Aufstand gegen Schlachthof in Nussdorf. Nussdorf hat Grundstück verkauft, Anrainer aus der Nachbargemeinde sind hellauf empört.

Von Alex Erber, Lisa Zederbauer und Günther Schwab. Erstellt am 19. August 2020 (04:14)
Familie Krejci bekommt viel Unterstützung und konnte schon einige Unterschriften gegen den Bau des Schlachthofes sammeln. „Nur gemeinsam können wir den Bau stoppen.“, erklärt Bettina Krejci. Im Bild: Helmut Schöller, Wolfgang und Bettina Krejci, Roman Stippich, Herwig Leitner, Sonja Haiderer, Wolfgang und Susanne Pendl, Markus Parzer, Markus Schmudermayer, Friedrich Daxbacher, Jessica Schreinbeck, Beate Kaiser, Michael Bockberger, Hannah Schneider und Sabine Kirchstetter (von links).
Lisa Zederbauer

Man muss schon fast Mitleid empfinden mit Halil Ibrahim Tanrikulu. Er betreibt in Gneixendorf bei Krems einen Schlachthof. Dort weht ihm Wind von Kritikern entgegen, sogar ein Tierschutzverein hat protestiert, weil in dem Schlachthof die umstrittene Methode des Schächtens angewandt worden ist. Das war im Jahr 2018, seit damals möchte Tanrikulu den Schlachthof verlegen.

„Die Errichtung des Schlachthofs wäre fatal für uns.“ Bettina und Wolfgang Krejci, Anrainer

Fündig wurde er zunächst in Traismauer. Am ursprünglich geplanten Standort Campus 33 schlug der Stadtgemeinde eine Brise Widerstand entgegen, worauf Bürgermeister Herbert Pfeffer kurzerhand die Katastralgemeinde Gemeinlebarn ins Spiel brachte. Dort kam es zu einem Sturm der Entrüstung von Anrainern, wodurch das Projekt gestorben ist, noch ehe es richtig auf der Welt war.

Und jetzt? Gibt es einen Orkan des Widerstands.

Von 18 Mandataren stimmten 15 dafür

Weitgehend unbemerkt hat die Marktgemeinde Nussdorf in ihrem Industriegebiet ein knapp 5.000 Quadratmeter großes Grundstück von der Strabag erworben und es postwendend an Tanrikulu verkauft. Der entsprechende Beschluss im Gemeinderat fiel Ende Mai. Nur drei Mandatare rochen die Entrüstung, die auf Nussdorf zukommen könnte. Geschäftsführender Gemeinderat Patric Pipp sowie die Gemeinderäte Walter Pernikl und Karl Priesching, alle VP, enthielten sich der Stimme. 15 Mandatare stimmten dafür.

Reinhard Loth (VP): „Der Verkauf wurde im Beirat empfohlen.“Schwab
NOEN

„Wir haben den Bürgermeister aufgrund der aus anderen Städten und Gemeinden bekannten sensiblen Thematik mehrmals darauf hingewiesen, dass die Nachbargemeinde aufgrund des Gemeinde-Grenzgrundstückes zu informieren ist. Das Grundstück ist nur für wenige Betriebe gut geeignet und aus diesem Grund wurde im gemeinsam besetzten Beirat ein Verkauf empfohlen. Das vorgestellte Konzept für den Schlachthof auf diesem Grundstück war jedoch in manchen Bereichen nicht schlüssig, weshalb wir einem Verkauf nicht einstimmig die Zustimmung erteilt haben“, erklärt VP-Fraktionssprecher geschäftsführender Gemeinderat Reinhard Loth.

Der Schlachthof wird sich, sofern er gebaut wird, in unmittelbarer Nähe der Firma Camillo Krejci Polymertechnik befinden. Sie ist in Inzersdorf-Getzersdorf situiert. Bettina Krejci hat genau nachgerechnet: Der Schlachthof wäre zu einem bewohnten Gewerbebau rund 100 Meter entfernt. Zu den Pferdekoppeln der Familie beträgt der Abstand 122,3 Meter, den Pferdeställen 171,7 beziehungsweise 192,6 Meter, zu einem Stall mit Alpakazucht 249,6 Meter.

„Wir haben betriebsnotwendiges Wohnen (Westernreitstall mit Unterricht, Training und Einstellpferde) genehmigt und der Abstand zu unserem Schlafzimmer wäre 218 Meter, zur Mitarbeiterwohnung 197 Meter. Pferde, generell Tiere, reagieren auf solche Schlachthof-Emissionen ganz extrem, also Reitbetrieb und Einstellbetrieb kann ich dann vergessen, auch die Alpakazucht ist in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem Schlachthof mehr als grotesk“, sagt Bettina Krejci, die auch eine Unterschriftenaktion initiiert hat. Mit einem Satz: „Die Errichtung des Schlachthofs wäre fatal für uns.“

Ihr Gatte Wolfgang wundert sich: „Unter dem Grundstück verläuft eine Hochdruck-Gaspipeline, die man mit Lkws nicht überqueren darf und zusätzlich verläuft darüber eine Hochspannungsleitung. Nussdorf hat es geschafft, diesen eigentlich unverkäuflichen Grund zu verkaufen.“

Bettina Krejci setzte Bürgermeister Ewald Gorth in Kenntnis: „Ich wurde von der Gemeinde Nussdorf nicht informiert, dass unmittelbar an der Grenze zu unserer Gemeinde ein Schlachtbetrieb errichtet werden soll. Obwohl alles rechtlich korrekt ist, kann ich diese Entscheidung moralisch nicht unterstützen. Rechtlich können wir nicht gegen den Bau vorgehen, die einzige Lösung wäre öffentlicher Druck, den man zum Beispiel mit einer Bürgerinitiative erzeugen kann“, weiß der Ortschef.

Heinz Konrath (SP): „Grundstück entspricht den nötigenVoraussetzungen.“
NOEN

Nussdorfs Bürgermeister Heinz Konrath zeigt sich überrascht von den Entwicklungen in Inzersdorf-Getzersdorf: „Der Grundstücksverkauf ist korrekt abgelaufen und hat weitgehend ohne Diskussionen den Gemeinderat passiert. Ich bin nicht verpflichtet, die Nachbargemeinde zu informieren, wenn eine Betriebsansiedelung im Nussdorfer Industriegebiet erfolgt!“

Betreiber für NÖN nicht erreichbar

Das Grundstück entspreche den nötigen Voraussetzungen für einen Schlachthof. „Auch die benachbarten Parzellen am Gemeindegebiet sind als Betriebsgebiet ausgewiesen und entsprechend gewidmet. Somit sollte es keine Probleme mit Anrainern geben. Zudem hat der ansiedelungswillige Betrieb sämtliche Auflagen seitens der Behörden zu erfüllen. Als nächster Schritt erfolgt das Bewilligungsverfahren, bevor es zu baulichen Aktivitäten kommt“, erklärt Konrath.

Er möchte in dieser Causa in den nächsten Tagen ein Gespräch mit seinem Amtskollegen aus Inzersdorf-Getzersdorf führen.

Trotz mehrmaliger Versuche war Halil Ibrahim Tanrikulu für die NÖN nicht erreichbar.

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