Gäste stürmten die „Burg“. In Ratzersdorf bei Wölbling präsentierte man neueste wissenschaftliche Erkenntnisse.

Von Thomas Heumesser. Erstellt am 11. August 2019 (03:25)
Unger, Projekt Ratzersdorf
Tag der offenen Grabung in Ratzersdorf/Am Dachsgraben: Das Interesse an den entdeckten Artefakten war sehr groß.

Rund 200 Besucher stürmten am vergangenen Mittwoch regelrecht die frühbronzezeitliche Befestigungsanlage von Ratzersdorf bei Wölbling. Das Grabungsteam unter der Leitung von Alexandra Krenn-Leeb vom Institut für Urgeschichte und Historischen Archäologie der Universität Wien hatte zu einem Tag der Offenen Grabung eingeladen, um die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der diesjährigen archäologischen Untersuchungen zu präsentieren.

Von etwa 1.800 bis 1.600 vor Christus wurde am Dachsgraben eine west-ost-orientierte, ovale Geländekuppe von rund drei Hektar besiedelt. An drei Seiten wird die Anlage von tief eingeschnittenen Bachläufen und steil abfallenden Hängen naturräumlich begrenzt.

Die nördliche, leicht zugängliche Seite ist von insgesamt fünf Wällen und Gräben geschützt worden.

Feindlicher Angriff zerstörte die Festung

Die Anlage von Ratzersdorf/Am Dachsgraben repräsentiert aufgrund der umfassenden Befestigungsstrukturen und der strategisch günstigen Lage eine „Burg“ mit einer wirtschaftlichen und sogar politischen Zentralortfunktion am Rand des Wölblinger Beckens.

„Das Glück war allerdings nicht dauerhaft“, berichtet Alexandra Krenn-Leeb. Es gelang jetzt, das Zerstörungsereignis der frühbronzezeitlichen Burg zu ermitteln. Die das innerste Siedlungsplateau umfassende Mauer fiel einem heftigen Brand zum Opfer und stürzte in den davor situierten Graben. Runde Geröllsteine verweisen auf eine Attacke mit Schleudern. Schleudern kamen mit hoher Wahrscheinlichkeit als eine der ersten Waffen bei einem Kampfangriff zum Einsatz. Sie sollten Verwirrung stiften, eine effektive Gegenwehr verhindern und die ersten Verwundungen erzeugen. Die Anlage wurde bei diesem letzten Kampfereignis zerstört. Die Befestigungsstrukturen wurden offensichtlich nicht wieder erneuert.

Im Rahmen der diesjährigen Lehr- und Forschungsgrabung trugen die Studierenden wesentlich dazu bei, diese wissenschaftlichen Erkenntnisse zutage zu fördern. Sie haben die grundlegenden Prinzipien der archäologischen Ausgrabung erlernt und vertieft.

Heuer mischte der Borkenkäfer mit

Eine besondere Herausforderung stellte jedoch ein akuter Borkenkäferbefall dar, der eine Schlägerungsaktion der die Grabungsfläche umgebenden Bäume verursacht hat. „Dank der großartigen Unterstützung der Grundbesitzer konnten die entsprechenden Maßnahmen zügig und professionell durchgeführt und die Grabungen erfolgreich fortgesetzt werden“, atmet Alexandra Krenn-Leeb auf.

Die vom Land NÖ und der Universität Wien geförderte Lehr- und Forschungsgrabung ist Bestandteil des von Alexandra Krenn-Leeb geleiteten Forschungsvorhabens zur Archäologie der Siedlungskammer „Wölblinger Becken“, zu dem bereits die langjährigen Grabungen am Kleinen Anzingerberg in Meidling/Unterwölbling gehört haben. Der Tag der Offenen Grabung wird bereits seit einignen Jahren durchgeführt und stößt bei der Bevölkerung regelmäßig auf großes Interesse.