Maßlos überfüllt: In den Zügen herrscht das Chaos. Pendler klagen über Stehplätze Richtung Wien, in der Gegenrichtung wurde sogar geräumt.

Von Alex Erber. Erstellt am 23. Oktober 2018 (04:02)
Max Gusel
Diesen Schnappschuss hat Max Gusel im Railjet Richtung Wien-Hauptbahnhof angefertigt. Das Bild zeigt nicht die Szenerie unmittelbar nach dem Einsteigen, sondern während der vollen Fahrt.

 Max Gusel, nebenbei bemerkt eine Hoffnung der VP bei der kommenden Gemeinderatswahl, ist vom Beruf Steuerfahnder. Frühmorgens fahndet der 25-Jährige ebenfalls, und zwar nach einem freien Platz im Zug von St. Pölten nach Wien. Dort herrscht bisweilen das blanke Chaos. In der Vorwoche kam es auch in umgekehrter Fahrtrichtung zu einem aufsehenerregenden Vorfall.

Der Herzogenburger benützt in der Regel den Railjet, der um 7.02 Uhr vom St. Pöltner Hauptbahnhof Richtung Wien-Hauptbahnhof abfährt. „Dass man in diesem Zug einen Sitzplatz bekommt, grenzt an ein kleines Wunder“, erklärt Gusel. Zumeist seien die Garnituren derart überfüllt, dass man nur mit Mühe einen Stehplatz ergattere.

„Es ist nicht möglich, Züge zu verlängern.“ Christopher Seif, ÖBB-Pressesprecher

Schweren Herzens verzichtete Gusel auf eine halbe Stunde, um es mit dem Railjet zu versuchen, der bereits um 6.36 Uhr den St. Pöltner Hauptbahnhof verlässt. Es trat keine Besserung ein: „Auch dieser Zug war wieder restlos überfüllt.“

Er wäre sogar noch früher aufgestanden, doch es hätte es sich um das Morgengrauen gehandelt: „Abgesehen von einem Nachtzug fährt von 5 bis 6.36 Uhr kein Zug Richtung Hauptbahnhof.“

„Insgesamt ein sehr attraktives Angebot“

ÖBB-Pressesprecher Christopher Seif beantwortete eine entsprechende NÖN-Anfrage prompt: „In der Relation St. Pölten - Wien besteht die Möglichkeit, sowohl Fernverkehrszüge nach Meidling und weiter zum Hauptbahnhof als auch im Nahverkehr die REX-Züge zum Westbahnhof zu nutzen. Beide Verbindungen ergeben insgesamt ein sehr attraktives Angebot an Zügen, insbesondere in der Pendlerstoßzeit, zumal auch die Fahrzeit in beiden Relationen zwischen 32 und 39 Minuten annähernd gleich ist. In den drei Zielbahnhöfen besteht die rasche Möglichkeit zum Umsteigen in das U-Bahn-Netz.“

NOEN
Max Gusel: „Ein Sitzplatz kommt einem kleinen Wunder gleich.“

Bei den angeführten Zügen um 6.32 und 7.02 Uhr handelt es sich um Railjet-Verbindungen zum Hauptbahnhof.

Die ÖBB führen in dieser Zeitlage weitere REX-Züge um 5.06, 5.32, 6.06 und 6.36 Uhr zum Westbahnhof sowie um 6.02 Uhr einen Nachtzug nach Wien, also insgesamt sieben rasche Verbindungen zwischen 5 und 6.36 Uhr ab St. Pölten Richtung Wien. Die Zugbildung im Fernverkehr besteht aus Railjet-Garnituren in Doppelführung mit 624 Sitzplätzen pro Zug beziehungsweise bei den REX mit Cityjet-Garnituren mit 518 Sitzplätzen pro Zug.

Seif: „Naturgemäß sind die Züge in der Morgenpendlerzeit sehr gut frequentiert.“

Jetzt stellt sich dem Laien die Frage, ob denn nicht zusätzliche Waggons angehängt werden können. Oder ob es möglich ist, zusätzliche Züge einzuschieben.

Kann man keine Waggons anhängen?

Christopher Seif: „Aufgrund der maximalen Ausnutzung der möglichen Fahrzeuganzahl mit über 500 beziehungsweise 600 Sitzplätzen pro Zug ist es nicht möglich, Züge zu verlängern. Die Führung von zusätzlichen Zügen in den Spitzenzeiten ist insbesondere in den vergangenen Jahren im REX-Verkehr erfolgt. Für weitere Zusatzverkehre ist die Abstimmung unter Berücksichtigung der Vergaberegelungen mit den Gebietskörperschaften erforderlich.“

Einen im Einzelfall vielleicht hilfreichen Tipp hat der Pressesprecher parat: „Wie beobachten, dass einsteigende Fahrgäste jenen Zugteil wählen, bei dem sie beim Aussteigen in Wien den kürzesten Weg in Richtung U-Bahn-Anschluss beziehungsweise Stiegenabgang haben. Das bedeutet, dass Reisende, die in Richtung Meidling und zum Hauptbahnhof fahren, in St. Pölten eher in die hinteren Wagen einsteigen, wogegen bei den REX-Zügen der vordere Zugteil genutzt wird, um den Fußweg am Zielbahnhof zu verkürzen. Dadurch sind in diesen Wagen sehr oft sehr hohe Fahrgastzahlen zu verzeichnen, im restlichen Zugteil hingegen oft (wenn auch vereinzelt) noch Sitzplätze vorhanden.“

Probleme gibt es nicht nur in Fahrtrichtung Wien. Am vergangenen Mittwoch musste ein Zug Richtung St. Pölten im Bahnhof Tullnerfeld geräumt werden. Ratlose Passagiere, denn sie hatten ein gültiges Ticket!

Betroffen war der Raijet 662 von Wien nach Bregenz. Wie die ÖBB im Nachhinein eruierten, nutzten zwei Reisegruppen, 50 Personen nach Steyr, 90 nach Traunkirchen, diesen Zug, und zwar ohne Reservierung. Diese beiden Reisegruppen genügten, um einen völligen Kollaps hervorzurufen.

25 Euro Belohnung für das Aussteigen

Den Zugbegleitern schwante unmittelbar nach der Abfahrt in Wien-Hauptbahnhof Böses und man griff zu einem Mittel, das äußerst selten angewandt wird. Wer wenig später in Wien-Meidling ausstieg, um einen späteren Zug zu benutzen, wurde dafür mit einem 25-Euro-Gutschein belohnt.

Diese Maßnahme zeigte Wirkung, allerdings nicht im erhofften Ausmaß. „Aufgrund der Gesamtfrequenz entschied sich unser Zugpersonal dazu, die Reisegruppen in Tullnerfeld auf den später folgenden REX zu verweisen“, informiert Christopher Seif. Ein Zusteigen im Bahnhof Tullnerfeld war ebenfalls nicht möglich. Auch die dort wartenden potenziellen Passagiere nahmen den REX.

Die ÖBB bitten um Verständnis: „Der Zugführer muss oft situationsbezogen entscheiden. Wenn Sicherheit und Ordnungsmäßigkeit im Zug nicht mehr gegeben sind, hat er entsprechende Maßnahmen zu setzen. Zugräumungen wegen Überfüllungen kommen sehr selten vor, nur zwei bis drei Mal pro Jahr. Bei Überfüllung weisen die Zugbegleiter auf alternative Reiseangebote hin“, so Seif.

Umfrage beendet

  • Züge voll: Besser umsteigen aufs Auto?