Fleischer bricht sein Schweigen: "Wir schächten nicht!". Nach Wochen der Stille haben die potenziellen Betreiber des in Reichersdorf geplanten Schlachthofes ihr Schweigen gebrochen. Im Beisein von SP-Bürgermeister Heinz Konrath und dem Wirtschaftsberater der Gemeinde, Jürgen Erber, schilderten Fatma Turan und Halil Tanrikulu am Nussdorfer Gemeindeamt ihre Sicht der Dinge.

Von Alex Erber. Erstellt am 07. Oktober 2020 (04:41)
„Wenn die Betreiber alle behördlichen Auflagen einhalten und der Notariatsakt hinsichtlich der Schächtung unterzeichnet ist, steht dem Schlachthof nichts im Wege“, sagt Nussdorfs Bürgermeister Heinz Konrath, im Bild mit Halil Tanrikulu, Fatma Turan sowie Wirtschaftsberater und Standortentwickler Jürgen Erber (von links).
Lisa Zederbauer

„Ich weiß nicht, was ich verbrochen habe, ich verkaufe ja keine Drogen, sondern zerlege Tiere“, sagt Halil Tanrikulu. Seine Schwester Fatma Turan erklärt: „Es handelt sich hier um eine Kampagne gegen uns. Da geht es auch um den Namen, deshalb ist immer von einem türkischen Schlachthof die Rede. Wir sind aber hier geboren und aufgewachsen, österreichische Staatsbürger.“

Die Kernpunkte, auf die die Unternehmer Wert legen: „In diesem Betrieb wird nicht geschächtet, wir werden alle Auflagen der Behörden erfüllen und damit einer der modernsten Fleischereibetriebe in ganz Österreich sein.“ Halil Tanrikulu: „Denn das ist ja ganz klar, wenn ich etwas nicht erfülle, bekomme ich ja gar keine Bewilligung!“

Der Verkauf des Grundstücks ist, wie ausführlich berichtet, Ende Mai vom Gemeinderat mit breiter Mehrheit beschlossen worden. Doch noch ist der Kaufvertrag für das Grundstück nicht unterzeichnet, denn die Gemeinde will sich mit einem Notariatsakt absichern, der sich gerade in Ausarbeitung befindet. Darin festgehalten sind das Schächtverbot sowie die Auflage, dass keine Tierhaltung auf dem Areal erfolgen darf.

„Schnitzel und Keule, aber kein Schlachthof?“

Halil Tanrikulu hält überdies fest, dass von einem „Mega-Schlachthof“ überhaupt keine Rede sein könne: „Die Schlachtfläche hat ein Ausmaß von rund 70 Quadratmetern, angeliefert und verarbeitet werden sollen 70 bis 80 Tiere pro Woche. Ein Schnitzel oder eine Lammkeule wollen viele Menschen, aber einen Schlachthof dafür soll es nicht geben dürfen?“

Volle Rückendeckung erhalten Tanrikulu und Turan von Ortschef Konrath, der die Angelegenheit in einem ausführlichen Schreiben auch Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und ihrem Stellvertreter Franz Schnabl erläutert hat: „Ein Industriegebiet ist der ideale Standort für ein solches Unternehmen. Übrigens erinnere ich daran, dass es auch Schlachthöfe mitten in Ortskernen und Stadtzentren gibt, wo es überhaupt keinen Widerstand gibt. Das erste Wohnhaus in der Getzersdorfer Bahnhofssiedlung ist rund 400 Meter vom Standort des Schlachthofes entfernt.“

Widerstand gibt es jedoch beim geplanten Projekt in Reichersdorf.

Bettina Krejci, Chefin der benachbarten Polymertechnik-Firma Camillo Krejci GmbH, hat auf ihrem Areal auch einen Reitstall und eine Alpakazucht etabliert. Sie befürchtet negative Auswirkungen auf Rösser und Alpakas durch Emissionen der Angst angelieferter Tiere, durch den Schlachtvorgang (Blutgeruch) und durch die Entsorgung durch die Firma Saria („Tierkörperverwertung“). Auch die Abgase, die von den Fahrzeugen diverser Lieferanten und Abholer verursacht werden, lösen Furcht aus.

Mittlerweile sind mehr als 1.400 Unterschriften gegen die Errichtung des Schlachthofs gesammelt worden, aus Inzersdorf-Getzersdorf, aber auch aus Nussdorf, von Firmen, die sich im Reichersdorfer Industriegebiet, aber auch im Getzersdorfer Gewerbegebiet befinden, beziehungsweise ihren besorgten Mitarbeitern.

„Sehr viele Unterschriften stammen auch von regelmäßigen Besuchern unserer Region. Von genau diesen Personen haben wir sehr oft gehört, dass es eine Schande ist, dass direkt neben der Hauptstraße einer Tourismusregion solch ein Schlachthof gebaut werden soll, und dass diese Personen deshalb in Zukunft die Heurigen und Lokale von Nussdorf meiden werden“, sagt Bettina Krejci.

„Von Gastro-Boykott war nie die Rede“

Allerdings: Von einem Boykott gegen die Gastronomie, die selbst gegen den Schlachthofbau unterschrieben hat, in Nussdorf und der angrenzenden Region habe nie jemand etwas gesagt: „Und schon gar nicht ich! Wir selber essen fast täglich in Nussdorf und haben dieses Service auch während der ganzen Coronazeit sehr dankbar genutzt, wir leben hier und werden uns selber und den tollen Wirten der Region doch nicht Schaden zufügen!“, stellt Krejci klar.

Was auch Nussdorfs geschäftsführenden Gemeinderat Patric Pipp (VP) freut: „Unsere hervorragenden Heurigen- und Gastrobetriebe haben mit dem Schlachthof-Thema absolut nichts zu tun.“