bei schwierigen Transportaufgaben (Schwerlast, Langstrecke, Flug) werden neben der elektrischen Eisenbahn alternative Treibstoffe nötig sein, die aber wiederum aus (Grün-)Strom hergestellt werden müssen (grüner Wasserstoff und noch teurere e-Fuels).
  • Für Gebäudewärme und Warmwasser ist in Europa und global auch eine elektrische Maschine im Vormarsch: die Wärmepumpe (auch für Fernwärme).

Schweden etwa verbraucht durch „elektrifizierte Heizungen“ schon seit Jahren fast keine fossilen Brennstoffe mehr zum Heizen.

  • Industrielle Wärmepumpen werden dafür sorgen, daß die unvorstellbar großen industriellen Abwärme-Mengen für Heizung und Prozesswärme (auch über 100°C) genutzt werden können.
  • In der Industrie werden Verbrennungsmotoren und Gasöfen sukzessive durch elektrische Anlagen ersetzt, und wo dies nicht möglich ist zB. durch Biomasse und wasserstoffbasierende Brennstoffe.
     

Bei der Nutzung des Wasserstoffs gibt es allerdings einen wesentlichen „Haken“, denn ein bekanntes Rechenbeispiel zeigt: würde man die Stahlöfen der Voest mit grünem Wasserstoff betreiben wollen, müßte man eine ganze zweite Donau (inklusive der dazugehörigen Wasserkraftwerke) durch Österreich graben.

Deswegen geht man auch bei der Voest nun vorerst den schnellen Weg über elektrische Hochöfen. Das obige Beispiel zeigt: Die Krux der (elektrischen) Energiewende ist die Verfügbarkeit von günstigem CO2-freiem Strom oder Wasserstoff. Und man mag das nun hören wollen oder nicht: Die Atomkraftwerks-Industrie wird noch eine Zeitlang gut leben, denn die breit gestreuten und globalen Risiken eines massiven Klimawandels sind deutlich höher als die - wohl auch beträchtlichen, aber lokaleren - Risiken der Atomenergie.

Etwas zynisch könnte man also zum Schluss kommen: weil beim Klimaschutz nun bereits etwa ein halbes Jahrhundert (!) viel zu wenig passiert ist und ein massives Herunterfahren des Konsums und Lebensstandards politisch auf Dauer nicht durchsetzbar ist, brennt jetzt der sprichwörtliche Hut - und wir werden vielleicht manchmal nur mehr die Wahl zwischen Pest und Cholera (oder Corona;-) haben...