Retzer Vermählungsmeister geht in Pension. Am 4. Jänner übergibt Hermann Neubauer den Schlüssel für das Standesamt und den Rathaussaal in Retz.

Von Sandra Frank. Erstellt am 02. Januar 2021 (03:55)
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Man hat das Gefühl, dass jedes Paar, das in der Retzer Gegend geheiratet hat, von Hermann Neubauer getraut wurde. Es waren exakt 1.895 Hochzeiten, die er in seiner Ära abhalten durfte. „Sie haben alle brav Ja gesagt“, erzählt der Unternalber schmunzelnd. Seit 1981 durfte er Vermählungen durchführen. „Damals aber nur in Vertretung meines Vorgängers.“ Mit 1. Oktober 2002 wurde Neubauer hauptberuflich Standesbeamter.

Er kann sich noch erinnern, dass er bei seiner ersten Hochzeit sehr nervös war. „Sie hat auch nur ein halbes Jahr gehalten“, weiß der 65-Jährige über das Retzer Paar. „Ich war richtig enttäuscht.“ Doch es gab ein Happy End: „Die Frau hat später wieder bei mir geheiratet; das hält jetzt!“

Sein letzter „Hochzeitstag“ war der 11. Dezember. Es waren sogenannte Konsenshochzeiten. Diese bestanden nur aus Neubauer und den beiden Eheleuten, mehr war wegen der Covid-Lage nicht erlaubt. „Es waren eher ältere Paare, die noch heiraten wollten“, erzählt Neubauer und spricht von einem „komischen Gefühl“. Er durfte das Brautpaar nämlich nur ums Jawort fragen und keine Ansprache halten.

„So oft wie ich war keiner hier im Rathaus“, sagt Neubauer mit Wehmut, als er mit der NÖN den Trauungssaal des Retzer Rathauses betritt. Vor seiner Standesbeamten-Karriere bereitete er oft den Saal vor, wenn etwa Gemeinderatssitzungen anstanden. An diesen nahm er zwei Perioden selbst als Mandatar teil. „Den Schlüssel für das Standesamt und den Rathaussaal übergeb’ ich am 4. Jänner“, verrät der 65-Jährige, der noch nicht an diesen Tag denken möchte, wenngleich er sich auf seine Pension freut. Denn bisher – zumindest vor Corona – waren die Wochenenden von April bis Ende Oktober mit Hochzeiten verplant. „Das meiste waren neun Hochzeiten an einem Samstag. Danach war ich fertig.“

Nachfolger hat Feuerprobe bereits hinter sich

Wolfgang Heller wird in Neubauers Fußstapfen treten, er hat seine Feuerprobe bereits hinter sich. „Heuer hat meine Tochter standesamtlich geheiratet. Das hat Wolfgang gemacht. Und er hat’s sehr gut gemacht“, lobt der angehende Pensionist seinen Nachfolger.

Wofür der Beamte bekannt war: Sein Outfit passte immer perfekt zur Kleidung des Hochzeitspaares. Die Krawatte war mit dem Kleid der Braut abgestimmt; trug das Paar Tracht, so war auch Neubauer in Lederhose unterwegs. „Manchmal war es Zufall, da hatte aber immer meine Frau das richtige Händchen“, lacht er. Doch meistens war es so, dass die Eheleute in einem Gespräch vor der Hochzeit erwähnten, welche Kleidung sie tragen werden. „Das kam aber immer von ihnen, ich hab’ nie nachgefragt“, betont Neubauer.

Einen sechsten Sinn hat er für etwas anderes entwickelt: „Mit der Zeit bekommt man schon ein Gespür dafür, welche Ehen halten werden. Du siehst, wie sich das Paar gegenseitig behandelt.“ Hatte der begeisterte Filmer und Fotograf ein ungutes Gefühl, dann behielt er meistens recht.

Sind ihm in seiner Zeit als Standesbeamter auch Hopplas passiert? „Mit falschem Namen hab’ ich zum Glück niemanden angesprochen, obwohl ich oft davon geträumt hab’ und schweißgebadet aufgewacht bin“, sagt Neubauer. Was allerdings passierte: Beim Ringwechsel war ein Bräutigam so nervös, dass er den Ring fallen ließ. „Es war ganz still und wir haben alle gehört, wie der Ring rollt.“ Etwa zehn Minuten wurde dann gesucht, weil der Ring genau unter ein Stuhlbein gerollt war.

Als die Braut verhaftet wurde

„Die Ehe ist aber trotzdem bis heute in Ordnung“, weiß Neubauer. Denn er ist es, der eine Ehe auch beendet. Zumindest formal. Wird am Bezirksgericht eine Scheidung vollzogen, wird der Standesbeamte verständigt, um die Ehe im Ehebuch auszutragen. Bis 2014 geschah das in einem „echten“ Buch. Seit Ende Oktober gibt es das ZPR, das Zentrale Personenregister.

Neubauer erinnert sich an eine andere skurrile Episode: Wenn er den Verdacht hatte, dass es sich um eine Scheinehe handle, so musste er das der Bezirkshauptmannschaft melden. Und so wartete er eines Tages im Rathaussaal auf die Eheleute. „Es kam aber keiner. Ich hab’ dann hinunter geschaut. Da stand schon die Polizei und hat die Braut verhaftet.“

Eigentlich hätte Neubauer bereits vor fünf Jahren in Pension gehen können. Nun ist es ab 1.1. wirklich so weit und er wird nur noch als Gast auf Hochzeiten sein.