Integration: „Angst darf nicht dominieren“. Seit eineinhalb Jahren gibt es den Arbeitskreis für Integrationsbemühungen in Hollabrunn bereits. Ehrenamtliche Mitglieder kümmern sich um Flüchtlinge in allen Lebenslagen, sei es bei Behördengängen, dem Arzttermin, dem Beantragen einer Bankomatkarte oder beim Deutsch lernen.

Von Sandra Frank. Erstellt am 21. September 2016 (05:21)
NOEN, Sandra Frank
Gestalteten einen spannenden Abend zum heißen Thema „Willkommenskultur ist nicht naiv!“ – Pfarrer Franz Pfeifer, Bürgermeister Erwin Bernreiter, Padre Herbert Leuthner, Alexander Heske, Josef Widl, Paul Zulehner, Cäcilia Kaltenböck, Alfred Tuzar (hinten, v.l.) sowie Elias und Jonas-Fabian Tuzar (vorne, v.l.).

„Es ist wichtig, in dieser heißen Zeit zu diskutieren und Informationen zu erhalten“, eröffnete Bürgermeister Erwin Bernreiter die Veranstaltung „Heiße Themen – Willkommenskultur ist nicht naiv!“ des Arbeitskreises Integration.

Zulehner: „Angst haben wir alle“

Ob wir Angst vor Flüchtlingen haben müssen, war eine der Fragen, die Moderator Josef Widl bei dieser Veranstaltung beantworten wollte. Als einen, „der hier sehr viel zu sagen hat“, stellte Widl den ersten Vortragenden vor: Paul Zulehner. Er ist Theologe, katholischer Priester und Universitätsprofessor.

„Angst haben wir alle“, ist Zulehner überzeugt. Die einen, die Zuversichtlichen, hätten nachweislich weniger Angst als jene, die sich über die aktuelle Situation ärgern. Die Ängste sind vielfältig und drehen sich um den sozialen Abstieg die Angst, zu kurz zu kommen oder die Angst, Menschen, wie etwa den Schutzsuchenden, vertrauen zu können.

„Wenn die Angst der Leute das Geschehen dominiert, werden wir keine Solidarität zusammenbringen.“ Genau jene sei aber wichtig, um mit der aktuellen Situation zurechtzukommen. Solidarität, das bedeutet für Zulehner, dass Flüchtlinge auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt gleich behandelt werden wie Einheimische. Denn die Probleme am Arbeits- und Wohnungsmarkt waren bereits vor den Flüchtlingen da, so der Universitätsprofessor. „Die Flüchtlingskrise ist nur eine Lesehilfe für politische Probleme, die wir noch nicht gelöst haben.“

„Sie scharren in den Startlöchern“

Doch wie werden die Ängste vor Flüchtlingen abgebaut? Für Zulehner ist die Frage schnell beantwortet: „Die Bekehrung geschieht, indem man in die Gesichter schaut.“ Es brauche Begegnungen mit Flüchtlingen, um Ängste abzubauen. „Wo man die Gesichter und Geschichten nicht kennt, sind es gesichtslose Ängste.“

Diese Theorie kann Martina Katt-Wecknal nur bestätigen. Sie war eines der „Blitzlichter“, des Abends und erzählte darüber „was so alles anfällt“. „Durch die Deutschkurse lernt man die Leute natürlich kennen und dann hat man auch keine Angst mehr.“

„Blitzlicht“ Katt-Wecknal schloss sich dem Integrationskreis schnell an, wie sie selbst sagt. Es sei oft mühsam gewesen, alles zu koordinieren, „aber wir haben es immer hingekriegt“. Vieles sei in der Heimat der Flüchtlinge ganz anders als in Österreich. Darum „muss man sich schlau machen“, um zu verstehen, warum die Flüchtlinge manche Dinge eben anders machen.

Die ehemalige Volksanwältin Rosemarie Bauer, die sich um ein junges Ehepaar aus der Gegend Aleppo kümmert, war ebenfalls ein solches „Blitzlicht“. „Sie scharren in den Startlöchern, um Deutsch zu lernen“, beobachtete Bauer.

Bei all den Problemen, welche die Volksanwältin außer Dienst gemeinsam mit dem Paar meisterte – sei es die eingezogene Bankomatkarte wiederzubeschaffen oder die Dokumente, die dem Ehepaar in Oberösterreich abgenommen worden waren, zurückzuerobern – beeindruckte Bauer, „dass wir immer wieder auf Menschen getroffen sind, die mehr als ihre Pflicht gemacht und uns geholfen haben“.

Heske: „Ich habe keinen Maulkorb“

Nach den emotionalen Geschichten „muss ich jetzt die trockenen Zahlen liefern“, galt es für Alexander Heske, die Frage „Wie viele Flüchtlinge gibt es bei uns eigentlich?“ zu beantworten. Heske ist im Innenministerium für die Statistik im Asylbereich zuständig. Die trockenen Zahlen seien wichtig, um die Situation beurteilen zu können.

„Ich bin heute nicht vom Innenministerium entsandt worden. Ich habe keinen Maulkorb. Manches würde meinen Vorgesetzten nicht so gut gefallen“, erzählte der Wahl-Raschalaer. Wie etwa die Tatsache, dass er nicht prognostizieren könne, wie viele Asylwerber noch nach Österreich kommen werden. „Es ist nicht möglich, aus Zahlen der Vergangenheit die Zukunft vorherzusagen.“ Wie sich die Flüchtlingskrise entwickelt hänge von vielen Situationen, etwa im Heimatland der Menschen, ab.

Die umstrittene Obergrenze machte Heske ebenfalls zum Thema. Es gibt einige Arten, diese zu berechnen. Nicht alle erscheinen ihm sinnvoll. Denn ein Flüchtling, der 2016 in Österreich ankommt, dessen Verfahren aber erst 2017 abgeschlossen wird, „zählt heuer nicht, obwohl er das ganze Jahr da ist“. Dieser vermeintlichen Logik des Innenministeriums konnten auch viele Hollabrunner im Stadtsaal nur wenig Verständnis entgegenbringen.

Mehr Mutmacher und Erklärer nötig

Die Frage, wie viele Flüchtlinge wieder abgeschoben werden, konnte Heske nicht beantworten. Nicht nur, weil er den Durchschnitt nicht wusste. „Es werden nur die Verfahren gezählt, die bereits abgeschlossen sind. Die, die noch offen sind, sind bei diesen Berechnungen nicht dabei“, erklärte der Experte, weshalb hier eine Zahl nicht viel zur Veranschaulichung der Situation beitragen würde.

Einen „jungen Geist, ohne den es den Arbeitskreis nicht geben würde“, holte Widl ebenfalls auf die Bühne. Er meinte den 77-jährigen Padre Herbert Leuthner, dessen Aufgabe es war, Dankesworte auszusprechen. An die Zivilgesellschaft in Hollabrunn, die ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung stelle sowie an den Schulterschluss zwischen den Kulturen und an die Flüchtlinge selbst – sie seien die wichtigsten Akteure. „Gemeinsam mit ihnen können wir eine Zukunft bauen.“

Leuthner, der 30 Jahre in Ecuador lebte, ist überzeugt, dass es nur eine gemeinsame Zukunft der verschiedenen Kulturen gibt: „Es geht nicht um Stammtischprobleme. Es geht um die Zukunft der Kinder, und zwar von allen zusammen.“ Dazu brauche es mehr Paten, „Blitzlichter“, die sich um Flüchtlinge kümmern und eine persönliche Beziehung aufbauen.

Es brauche mehr Mutmacher und Erklärer, die den Menschen die Angst vor der neuen Situation nehmen. Wichtig bei dieser Zusammenarbeit sei vor allem die Hoffnung. „Wie wir das alles schaffen? Ich weiß es auch nicht. Aber wir müssen es schaffen, das sind wir unseren Kindern schuldig.“

„Sie haben ihnen Zeit geschenkt, und die ist unbezahlbar.“

Cäcilia Kaltenböck

Für die Schlussworte war Cäcilia Kaltenböck zuständig, „ohne die der Arbeitskreis gar nicht funktionieren würde“, wie Widl bemerkte. Für die ehemalige Lehrerin wurde eines in den vergangenen eineinhalb Jahren, in denen sie sich beim Arbeitskreis engagiert, deutlich: Sie habe gelernt, ihr Leben neu zu überdenken. Sie lerne jeden Tag, wenn sie mit den Flüchtlingen zusammen ist. Kaltenböck lud ein, gemeinsam weiterzulernen.

Was ihr ebenfalls klar geworden ist: „Dass es wichtig ist, dass wir uns Zeit nehmen.“ 20 Mitarbeiter haben dreimal pro Woche mit den Flüchtlingen Deutsch gelernt.

Sandra Frank
Cäcilia Kaltenböck mit „ihren Burschen“. Foto: Sandra Frank

„Sie haben ihnen Zeit geschenkt, und die ist unbezahlbar.“ Denn nur für Dinge, die einem wichtig sind, nehme man sich ausreichend Zeit. Dabei blickt Kaltenböck nicht nur anerkennend in die Runde der Freiwilligen und Zuhörer, sondern auch in Richtung Musik.

Denn „Die Tuzar Buam“ sorgten für die musikalische Umrahmung der Veranstaltung. Ein traditionelles irisches Lied auf ihren Geigen, ein Jodler aus der Schneeberggegend, ein südafrikanisches Lied – alles kein Problem für Alfred Tuzar und seine beiden Söhne Elias und Jonas-Fabian, und natürlich seine Gattin Bernadette, die ihre „Tuzar Buam“ ab und an musikalisch unterstützte.

Was Kaltenböck in den Sommermonaten übrigens auch lernte und perfektionierte, war das SMS-Schreiben. Denn „ihre Burschen“ aus Oberstinkenbrunn schrieben ihr oft: „Wann können wir endlich wieder zur Schule gehen?“ Eine Frage, die Kaltenböcks Enkelkind kaum nachvollziehen konnte, wie sie lachend erzählte.

Dank Kaltenböck besuchen die Jugendlichen auch heuer wieder die Schule, obwohl die Flüchtlingsklasse nicht zustande gekommen ist. „Cilli ist super, sie ist wie unsere Mama“, erzählten „ihre Burschen“ nach der Veranstaltung strahlend, die dankbar sind, dass es jemanden gibt, der sich in Österreich so für sie einsetzt.