Gutschermühle: „Eine Million Riegel pro Tag sind Ziel“ . Mit zweiter Fabrik und einem Wechsel an der Spitze startet Gutschermühle in ein neues Zeitalter. Die NÖN sprach darüber mit dem bisherigen Geschäftsführer Heinrich Prokop und Neo-Chef Stefan Grössinger.

Von Lisa Röhrer. Erstellt am 17. Juni 2020 (04:33)
Führungswechsel in der Gutschermühle: Stefan Grössinger (links) übernahm die Geschäftsführung. Heinrich Prokop (rechts) will sich nun ganz seiner Start-Up-Investment-Firma widmen.
Lisa Röhrer

„Der Mann mit den Müsliriegeln und den Start-Ups“: So ist Heinrich Prokop (57) im ganzen Land bekannt. Ganz stimmt das nun aber nicht mehr; wenngleich die Riegel durch seine Beteiligung an zahlreichen Start-Ups Teil seines Lebens bleiben werden. Aus dem operativen Geschäft der Gutschermühle zog sich der Traismaurer, nachdem er das Traditions-Unternehmen vor einem Jahrzehnt an die Schweizer HACO Holding AG verkauft hatte, nun aber endgültig zurück. Das Ruder übernahm Stefan Grössinger (36). Der frischgebackene Geschäftsführer begann seine Laufbahn gleich mit einem Millionen-Projekt – dem Bau einer zweiten Riegel-Fabrik (siehe links). Wie der verlaufen ist, welche Ziele die Gutschermühle nun verfolgt und was Heinrich Prokop beim Blick in die Zukunft sieht, erzählen der Neo-Chef sowie sein Vorgänger.

NÖN: Herr Prokop, die Vorbereitung des Baus einer zweiten Riegel-Fabrik sollte Ihr letztes Projekt als Geschäftsführer sein. Mittlerweile steht die Fabrik, die Übergabe der Geschäftsführung ist abgewickelt. Wie schwer fällt Ihnen der Abschied?
Heinrich Prokop: Dadurch, dass es doch ein fließender Prozess und die Übergabe lange vorbereitet war, war es nicht so schwierig. Aber ich wohne ja gleich neben der Gutschermühle, wenn ich über den Hof gehe, tut das natürlich schon weh. Stefan Grössinger kommt aus dem Unternehmen. Er macht vieles moderner, als ich es je könnte. Darüber bin ich sehr froh. Außerdem bin ich ein Mensch, der immer nach vorne schaut.

Warum ziehen Sie sich überhaupt zurück?
Ich habe mir in den vergangenen acht Jahren die Investment-Gesellschaft Clever Clover aufgebaut. Mittlerweile haben wir 40 Unternehmen, an denen wir beteiligt sind. Mein Fokus liegt darauf. Mit der REWE-Group habe ich eine Kooperation, das Start-Up-Ticket. Wir schauen uns jedes Jahr 300 Kandidaten und ihre Ideen an. Das geht nicht parallel.

Herr Grössinger, wie haben Sie Ihre Karriere bei der Gutschermühle begonnen?
Ich bin schon seit 17 Jahren im Unternehmen. Eines meiner ersten Projekte war die Einführung eines Warenwirtschaftssystems. Zu dieser Zeit bin ich tief in alle Unternehmensbereiche vorgedrungen. Das hat neben der IT meine Liebe zur Betriebswirtschaft und Produktion geweckt. Zuletzt war ich Betriebsleiter, da haben wir die Übergabe vorbereitet.

Intensiv beschäftigt waren Sie beide zuletzt mit dem Bau der Fabrik. Ist alles gut verlaufen?
Ja, die Erweiterung war das größte Ziel der vergangenen Monate. Wir haben das Projekt in Rekordzeit umgesetzt. Im Juli wollen wir mit der Produktion starten. Es ist eine große Nummer für uns als mittelständigen Betrieb, 15 Millionen Euro zu investieren. Dadurch bieten sich jetzt ganz neue Möglichkeiten. Aber natürlich ist es auch ein gewisser Druck. Wir haben eine neue Fabrik und neue Anlagen, die bespielt werden müssen.

Wie schauen die neuen Möglichkeiten aus?
Wir haben jetzt eine zusätzliche Komponente, die wir so in der Gruppe noch nicht gehabt haben (Anmerkung: zur HACO gehören drei Riegel-Fabriken). Wir haben einen Standort, an dem wir sowohl garantiert erdnussfreie als auch erdnusshaltige Produkte produzieren können. Das ist in Europa einzigartig. Dafür haben wir ein ein vom Bestand unabhängiges Gebäude, eigene Umkleiden . . . Quasi eine Fabrik in der Fabrik. Die Erdnuss ist das stärkste Allergen. Für einen Allergiker kann ein Stückchen lebensgefährlich sein, für andere ist es eine gehaltvolle Zutat.

Welche Ziele verfolgen Sie nun?
Mit der neuen Anlage können wir zusätzlich zu den 800.000 Riegeln, die wir täglich produziert haben, noch einmal eine Million Riegel produzieren. Das ist ein schönes Ziel. Außerdem ist es mein Anspruch, dass wir in Traismauer das europäische Kompetenzcenter für die Entwicklung und Produktion von Riegel, Müslis und Snackbites aufbauen – für die führenden Marken und die, die es werden wollen. Wir haben in neuen Bereichen – etwa in der Produktion mit wenig Zucker – in den vergangenen Jahren viel gelernt, jetzt trauen wir uns schon ausgerissenere Projekte zu, mit denen Heinrich kommt.

Sie werden also weiterhin Start-Ups in die Gutschermühle holen?
Natürlich. Durch Clever Clover bleibt eine wirtschaftliche Verbundenheit. Ich habe mich auf Lebensmittel-Start-Ups spezialisiert und wir haben einige Riegel, die hier produziert werden. Da sind auch innovative Konzepte dabei.