Viele Gesichter in der Retzer Insel. „Das zweite Gesicht“ von Ona B. und Robert Michael Weiß zeigt aktuelle Arbeiten.

Von Romana Schuler. Erstellt am 27. Oktober 2020 (11:15)

In der aktuellen Ausstellung der „Insel Retz“ geht es um audio-visuelle Wahrnehmungen von Gesichtszügen und das Tragen von Masken. Gezeigt werden drei neue Filme von Ona B. mit Kompositionen von Robert Michael Weiß und mehrere Fotoserien. Die Filme sind in Zusammenarbeit mit „Beo-Projekt“ entstanden.

Die vielseitige Künstlerin Ona B. beschäftigt sich oft mit Identitätsfragen und dem eigenen Ich. In dem aktuellen Filmprojekt „Second Sight – Das zweite Gesicht“ inkludiert sie eine ältere Arbeit von 1978, bei der eine Serie von verschiedenen Mundstellungen ihres Gesichts in Wachsabdrücke gegossen wurde. Im Film legt die Künstlerin abwechselnd diese Wachsteile auf ihr heutiges Gesicht auf.

Darstellung visionärer Ideen

In den 1970er-Jahren ging es erstmals um die Zeichensetzung gegen das Stereotyp der Frauen. 2020 erkennt sie, dass sie ihre Ideen als junge Künstlerin fortgesetzt und weiter an ihnen gearbeitet hat. Jemanden, der „Das zweite Gesicht“ hat, wird als hellsichtig bezeichnet. Die Darstellung von visionären Ideen wird oft in der Sprache der Kunst vermittelt.

Auch im Kunstprojekt „Cor.ONA Diary Mask“ (2020) geht es um das zweite Gesicht, konkret um das Tragen von Schutzmasken. Als eine Art Protest gegen die Mundlosigkeit nähte die Künstlerin eine weiße Maske und zog ihre Lippen mit Lippenstift nach, fotografierte ihre Lippen-Maske und postet das Bild auf Facebook.

Lippenstift-Maske: Facebook-Foto Pflicht 

Die Nachfrage von Freunden nach diesen Masken war groß. Um die Haltbarkeit zu gewähren, wurden die Lippenformen aus rotem Stoff und nicht mehr als Abdruck appliziert. Die Empfänger der Maske müssen vertraglich zustimmen, dass sie ein Foto von ihrer Person mit der Maske zur Verfügung stellen.

Im zweiten Film „Face 2 Face“ bezieht sich Ona B. auf ihre Performance „EYES OPENING“ (1978). Ihre rote Malerei dient als Hintergrund, die Künstlerin trägt lange rote Handschuhe und sitzt frontal vor einem roten Tisch – dem Betrachter gegenüber. Einzig ihr helles Haar und Gesicht heben sich von dem einheitlich roten Setting ab. Mit ihren Händen führt sie langsame Bewegungen aus.

Es sind Versuche, Kommunikation ohne sprechen, hören oder gar sehen zu vermitteln. Einzig die Gesten werden mit der Musik von Weiß vertont.

Wenn Ona B. vor ihrer Psyche sitzt ...

Im dritten Film „White Shadow – PSYCHE“ ist das Setting ganz in Weiß gehalten. Ona B. sitzt weiß gekleidet vor ihrer Psyche, einem fünfteiligen Spiegel, und zeichnet verschiedene Mundstellungen mit dem roten Lippenstift auf mehreren weißen Masken nach. Von der Künstlerin ist nur die Spiegelung gefilmt worden. Somit nimmt der Betrachter den Standpunkt der Darstellerin ein.

„Der Versuch der Wiederherstellung der Mimik durch das Nachzeichnen der Lippen ist die Sehnsucht, wieder intakt zu sein; der Wunsch, die Identität zu behalten und der Anonymität zu entgehen“, sagte Ona B. bei der Eröffnung in der Insel Retz zu ihren Arbeiten, die Identitätsfragen in Zeiten der Pandemie neu erscheinen lassen.

  • Robert Michael Weiß: Jazzpianist, Cembalist und Komponist; studierte erst an der Wiener Musikhochschule, ab 1976 Jazz-Piano (bei Fritz Pauer) am Konservatorium der Stadt Wien, Cembalo und Josef Matthias Hauers Zwölftonspiel bei Hauer-Schüler Victor Sokolowski. Ab den späten 1970er-Jahren trat Weiß international auf, zunächst im Duo Gemini mit Woody Schabata und bei der ersten Tournee des Vienna Art Orchestra. Seit der Gründung 1983 gehört er zum „Pipetet“ von Franz Koglmann. Weiters trat er im Duo mit Lee Konitz, Jim Pepper, Roger Bobo und auch mit dem Geiger Ernst Kovacic auf.
  • Ona B.: geboren 1957 in Wien, lebt in Wien, Bisamberg und Strasshof. Malerei, Fotografie, Performance, Land Art, Konzept- und experimentelle Klangkunst. Studium an der Universität für Angewandte Kunst bei Adolf Frohner. 1979 gründete sie gemeinsam mit Walter Berger die „Künstler*innengruppe Phoenix Production“. Seit 1987 arbeitet sie mit Evelyne Egerer, Birgit Jürgenssen (+2003) und Ingeborg Strobl, und seit 1993 auch mit Lawrence Weiner (NY) in der „Künstler*innengruppe Die Damen“.

Kontakt: Insel Retz, Klostergasse 3, 

bis 31. Oktober nach Vereinbarung: 0664- 596 90 91, www.inselretz.com