„Wilder Westen“ auf S 33. Der Lenker einer Luxus-Karosse überholte erst rechts, zwang dann Fiat-Transporter zu einer Notbremsung. „Das ist Gewaltanwendung in der Kampfzone“, stellte dazu der Richter fest.

Von Alex Erber. Erstellt am 14. April 2021 (04:30)
Tatort S 33: Erst bei der Auf-/Abfahrt Herzogenburg-Nord hatte der Spuk ein Ende. 
Hans Kopitz

Mit seinem Nobelschlitten ist ein Mann (63) Mitte Jänner auf der S 33 in Richtung Krems unterwegs. In die gleiche Fahrtrichtung bewegt sich ein Transporter der Marke Fiat. Diese Fakten stehen fest. Es kommt offenbar zu einem Disput der Lenker, wobei Aussage gegen Aussage steht. Was sich tatsächlich ereignet hat, muss Richter Slawomir Wiaderek bei einem Prozess am Landesgericht St. Pölten klären. Angeklagt ist ein Herzogenburger, weil er den Lenker des Transporters zu einer Vollbremsung genötigt haben soll.

Der bisher völlig unbescholtene Stiftsstädter bekennt sich gleich zu Beginn der Gerichtsverhandlung mit Vehemenz „nicht schuldig“. Ihm sei auf der S 33 ein weißer Transporter aufgefallen, der über eine längere Strecke permanent auf der zweiten Spur gefahren sei: „Dabei war die erste Spur völlig frei.“

„Sie wurden der Lüge überführt.“ Richter Slawomir Wiaderek zum angeklagten Herzogenburger (63)

Er habe das Fahrzeug dann rechts überholt und sich vorschriftsmäßig eingeordnet. Mindestens 20 Meter habe der Abstand zum Transporter beim Einreihen betragen.

Diametral anders schildert die Crew im Transporter, allesamt Mitarbeiter einer Traismaurer Spenglerei, den Vorfall, allen voran der Lenker (35): „Ich habe eben einen tschechischen Transporter überholt, war mit 136 km/h unterwegs, als plötzlich das Nobel-Auto auftauchte, rechts überholte und wieder auf die zweite Spur fuhr. Ich stieg voll auf die Bremse. So stark, dass sogar die Warnblinkanlage aufleuchtete. Das Tempo betrug dann nur mehr 60, 70 km/h.“

„Was wäre passiert, wenn sie nicht voll gebremst hätten?“, will der Richter wissen. „Dann hätte es gescheppert.“

„Und warum haben sie den Vorfall überhaupt angezeigt?“ „Mir persönlich war das zu viel. Ich bin vierfacher Vater, nicht auszudenken, was da alles passieren hätte können.“

Die Besatzung des Fahrzeuges bestätigt die Angaben des Lenkers, für Staatsanwalt und Richter handelt es sich um sehr „lebensnahe Schilderungen.“

Keine Freude hat der Richter hingegen mit dem Herzogenburger: „Sie haben bei der Polizei nur äußerst vage Angaben gemacht. Jetzt wissen sie plötzlich Details, ich denke, Sie haben sich da eine Geschichte zusammenrekonstruiert.“ Und er wird noch deutlicher: „Sie haben sich möglicherweise provoziert gefühlt, doch strafrechtlich ist es völlig irrelevant, wie lange der Transporter auf der zweiten Spur unterwegs war. Ich weiß, dass da Emotionen hochkochen können, Sie waren wütend. Aber: Hier hört sich der Spaß auf. Sie haben Gewalt angewendet.“ Die Straße sei zur Kampfzone gemacht worden. Und: „Sie wurden der Lüge überführt!“

„Werde mich mit Anwalt beraten“

Der 63-Jährige wird zu einer unbedingten Geldbuße im Ausmaß von 2.400 Euro und zum Ersatz der Kosten des Verfahrens verurteilt. Im Falle der Nicht-Einbringung drohen 60 Tage Freiheitsstrafe. Als mildernd wertete der Richter den bisherigen makellosen Lebenswandel. Das Urteil ist nicht rechtskräftig: „Ich werde mich mit einem Rechtsanwalt beraten“, erklärt der Herzogenburger abschließend.

Die mutmaßliche Nötigung durch die erzwungene Vollbremsung war natürlich nicht der einzige Vorfall, bis zum Verlassen der S 33 gab es noch mehrere Überholmanöver, wobei es teils beim Versuch blieb. Die Lichthupe wurde kräftig betätigt. Dieses in „Wild-West-Manier“ geführte Duell war strafrechtlich nicht von Bedeutung, rundet das Bild jedoch in gewisser Weise ab.