Alles, was recht ist: Ein Bezirk und seine Gerichte

Erstellt am 19. Juni 2022 | 05:56
Lesezeit: 3 Min
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Das Bezirksgericht Matzen in einer historischen Aufnahme.
Foto: Archiv Matzen
Früher gab es im Bezirk Gänserndorf gleich mehrere Bezirksgerichte – so auch in Matzen und Marchegg. Die Geburtsstunde des Bezirksgerichts Gänserndorf schlug 1945.
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Mit der Revolution 1848 änderte sich auch die Struktur der Gerichtsbarkeit. Was vorher Herrschaftsangelegenheit war, übernahmen zum großen Teil die neuen Bezirksgerichte. Mit Matzen, Marchegg, Groß-Enzersdorf, Zistersdorf gab es lange Zeit vier Standorte. Die Geburtsstunde des Bezirksgerichtes Gänserndorf schlug am 8. September 1945. Aber erst mit 1. Jänner 1997 wurden alle in Niederösterreich gelegenen Bezirksgerichte niederösterreichischen Gerichtshöfen unterstellt.

Somit vergingen für die räumliche Trennung der Gerichtsbarkeit vom Bundesland Wien noch fast 80 Jahre seit der Selbstständigkeit Niederösterreichs. Das Gerichtsgebäude in Matzen galt lange als das schönste Haus im Ort, ja sogar als schönstes Gerichtsgebäude im Weinviertel. Auf einem vom Bauern Lorenz Lausecker zur Verfügung gestellten Acker galt das Haus als architektonische Musterarbeit.

Ebenerdig befanden sich Steueramt, Grundbuch und die Sparkasse. Im ersten Stock war das Gericht untergebracht. Gegenüber gab es den Arrest sowie die Wohnung des Kerkermeisters. Ähnliches wird über Marchegg berichtet. Nachdem lange Jahre Räume teuer angemietet werden mussten, entstand in den 1880er-Jahren das Gerichtsgebäude.

Schon Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Bestrebungen, das Bezirksgericht nach Gänserndorf zu verlegen. Allein – die Gemeinde konnte die finanziellen Herausforderungen damals nicht stemmen. So sollte es bis Oktober 1945 dauern, dass das Gericht seinem Amtsbetrieb in fünf Räumen der Bezirkshauptmannschaft aufnahm. Lediglich drei Schreibmaschinen standen zur Verfügung. Das Grundbuch wurde disloziert in Retz betreut, jedoch nur im Sommer, weil die Räume nicht beheizbar waren. Drei Jahre später bezog das Gericht Räume im Rathaus – ein Provisorium für 50 Jahre.

1997 begann Bau eines modernen Gebäudes

Es ist den Bemühungen des damaligen Präsidenten des Oberlandesgerichtes Erwin Felzmann zu verdanken, dass 1997 mit dem Bau eines modernen Gerichtsgebäudes am heutigen Standort begonnen wurde. Schon nach etwas mehr als einem Jahr konnte der Betrieb aufgenommen werden. Zehn Jahre später beschädigte ein Gewittersturm große Teile des Gebäudes und zerstörte die zweite Etage fast vollständig.

Die glanzvollen Jahre des Bezirksgerichtes Matzen waren mit 1945 vorbei, die Agenden gingen nach Gänserndorf. Es war der Beginn einer über Jahrzehnte andauernden Entwicklung, die Gerichtsbarkeit in der Bezirkshauptstadt zu konzentrieren. Marchegg nahm zwar 1957 wieder seinen Betrieb auf, wurde aber 1992 endgültig geschlossen. Im Juli 2002 schloss der Standort Groß-Enzersdorf. Mit der Auflösung des Bezirksgerichtes Zistersdorf im Jänner 2013 schließlich konnte die angestrebte Deckungsgleichheit des Gerichtsbezirkes mit dem Verwaltungsbezirk erreicht werden.

Von öffentlicher und privater Seite gab es jedoch Einwendungen, manch einer sprach von einem „Verzicht auf Rechte“. Am Platz des damaligen Bezirksgerichtes Matzen entstand später das Landesjugendheim, das auch schon Geschichte ist. Im Haus des ehemaligen Bezirksgerichtes Marchegg ist heute die Polizei-Inspektion untergebracht. Die Räumlichkeiten in Zistersdorf gehörten schon damals der Stadtgemeinde, die nach dem Auszug den Raum teilweise für die Erweiterung des Gemeindeamtes nutzte. Ein anderer Teil kann gemietet werden. In Groß-Enzersdorf befinden sich heute Büros und Wohnungen, wo früher das Gericht residierte.

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