Flüchtlingskrise 2015: Ganz alleine im fremden Land. Bürgermeister, private Helfer und Polizei blicken auf jene Zeit zurück, in der Syrer, Afghanen und Iraker Unterstützung suchten.

Von Hans Kopitz, Alex Erber, Gila Wohlmann und Thomas Heumesser. Erstellt am 09. September 2020 (03:41)
Maria und Dietmar Magnet: „Integrationsprozess wird Jahre dauern und verlangt tolerante und weltoffene Menschen auf beiden Seiten.“
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Vor exakt fünf Jahren hat eine zuvor nicht gekannte Flüchtlingswelle auch die Region Herzogenburg betroffen.

Der damalige Bürgermeister Franz Zwicker kann sich noch genau erinnern, als die Stadtgemeinde Herzogenburg beziehungsweise er selbst von der Information überrascht wurde, dass Flüchtlinge auf ihrem Durchzug vorübergehend im ehemaligen Geriatriezentrum in St. Andrä einquartiert werden: „Eine wirkliche Mitsprache war nicht möglich, da das Objekt ja der Stadtgemeinde Wien gehörte, welches zum Teil leer stand und eine Küche vorhanden war. Während dieser Zeit hat es zahlreiche Telefonate mit dem damaligen Flüchtlingsbeauftragen der Stadt Wien, dem heutigen Stadtrat Peter Hacker, aber auch mit den beteiligten Einsatzorganisationen gegeben. Eine derartige Situation erfordert natürlich gewisse Maßnahmen, welche nicht von allen Bürgern gut geheißen wurden“, blickt Zwicker zurück.

„Die humanitäre Ausnahmesituation aktiviert viele positive Kräfte"

Während sich die Lage in St. Andrä rasch entspannte, hielt die Situation in Oberndorf/Ebene die Bevölkerung monatelang in ihren Bann. Margarete Erber hat dort das Biomin-Areal zur Verfügung gestellt. Im Dezember waren 48 Menschen untergebracht - davon 29 minderjährige Alleinstehende zwischen 14 und 18 Jahren im Haupthaus, und der Rest im danebenliegendem Containerbau, dort sind es alleinstehende Erwachsene und Kinder und Erwachsene im Familienverband gewesen. Im Jänner wuchs die Zahl schließlich auf 100 an.

„Die humanitäre Ausnahmesituation aktiviert viele positive Kräfte. Familien und unbegleitete Jugendliche aus Syrien, Afghanistan und dem Irak können sich gut betreut in Österreich einleben. Über die Jahre bekommen sie Asyl oder Aufenthaltsberechtigung, finden Ausbildung und Arbeit. Manche kehren heim oder ziehen weiter. Nach Jahren sind wir mit einigen weiterhin in freundschaftlichem Kontakt. Integration bleibt die Herausforderung. Europa ist noch immer dabei, eine gute Asylpolitik zu finden. Flucht ist ein großes weltweites Problem. Wir engagieren uns auch in Syrien und Afghanistan“, erzählt Margarete Erber.

Eva Schafranek war Betreuerin am Biomin-Areal. Es sei ein Lebensabschnitt gewesen, der sie geprägt habe. Sie hat die Ereignisse in einem berührenden Text verarbeitet: „Vor Jahren machten sie sich auf den Weg; Still und leise; Tagelang, wochenlang, monatelang; Ließen geliebte Menschen in einem Leben zurück, dass wir uns nicht vorstellen können; Den Tod immer vor Augen; Als Kind Steine schleppend im Bergwerk; kein zu Hause, nichts zu essen, keine Bildung; Viele wurden als erstes geschickt, um die Familie zu retten; Gestrandet und nicht angekommen; Nicht gehört zu werden; Abgelehnt und ohne Zukunft; Allein in einem fremden Land.“

Ein Herzogenburger Senior kümmerte sich in dieser Zeit ein wenig um einen Burschen aus Afghanistan, schenkte ihm Wäsche, Toilettenartikel und einen Fahrradhelm. Als die über 18-Jährigen dann auf ganz NÖ verteilt wurden, kam Farhad nach Heidenreichstein. Lange Zeit gab es dann keinen Kontakt. Als ihn der Herzogenburger dann Anfang vergangenen Jahres doch einmal erreichte und ihn fragte, ob er noch in Heidenreichstein sei, gab es zur Antwort: „Nein, ich bin mit rund tausend anderen Menschen in einem Lager vor der afghanischen Grenze. Uns lassen sie nicht mehr in unser Heimatland zurück, denn wir sind ja als Flüchtlinge Volksverräter.“ Seitdem ist Funkstille.

„Biomin-Areal war ein Hotspot“

Es waren allerdings ziemlich viele „Ausreißer“ in negativer Hinsicht am Biomin-Areal, das Bezirkspolizeikommandant Gerhard Pichler im Rückspiegel als „Hotspot“ bezeichnet. Die Palette der verübten Delikte zieht sich wie ein roter Faden durch das Strafgesetzbuch, reichte von Brandstiftung über gefährliche Drohung bis hin zu Diebstahl und Einbruch. Negativer Höhepunkt war die brutale Vergewaltigung einer türkischen Studentin am Wiener Praterstern. Der Haupttäter, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt, war ein Syrer, der auch am Biomin-Areal wohnte.

Im „Klein-Format“ funktionierte die Betreuung besser, wie Maria und Dietmar Magnet aus Obritzberg berichten. „Damaskus im Herzen – als Flüchtling bei uns“: So lautete 2015 der Titel eines Vortrages über die damals aktuelle Situation der Flüchtlinge im Bezirk. „So entschlossen wir uns, Menschen in unser Haus aufzunehmen und ihnen bei der Bewältigung des Alltags zu helfen. Aus diesem Gedanken sollte ein großes Projekt werden. Von Traiskirchen wurde uns ein Mann mit seinen zwei Neffen vermittelt. Nach einer Flucht nach Ägypten, dann in einem völlig überfüllten Boot über das Mittelmeer, zu Fuß von Griechenland über Mazedonien nach Ungarn, mit dem Auto über die ungarische Grenze. Von der Polizei gestoppt und empfangen mit einem ,Welcome to Austria‘ sollte die Flucht ein Ende haben. ,Welcome to Austria‘, so wurden sie von der Polizei empfangen. Dann waren wir auf uns alleine gestellt, die fehlenden Sprachkenntnisse waren eine große Herausforderung“, erinnert sich Familie Magnet.

Momentan sei die Situation so, dass die Familien sich selbst erhalten können. Sie haben Wohnung, Arbeit und einen Platz in der Gesellschaft gefunden. Die Jugendlichen haben bereits Lehren wie Elektriker, Fliesenleger, Spengler, Altenpfleger absolviert. Sie brauchen nur gelegentlich Rat und Hilfe.

„Selbstständig ohne fremde Hilfe leben und arbeiten – ja. Die Kultur aufgeben und unsere annehmen – nein"

Integriert? Kommt darauf an, was man darunter versteht, so Maria und Dietmar Magnet: „Selbstständig ohne fremde Hilfe leben und arbeiten – ja. Die Kultur aufgeben und unsere annehmen – nein. Eine Jahrhunderte lang geprägte Kultur kann unserer Meinung nach nicht in ein paar Jahren zugunsten westlicher Werte verändert und aufgegeben werden. Denn wer seine Kultur aufgibt, resigniert und gibt letztendlich sich selbst auf.“

Dieser Prozess werde wohl noch Jahre dauern und verlange weltoffene und tolerante Menschen auf beiden Seiten.

Es gibt heute auch Initiativen wie Frauenfrühstück, Begleitung bei Asylverfahren oder ein monatliches Nähcafé, bei dem Frauen Näh- und Ausbesserungsarbeiten erledigen.

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