Nahversorger-Situation: „Volleinkäufer fehlen“. Kleinere Geschäfte kämpfen ums Überleben. Spezielle Angebote sollen Kunden locken.

Von Birgit Kindler, Manuela Mayerhofer, Nadja Straubinger und Lisa-Maria Seidl. Erstellt am 14. August 2018 (05:22)
Stefan Girsch ist Fleischhauer in Stössing. Er weiß, dass die Qualitätsansprüche steigen.
 
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Wenn plötzlich die Milch ausgeht, ist man froh, zum Nahversorger im Ort fahren zu können, um sich Nachschub zu holen. Doch wenn die Bürger nur einmal pro Woche um die Milch kommen, können die kleinen Geschäfte kaum überleben. Es braucht Strategien und die sehen im Bezirk sehr unterschiedlich aus.

In Haunoldstein etwa setzt Hubert Luger auf Zusatzangebote, wie Trafik, Tankstelle und Postpartnerschaft. Seit zehn Jahren betreibt der Bürgermeister selbst den Nahversorger im Ort: „Wir können davon leben, aber der große Gewinn ist es nicht.“ Dem stimmt auch Erna Marosi zu, die einen kleinen Nahversorger in Gerersdorf betreibt. „Uns fehlen die Volleinkäufer. Nur für die vergessene Milch zu uns zu kommen, das reicht nicht“, so Marosi.

Obwohl sich alle ein Geschäft im Ort wünschen, würden dennoch viele den Großeinkauf woanders erledigen. „Obwohl wir ähnliche Preise wie die Supermärkte haben“, meint Marosi. Schwierig seien außerdem die Lohnnebenkosten. Marosis Mann hilft deshalb trotz seines Jobs im Geschäft aus. Ihre Strategie für den Weiterbestand ist ihr Engagement: „Ich mache die Arbeit sehr gerne und mit Leidenschaft. Die Kunden schätzen die persönliche Betreuung.“ Es sei auch ein Treffpunkt für die Gerersdorfer.

„Ich mache die Arbeit sehr gerne und mit Leidenschaft. Die Kunden schätzen die persönliche Betreuung.“

Erna Marosi, Nahversorgerin in Gerersdorf

Zu einem Ort der Kommunikation ist das Nah- und Frisch-Kaufhaus in Inzersdorf geworden. Doris Tury hat es vor wenigen Wochen übernommen, als Neu-Kauffrau den Sprung ins kalte Wasser gewagt: „Es läuft besser, als ich es mir jemals erwartet hätte. Ich bin sehr dankbar“, sagt Tury. Sie setzt auf beste Qualität der Produkte und auf Regionalität.

Dass die Leute wieder mehr Wert auf regionale Produzenten legen, davon ist auch Fritz Ettl von der Fleischerei Ettl in Ober-Grafendorf überzeugt. Er setzt auf Unikate. „Neben Wurst- und Fleischwaren haben wir auch in einer kleinen Rösterei unseren eigenen Kaffee kreieren lassen. Die Leute schätzen handwerklich hergestellte Produkte.“

Handwerk steht auch bei der Bäckerei Penzenauer in Tradigist im Vordergrund, wo noch in der Nacht produziert wird, um am nächsten Morgen frisches Gebäck auf die Teller zu bringen. „Das wissen die Kunden schon zu schätzen“, sagt Mitarbeiterin Christine Kraushofer.

„Den Leuten gefällt es, dass sie bei mir alles frisch kaufen können“

Eine kleine Bäckerei in Böheimkirchen betreibt Stefan Winter. Auch sein Arbeitstag beginnt um zwei Uhr früh. Obwohl es nicht einfach und der Arbeitsaufwand enorm ist, hat er sich trotzdem dazu entschieden, die Grundversorgung in Stössing zu übernehmen, weil das örtliche Kaufhaus dort zugesperrt hat.

Nicht nur im Bezirk, auch in der Landeshauptstadt musste der Stadtteil Harland einige Zeit auf einen Nahversorger verzichten. Seit bald einem Jahr betreibt Daniela Eibel „Dani‘s Bauernladen“ in einem Teil des ehemaligen Spar-Geschäftslokals. „Der Laden wird gut angenommen. Gott sei Dank.“ Sie bekomme viel positives Feedback. „Den Leuten gefällt es, dass sie bei mir alles frisch kaufen können“, betont Eibel. Es sei alles frisch und mit Liebe gemacht.

Auf einen ebenso guten Start und langfristigen Erfolg hoffen auch Andreas Neuwirth und Candas Atan, die in Pyhra beziehungsweise Hafnerbach neue Lebensmittelgeschäfte eröffnen werden.

Im Gegensatz dazu denkt Stefan Girsch, Fleischhauer in Stössing, manchmal ans Aufhören. Besonders wenn er ehemalige Schulkollegen treffe, die bereits sechs Wochen Urlaubsanspruch hätten. „Das meiste Geld wird heute für Wohnraum, Energie und Treibstoff aufgewendet. Nur noch 11,4 Prozent fließen in die Ernährung“, bedauert Girsch. Dennoch würden die Qualitätsansprüche ständig steigen.