„Wir verdanken den Murstettnern, dass wir leben“. Entwurzelt und zerrissen, aber trotzdem dankbar für das Leben: Israelin Ruth Mosseri erzählt, wie ihre Vorfahren vom Perschlingtal ins 2.400 Kilometer entfernte „Heilige Land“ flüchteten.

Von Ondrej Svatos. Erstellt am 04. April 2021 (04:09)
Am Kirchenplatz 2 befand sich früher das Haus der Familie Hoffmann, das Bürgermeister Reinhard Breitner, Ruth Mosseri, Netta Mosseri und Forscher Andreas Liska-Birk (von links) noch vor einigen Jahren gemeinsam besuchten.
privat, privat

„Der Jude, der Pfarrer und der Bürgermeister halten zusammen“, das pflegte man in Murstetten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu sagen. Zumindest berichtet das Ruth Mosseri über die Vergangenheit der Ortschaft. Von ihrer Mutter, einer Jüdin aus Murstetten, hörte sie oft Geschichten aus dem früheren Dorfleben. Gut bekannt sind ihr aber auch die Erzählungen über die Flucht ihrer Vorfahren vom Perschlingtal nach Israel. Mit der NÖN teilt sie nun ihre Familiengeschichte.

Geschrieben wird das Jahr 1920, als die mittlerweile verstorbene Mutter von Ruth Mosseri, Erika Hoffmann, in Murstetten geboren wird. Obwohl ihr Vater eine gute Beziehung zum katholischen Pfarrer pflegte, bekannte er sich zu einem anderen Glauben. Die Hoffmanns waren die einzige Familie im Ort, die jüdischer Abstammung war. Die Religionsverschiedenheit spielte aber vor dem Zweiten Weltkrieg nie eine Rolle.

Hoffmanns hatten das einzige Radio im Dorf

Die Familie war, wie Mosseri schildert, gut in die Dorfgemeinschaft eingebunden. Sie betrieb einen kleinen Laden, in dem Kolonialwaren wie Tee oder Kakao, verkauft wurden. Das Geschäft lief gut. Auch deswegen konnten sich die Hoffmanns als einzige Familie im Dorf ein Radio leisten. Ihr Haus am Kirchenplatz 2 – das heute nicht mehr steht – wurde deshalb regelmäßig zum Treffpunkt für viele Murstettner. Sogar der Bürgermeister kam regelmäßig, um sich mit seinen Kumpanen bei den Hoffmanns die Nachrichten anzuhören.

Begeistert zugehört haben die Menschen im Haus der jüdischen Familie auch den Parolen Adolf Hitlers. Erikas Mutter bezeichnete die Zuhörer damals als „lauter Nazis“. Ohne zu wissen, dass viele von ihnen bereits der nationalsozialistischen Partei beigetreten waren.

Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 bereiteten Erika Hoffmann diese Äußerungen schlaflose Nächte. In Angst über die Zukunft der Familie ging sie zum Bürgermeister und bat ihn um Entschuldigung.

„Meine Mutter Erika erzählte mir immer, wie groß die Hilfsbereitschaft in Murstetten damals war. Auch in diesen schwierigen Zeiten hat das Dorf zusammengehalten

Trotzdem traten die schlimmsten Befürchtungen tatsächlich ein: Erika Hoffmann konnte den Dorf-Laden nicht, wie ausgemacht, von ihrem Vater übernehmen. Im Herbst 1938 nach dem Novemberpogrom wurden die Hoffmanns gezwungen, ihr Geschäft zu schließen. Von da an ernährte sich die Familie von Waren, die im Geschäft übrig geblieben waren.

Den Dorfbewohnern war das Schicksal der Hoffmanns nicht egal. „Meine Mutter Erika erzählte mir immer, wie groß die Hilfsbereitschaft in Murstetten damals war. Auch in diesen schwierigen Zeiten hat das Dorf zusammengehalten“, erinnert sich Mosseri an die Schilderungen ihrer Mutter.

Bürgermeister drängte die Familie zur Flucht

Erst mit dem Erhalt des Deportationsscheins war sich die Familie über den Ernst der Lage im Klaren. Zudem drängte die Hoffmanns auch der damalige Bürgermeister, Österreich zu verlassen. „Meine Vorfahren waren innerlich gespalten. Sie wuchsen in Murstetten auf und sprachen nur Deutsch“, erzählt die Tochter der Geflüchteten. Trotzdem mussten sie weg. Ihre erste Fluchtstation war die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Wien“. „Dort mussten sich meine Vorfahren buchstäblich das Ticket kaufen, um weiter zu leben. Die Ausreisegenehmigungen waren sehr teuer.“ Nur durch das Ersparte aus dem Laden konnten sich die Hoffmanns die Ausreise leisten.

Bis sie das „Heilige Land“ tatsächlich erreichten, vergingen fünf Jahre. Zuerst kam die Familie nach Bratislava. Dort verbrachte sie im Lager auf Stroh fast ein Jahr, bis sie auf dem Schiff Richtung Israel war. Aber weil es die Briten den jüdischen Flüchtlingen verwehrt haben, konnten die Hoffmanns in das Gebiet des heutigen Israels nicht einreisen. Sie mussten nach Mauritius. „Die Insel ist zwar für ihre Traumstrände bekannt, aber die Flüchtlinge durften das Lager dort nicht verlassen. Meine Familie war die ganze Zeit krank. Typhus und Malaria peinigten das Lager“, sagt Mosseri. Auf Mauritius verbrachte die Familie die Zeit bis 1945. Erst dann wurde ihre Einreise genehmigt.

Über das Schicksal der in Europa gebliebenen Juden erfuhr die Familie erst viel später. „Für meine Mutter war es sehr belastend. Sie hörte auf, an Gott zu glauben und wusste zu schätzen, dass sie den Zweiten Weltkrieg überlebte“, sagt Mosseri.

Eine Rückkehr nach Niederösterreich war für die Familie immer wieder Gesprächsthema. „Meine Mutter wollte unbedingt zurückkehren, aber die Familie war dagegen. Man hat ihr gesagt, dass Juden in Europa nicht willkommen seien. Sie hatte aber in Murstetten keine Feinde. Ganz im Gegenteil wir haben den Murstettnern zu verdanken, dass wir leben. Ohne ihre Hilfsbereitschaft wäre dies unmöglich.“ Besucht hat Mosseri Niederösterreich bereits mehrmals. Und obwohl es nicht ihr Zuhause sei, fühle sie sich mit dem Land sehr verbunden.