Gastronomie im Lockdown: "Ich knie vor den Gästen". Region Herzogenburg: Wirte danken Kunden, die sie in der schwierigen Zeit nicht im Stich lassen. Der Branche selbst droht wahrer Super-GAU, wenn nicht spätestens zu Ostern wieder geöffnet wird.

Von Thomas Heumesser, Peter Nussbaumer und Günther Schwab. Erstellt am 24. Februar 2021 (04:26)
Symbolbild
APA

„Die Branche steht vor einer riesigen Herausforderung, die gesunden Betriebe bluten aus und brauchen ihre Reserven auf. Angeschlagene Betriebe, die schon vor den Schließungen Probleme mit Schulden oder Defizite hatten, werden es nicht überleben“, analysiert Haubenkoch und Gastwirt Michael Nährer aus Rassing.

Nährer ist sich sicher, dass die Wirte gut für mögliche Öffnungen vorbereitet seien, aber die Informationen zum Öffnen müssten rechtzeitig und nicht erst am Freitag für den kommenden Montag kommen. „Wenn die Schließungen noch länger dauern, dann besteht die Gefahr eines Super-GAUs, wo die Wirtshauskultur aussterben könnte“, betont Haubenkoch Nährer, denn „die Rückzahlungen von Krediten und die Erfüllung von Stundungen könnten über eine Generation hinausgehen und da werden sich viele Wirte für eine Schließung entscheiden.“

„Mit neuer Anstrengung ist ein Neustart möglich“

Die größte Herausforderung sei es jetzt, den Gästen und den Menschen vor Ort zu erklären, wie wichtig einerseits die Wirtshauskultur im Ort mit regionaler Wertschöpfung sei und andererseits wie gut die Gastronomie auf eine sichere Öffnung vorbereitet ist.

Mit Wehmut denkt Michael Nährer auf die Präsentation der Feldversuche im Juli des Vorjahres zurück. Mit großem medialen Einsatz wurden damals regionale Schmankerl präsentiert, aber dann kamen die Schließungen, das Marketing ging verloren. Nährer ist aber zuversichtlich, dass mit neuer Anstrengung ein Neustart möglich ist.

Bei „Karins Gaststube“ in Wölbling zehrt man noch von den Reserven des Sommers. Auch finanzielle Hilfen haben funktioniert. Betreiberin Karin Deutsch hofft dennoch auf die Wiedereröffnung zu Ostern, allerdings ohne Freitesten: „Meine Befürchtung ist, dass in diesem Fall viele Gäste ausbleiben werden.“

Sie dankt jedenfalls den treuen Kunden, die den Betrieb auch in der schwierigen Zeit unterstützen.

„Einnahmen decken maximal Lohnkosten ab“

Vahap Cakir hat vor 15 Jahren die Pizzeria in der Traismaurer Donaustraße eröffnet. Die Krise hat er bislang gemeistert.
NOEN

Vahap Cakir, Besitzer der renommierten Pizzeria Caramellini in Traismauer, hofft, dass sich die Situation für die Gastronomie mit dem Fortschreiten der Covid-Durchimpfung deutlich verbessert. Durch das Liefer- und Abholservice seien der Umsatz und das Arbeitsaufkommen in der Pizzeria relativ stabil. Cakir: „Das Stammpersonal konnte gehalten werden und ich hoffe, dass wir in den nächsten Wochen und Monaten wieder langsam in den Normalbetrieb zurückkehren können.“

Reinhard Huber vom gleichnamigen Landgasthof in Traismauer stellt fest: „Die Situation ist nach wie vor alles andere als erfreulich und nimmt für viele Gastronomiebetriebe existenzbedrohende Ausmaße an. An sich funktioniert das Abholservice relativ gut und es gibt durchaus Tage, wo viel zu tun ist. Unterm Strich können mit den Einnahmen maximal die Lohnkosten abgedeckt werden.“ Seiner Meinung nach wird die Gastronomie frühestens zu Ostern in mehreren Schritten öffnen dürfen.

Fritz Priesching denkt, dass ein einmaliger und länger andauernder Lockdown die bessere Lösung gewesen wäre.
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Fritz Priesching, Pizzeria Dorfcafé in Weißenkirchen, denkt, dass die traditionelle Gastronomie überleben wird: „Für die Nacht- und Kulturgastronomie sind die Lockdowns aber eine Katastrophe und existenzbedrohend.“

Für den Familienbetrieb hat Gastwirt Priesching stets die Gewinnoptimierung vor die Umsatzoptimierung gestellt und sich über drei Jahrzehnte ein Stammpublikum erarbeitet. „Die Pizza war und ist ein Mitnahmeprodukt und gehört so zu den Krisengewinnern“ ergänzt Dorfwirt Priesching. Er fügt hinzu: „Der persönliche Kontakt, das Gespräch und der Spaß mit meinen Stammgästen gehen mir aber sehr ab. Ich knie mich nieder vor meinen Gästen, die mich täglich mit ihren Bestellungen unterstützen.“

Die finanziellen Hilfen für seinen Betrieb seien unproblematisch und gut angekommen. Für einen Familienbetrieb, der sich in solider Arbeit einen Polster angespart habe, sei die Krise bewältigbar. Mit „Nachher ist man immer gescheiter“ meint er aber, dass statt einer Auf-Zu-Politik, wie man sie in den vergangenen Monaten erlebt habe, ein einmaliger strenger und länger andauernder Lockdown die bessere Lösung gewesen wäre.

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