Fladnitztal: Räuber soll Opfer sein. Bursche (15) brachte Stiefvater zur Weißglut. 49-Jähriger sitzt nun vorm Richter.

Von Alex Erber. Erstellt am 09. Oktober 2020 (03:52)
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Wegen des Vergehens der fortgesetzten Gewaltausübung und des Quälens oder Vernachlässigens unmündiger, jüngerer oder wehrloser Personen zum Nachteil seines mittlerweile 15-jährigen Stiefsohnes muss sich ein Mann bei einem Prozess am Landesgericht St. Pölten verantworten. Vorneweg: Die Verhandlung wurde vertagt, von den gravierenden Vorwürfen der Staatsanwaltschaft wird wohl nicht allzu viel übrig bleiben.

Der Angeklagte hat 2017 eine Fladnitztalerin geheiratet, die Frau brachte einen Sohn aus einer früheren Beziehung in die Ehe mit. Zu Beginn schien das Glück perfekt, aber schon bald taten sich Risse auf, die schließlich nicht mehr zu kitten waren. Auslöser war der Sohn, den die resolute Frau als „pubertierend“ bezeichnet. Wie sich diese Pubertätsphase gestaltet, schildert der 49-Jährige: stundenlanges Spielen am Computer, Lügen, Schulschwänzen. Als vermisst galt er, die Polizei griff ihn in der Bundeshauptstadt auf und brachte ihn nach Hause. „Ich habe gewusst, was kommt und mich später aus der Erziehung völlig zurückgezogen“, sagt der Stiefvater. Mit seiner Ahnung, dass da „etwas kommt“, sollte der Mann recht behalten. Denn das mittlerweile 15-jährige Opfer befindet sich im Gefängnis, weil es einen Raub verübt hat.

Warum es sich bei dem Burschen um ein Opfer handelt?

Weil er vom Angeklagten mutmaßlich beschimpft worden ist, mindestens einmal auch rassistisch (der damalige Stiefsohn hat äthiopische Wurzeln); weil ihm auf die Zehen gestiegen wurde und er unsanft an der Nase angefasst worden ist; weil er, und diesen Vorwurf bestreitet der Angeklagte vehement, vom Stiefvater die Kellerstiege hinunter gestoßen worden sei.

Anzeige einen Tag nach der Scheidungsklage

Diese Vorfälle sollen sich zu Beginn des Jahres 2018 ereignet haben, dann gab es den Rückzug aus der Erziehung samt Unterstützung beim Sport und einem gemeinsamen Urlaub auf Mallorca.

Nun interessiert den Richter, warum es nach den vermeintlichen Schandtaten keine sofortige Anzeige gab; eine Frage, die die Mutter des Opfers nicht so recht beantworten kann. Und so mag es der bloße Zufall sein, dass die Anzeige bei der Polizei just einen Tag nach der Einreichung der Scheidung durch den Mann im März 2020 erfolgte: „Eine Psychologin hat uns dazu geraten“, erklärt die Frau.

Ehe der Prozess vorläufig beendet wird, gibt der Richter dem Angeklagten noch einen Tipp auf den Weg: „Übernehmen Sie zumindest zu einigen Vorwürfen Verantwortung!“ Denn die zumindest teilweise Einräumung eines schuldhaften Verhaltens würde sich auf das Strafmaß auswirken.