Nach Überfall auf 95-jährige: „Ihr Leben ist vorbei“. 95-Jährige war bis vor kurzer Zeit rüstig, vital und jovial. Überfall einer skrupellosen Süchtigen hinterließ Spuren. „Sie wird immer Angst haben“, sagt der Richter über das Opfer.

Von Alex Erber. Erstellt am 15. Mai 2019 (04:39)
NOEN, zVg
Crystal Meth

Hoch betagt, aber sehr rüstig, stets freundlich und wenn es sein muss, durchaus resolut: So wird die Seniorin beschrieben, deren Leben am Morgen des 9. Februar einen gravierenden Einschnitt erfahren hat. Oder, wie es der Richter beim Prozess am Landesgericht St. Pölten ausdrückt: „Sie wird immer Angst haben, ihr Leben ist vorbei.“ Denn ein Überfall in ihrer eigenen Wohnung in der Donaustraße hat bei der 95-Jährigen sowohl physische als auch psychische Spuren hinterlassen.

„Sie wird immer Angst haben, ihr Leben ist vorbei."

Verantwortlich dafür ist eine 24-jährige Österreicherin mit Migrationshintergrund, der nach einem Streit mit dem nunmehrigen Ex-Lebensgefährten „alles egal“ war. Die Mutter eines fünfjährigen Kindes blickt auf eine lange Drogenkarriere zurück.

Das erste Mal zum Suchtgift griff die Frau, wie sie beim Prozess erzählt, im Alter von zwölf Jahren. Bis vor kurzer Zeit sei Crystal Meth ihre bevorzugte Droge gewesen: „Wenn es nicht erhältlich war, habe ich Heroin oder Kokain genommen“, räumt sie ein.

„Wenn Crystal Meth nicht erhältlich war, habe ich Heroin oder Kokain genommen.“ Die Angeklagte (24) war bei Drogen nicht wählerisch

An jenem verhängnisvollen Morgen, es war gegen 6 Uhr, war die Römerstädterin vollgepumpt mit Alkohol: „Ich habe eine Flasche Captain Morgan getrunken.“ 2,7 Promille hatte sie intus, errechnete der Sachverständige. Hinzu kam jede Menge eines einschlägigen Beruhigungs- oder Schlafmittels.

Obwohl sie bei ihren Einvernahmen durch die Kriminalisten und die Ermittlungsrichterin ziemlich genau den Tatablauf schilderte, will sich die Täterin beim Prozess an fast nichts erinnern. Eine Stunde lang streitet sie ab, was evident ist. Maskiert und mit einem Küchenmesser bewaffnet, hatte sie an die Wohnungstüre ihrer Nachbarin geklopft.

Die 95-Jährige öffnete arglos, weil sie dachte, es sei die Heimhilfe. Doch es war die drogensüchtige 24-Jährige, die nicht mit der Gegenwehr der Seniorin gerechnet hatte. Denn es kam zu einem Gerangel ums Messer, das Opfer riss der Angreiferin teilweise die Maske vom Gesicht. Als die Furchtlose erklärte, mit ihrem Mobiltelefon nun die Polizei zu alarmieren, ergriff die Angreiferin die Flucht.

Geld für Drogen benötigt

Nach einem Gespräch mit ihrer Anwältin und der Bewährungshelferin entscheidet sich die Angeklagte schließlich für ein Geständnis. Sie habe Geld für Drogen benötigt und wollte bei ihrer Nachbarin zu Barem kommen. Die Traismaurerin wird zu einem Jahr Haft verurteilt. Die Frau sitzt derzeit wegen anderer Delikte, hat bedingte Strafen offen, weswegen das Strafmaß insgesamt 28 Monate beträgt (rechtskräftig). Außerdem wird sie in eine Anstalt für entwöhnungsbedürftige Rechtsbrecher eingewiesen.

Denn: „Es liegt eindeutig eine schwere Suchterkrankung vor. Ihr psychisches Gefüge ist komplett zerstört“, befindet der Sachverständige. Da helfen auch die Krokodilstränen nichts, die die Verurteilte danach mit ihrer Mutter vergießt; nicht aus Reue oder Scham, sondern weil sie nun länger sitzen muss.