Mukstadt: „Viel Zuspruch in schwieriger Situation“. Hollabrunns AMS-Geschäftsstellenleiter Josef Mukstadt stand der NÖN in aufreibenden und herausfordernden Tagen Rede und Antwort. Auch er selbst hält im Betrieb die Stellung.

Von Red. Hollabrunn. Erstellt am 21. März 2020 (14:54)
AMS-Chef Josef Mukstadt hält mit seinem Team in Hollabrunn die Stellung.
NÖN

NÖN: Wie hat sich die Lage am Hollabrunner Arbeitsmarkt in den ersten „Coronatagen“ entwickelt?  

Josef Mukstadt: Weit mehr als 100 Anfragen von Betrieben aus dem Bezirk Hollabrunn zur Kurzarbeit stimmen uns optimistisch, dass es für viele Menschen die Perspektive für eine eingeschränkte Weiterbeschäftigung gibt. Dennoch zeichnet sich ein ganz massiver Anstieg der Arbeitslosigkeit ab. In der letzten Woche hatten wir fast so viele Arbeitslosmeldungen wie sonst in zwei Monaten. Es gibt vielleicht einen kleinen Hoffnungsschimmer für Betroffene: Wenn sich Betriebe trotz der bereits erfolgten Freistellung von Beschäftigten doch noch für das erst am Freitag im Detail bekannt gewordene sehr attraktive Kurzarbeitsmodell entscheiden, können Arbeitslosmeldungen jederzeit storniert werden.

Menschen machen sich Sorgen, ob das Arbeitslosengeld pünktlich ausbezahlt wird …

Mukstadt: Dazu besteht absolut kein Grund. Wir arbeiten momentan in Sonderschichten, um alle Arbeitslosengeldanträge zu berechnen. Die Monatsauszahlung für den März wird wie geplant am 6. April am Konto verfügbar sein. Bei ganz seltenen Barauszahlungen wird die erste Zustellung durch die Post am 8. April vorgenommen. Alle persönlichen Vorsprachen und etwaige Bezugssperren beim AMS sind seit Anfang März ausgesetzt.

Wie erreicht man das Hollabrunner AMS aktuell am besten?

Mukstadt: Unsere Mail-Adressen ams.hollabrunn@ams.at für Arbeitslosmeldungen oder Anfragen dazu und sfu.hollabrunn@ams.at für die Anmeldung von Kurzarbeit durch Unternehmen stehen trotz eines beträchtlichen Anstiegs der Nachrichteneingänge uneingeschränkt zur Verfügung. Fast alle Anfragen können innerhalb eines Tages bearbeitet werden. Das eAMS-Konto für Arbeitssuchende und Unternehmen ist in den vergangenen Tagen oft an seine Grenze gestoßen, sollte aber weiter für die direkte online-Kommunikation verwendet werden. Wer über ein Finanzonline-Konto verfügt, kann sich auch über diesen Zugang in sein persönliches eAMS-Konto einloggen.

Von telefonischem Kontakt wird abgeraten?

Mukstadt: Die telefonische Erreichbarkeit war dem Ansturm der vergangenen Tage nicht gewachsen. Österreichweit wurden 240 zusätzliche Leitungen freigeschaltet. Dennoch bilden sich zu Spitzenzeiten längere Warteschlangen. Bitte nicht auflegen und nochmals anrufen, weil sich dadurch der Rückstau noch mehr aufbaut. Anrufe am Nachmittag kommen erfahrungsgemäß schneller durch.

Zutritt ins AMS-Gebäude nur einzeln möglich

Wie sieht es mit persönlichen Vorsprachen aus?

Mukstadt: Persönliche Vorsprachen haben sich zuletzt auf rund ein Dutzend pro Tag reduziert. Es gibt besondere Vorsichtsmaßnahmen und der Zutritt in das AMS-Gebäude ist nur einzeln möglich. Ab sofort gelten verkürzte Öffnungszeiten: Montag bis Freitag, jeweils von 8 bis 12 Uhr.

Was bedeutet Kurzarbeit für Betriebe und Beschäftigte eigentlich genau?

Mukstadt: Unternehmen können die Arbeitszeit auf bis zu 10 Prozent reduzieren. Dieses Ausmaß muss in einem Dreimonatsdurchschnitt erreicht werden. Wenn beispielsweise im ersten Monat keine Beschäftigung möglich ist, im zweiten Monat 10 Prozent gearbeitet wird, dann sollte das Beschäftigungsausmaß im dritten Monat 20 Prozent erreichen. Die Kurzarbeit kann auf sechs Monate verlängert werden.

Und die Entlohnung?

Mukstadt: Beschäftigte erhalten 90 Prozent des letzten Nettoeinkommens, sofern der Bruttolohn zuletzt unter 1.700 Euro lag. 85 Prozent beträgt die Nettoersatzrate, wenn der letzte Bruttolohn nicht höher als 2.685 Euro war. Über dieser Entlohnung liegt die Nettoersatzrate bei 80 Prozent. Pensionsbeiträge werden unverändert in voller Höhe eingezahlt. Nach Beendigung der Kurzarbeit gilt ein einmonatiger Kündigungsschutz. Betriebe haben über die eigentliche Beschäftigung hinaus nur einen kleinen Beitrag zu leisten. Der weitaus überwiegende Teil wird durch die Kurzarbeitsbeihilfe abgedeckt.

Wie ist die Stimmung bei Arbeitslosen und Unternehmern in unserer Region?

Mukstadt: Viele haben existenzielle Sorgen. Mitunter gibt es große Verunsicherung und Zweifel, wie es weitergeht. Unternehmerinnen und Unternehmer gehen meist sehr professionell mit der Situation um. Gemeinsam mit der Wirtschaftskammer Hollabrunn gibt es einen sehr intensiven Informationsfluss zu den Betrieben. Die Arbeiterkammer-Bezirksstelle ist ein wichtiger Kommunikator für alle Fragen rund um Wiedereinstellungszusagen und andere arbeitsrechtlichen Belange von Beschäftigten. Die Sozialpartner sind online und telefonisch erreichbar. Persönliche Vorsprachen sind jedoch weder in der Wirtschaftskammer noch in der Arbeiterkammer möglich. Trotz der schwierigen Situation bekommen wir sowohl von Arbeitslosen als auch von Betrieben viel Zuspruch und Anerkennung. Bei dieser Gelegenheit möchte ich mich für das Verständnis und die Geduld unserer Kunden bedanken.

Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnlichen Einsatz

Wie geht es den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im AMS?

Mukstadt: Wir haben intern alle Vorkehrungen getroffen und wenden alle Verhaltensregeln an, die momentan als allgemeine Handlungsanleitungen gelten. Wir sind auch für den Fall gerüstet, dass Telearbeit oder Homeoffice erforderlich wird. Unser Motto lautet: Außergewöhnliche Situationen erfordern außergewöhnlichen Einsatz. Die täglichen Arbeitsschichten im Büro haben in der vergangenen Woche mitunter zwölf Stunden erreicht und in Einzelfällen noch länger gedauert. Das Hollabrunner AMS-Team ist mit vollem Einsatz bei der Sache und gewährleistet damit die Existenzsicherung von Arbeitslosen und die Beschäftigung von möglichst vielen Menschen durch Kurzarbeit. Für dieses Engagement möchte ich mich bei meinem Team auch auf diesem Weg ganz besonders bedanken.

Ist eine Einschätzung möglich, wie es in naher Zukunft weitergeht?

Mukstadt: Wir fokussieren uns momentan voll darauf, die wichtigsten Aufgaben zu erledigen. Dazu gehört die Berechnung von Arbeitslosengeld und die Bearbeitung der Kurzarbeitsanträge. An dieser Stelle kann ich nochmals versichern, dass das Arbeitslosengeld pünktlich überwiesen wird. Unternehmen ersuche ich um Geduld, weil die kürzlich vom Nationalrat beschlossene Covid-19-Kurzarbeit erst seit vergangenem Freitag im Feld ist und es dazu naturgemäß viele Fragen gibt.