Bezirk Hollabrunn: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Freiwillige sorgen seit 2015 dafür, dass Geflüchtete unterstützt werden. Rahmenbedingungen sind schwierig.

Von Christiane Fürst. Erstellt am 09. September 2020 (05:16)
Dieses Bild entstand im Jänner 2017 bei einem Treffen des Arbeitskreises für Integrationsbemühungen rund um Cäcilia Kaltenböck und Padre Herbert Leuthner – die Ehrenamtlichen sind noch immer im Einsatz.
Archiv/Frank

Der Hollabrunner Arbeitskreis für Integrationsbemühungen hilft allen Zugezogenen, hier ein Teil der Gemeinschaft zu werden. „Egal, woher sie kommen“, betont Leiterin Cäcilia Kaltenböck, um gleichzeitig auf die Sprachbarriere zu verweisen: „Ich könnte nie Farsi lernen. Ich bewundere alle, die sich dabei nicht die Zunge brechen.“

Sämtliche Angebote – von Arzt- und Behördenwegen bis hin zu Taufen und Sprachkursen – werden von Ehrenamtlichen, darunter viele ehemalige Lehrer, geleistet; allen voran der „ganz aktive innere Kern“ rund um Padre Herbert Leuthner.

Innerhalb der letzten fünf Jahre habe es schon einige Lichtblicke gegeben; wie den Afghanen Nakib, der schon die 4. Klasse der HTL besucht. Seine Mutter und vier Geschwister durften mittlerweile auch nach Österreich kommen, wegen der Corona-Beschränkungen steckt die Familie aber noch in einem Flüchtlingscamp fest.

Corona hat auch die Betreuung sehr verändert. Zurzeit gebe es viele Telefonate und Nachrichtenaustausch via Apps. „Sie lassen mich dann ihre Fehler ausbessern, damit sie dazulernen können“, erzählt Kaltenböck von ihren Schützlingen.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten. Das Schwierigste für die geflüchteten Personen sei die Unsicherheit, ob sie bleiben können. „Es dauert verdammt lange, auch wenn ein Einspruch eingelegt wurde, bis sie wissen, was passieren wird“, weiß Kaltenböck. Manchmal stünden dahinter auch „gut meinende“ Behörden, die wissen, dass die Aufenthaltsdauer die Chancen für einen langfristigen Verbleib steigert.

Ein Bursch betätige sich seit fünf Jahren beim Roten Kreuz, warte aber nach wie vor auf eine Arbeitserlaubnis. Aus Verzweiflung sehen sich manche Familien gezwungen, die Gemeinde wieder zu verlassen. Bei einer Familie aus Hollabrunn etwa sei die Integration gut gewesen, doch nach dem zweiten negativen Bescheid sei sie nach Deutschland gezogen. Besonders frustrierend sei gewesen, dass der Grund für die Ablehnung eine angebliche Scheintaufe des Vaters gewesen sei. Diese Familie sei laut Kaltenböck kein Einzelfall.

Sorgen bereitet ihr auch ein Gesetz, das noch unter dem damaligen Minister Kickl ausgearbeitet wurde und alle NGOs verstaatlichen soll. „Ich glaube nicht, dass es ohne die Arbeit der NGOs gehen kann“, äußert sie ihre Zweifel.

Besonders hebt Kaltenböck das Rote Kreuz hervor, über dessen Leistungen man Bücher schreiben könne, und das Haus der Frauen, das auch psychologische Betreuung anbietet. Beide Organisationen würden einen großen Beitrag zur Betreuung der geflüchteten Personen in Hollabrunn leisten. „Wo Menschen sich in unterschiedlichen Belangen um Menschen kümmern, gibt es unheimlich engagierte Leute, die sehr viel leisten“, ist sie froh.

„Ich glaub’, wir haben ihnen zu viel geholfen“

Bernadette und Alfred Tuzar gehörten zu jenen, die 2015 eine Flüchtlingsfamilie aufgenommen haben. Die Eltern mit ihren vier Kindern aus Syrien fanden ein neues Zuhause in Raschala. Obwohl die beiden Familien heute keinen Kontakt mehr haben, weil es die Syrer in die Großstadt Wien zog, würden die Tuzars wieder so handeln.

„Ich glaub’, wir haben ihnen zu viel geholfen und sie zu wenig selbstständig sein lassen“, denkt Alfred Tuzar zurück. Wo er konkret weniger helfen würde, kann er aber nicht benennen. „Unser Staatsgefüge ist so kompliziert, da brauchst du jemanden, der dich an der Hand nimmt“, sagt seine Frau. Für uns sei es ein Leichtes, Kinderkleidung oder ein Bügeleisen zu organisieren, „weil wir im Überfluss leben“.

Das Schwierigste sei nicht die sprachliche Barriere gewesen, „das geht mit Händen und Füßen“, sondern, die andere Kultur auch so stehen zu lassen, wie sie ist. „Das ist für uns Westeuropäer schwer“, denkt Alfred Tuzar etwa an die Unpünktlichkeit seiner ehemaligen Schützlinge.

Diese ist auch immer wieder Thema bei „zwei afghanischen Mädels“, die Tuzar in der Hollabrunner Volksschule kennenlernte. Heute besuchen die beiden das Gymnasium, besuchen die Menschen im Pflegeheim, um mit ihnen spazieren zu gehen oder ihnen einfach zuzuhören. Sie spielen Geige und Gitarre und haben schon eine Vorstellung, was sie später im Leben einmal werden wollen. „Man merkt, sie wollen einfach“, sieht der ehemalige Musikschullehrer, dass die Mädchen in Österreich dazugehören wollen.

Das scheint gelungen, immerhin ist die jüngere der Schwestern sogar Klassensprecherin.

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