Bahnstrecken lassen die Köpfe rauchen. Wiederbelebung & Verbesserung / Ein Teil der Pulkautalbahn wurde an Museumsverein übergeben. Franz-Josefs-Bahn zu unattraktiv.

Erstellt am 25. März 2014 (23:59)
NOEN, Michael Böck
Was mit der Pulkautalbahn östlich von Zellerndorf passieren soll, diskutieren Bürgermeister diese Woche in Laa.
Von K. Widhalm und M. Lohninger

Die Niederösterreichische Verkehrsorganisation (NÖVOG) übergab die Pulkautalbahn in Form eines Prekariumsvertrages an den Verein „Eisenbahnmuseum Sigmundsherberg“. Jetzt wird an einem Tourismuskonzept gearbeitet, wie die 17 Kilometer lange Strecke genutzt werden kann. Die Geleise führen von Zellerndorf über Platt, Röschitz, Pulkau, Rafing, Missingdorf und Maigen bis Sigmundsherberg.

„In einem nächsten Schritt wird an einem Tourismuskonzept gearbeitet“, berichtet Bürgermeister Manfred Marihart aus Pulkau. „Diese Strecke könnte für eine touristische Bahnnutzung durchaus von Interesse sein, denn sie verbindet das Wein- mit dem Waldviertel“, so Jürgen Maier, Landtagsabgeordneter und Bürgermeister in Horn.

„Da sind sicherlich noch sehr viele Fragen offen“

„Man muss diese Strecke in einem größeren räumlichen Zusammenhang sehen“, hofft Rupert Öhlknecht auf wirtschaftliche und touristische Impulse in der Region. Der Obmann des Museumsvereins zieht eine Anbindung an den südmährischen Raum, an das Kamptal und an die Wachau in Betracht. Tourismus-Chef Reinhold Griebler (Retz) war in die Vorgespräche eingebunden. Er hofft, dass der Reblaus Express zwischen Retz und Drosendorf von einer möglichen Reaktivierung der Pulkautalbahn profitiert.

Die Tourismusberatungsfirma con.os wird die Möglichkeiten ausloten, was die Pulkautalbahn auch in wirtschaftlicher Hinsicht der Region bringen kann. Geschäftsführer Arnold Oberacher zeichnete schon für die Erstellung des Masterplans für das Retzer Land verantwortlich. Er arbeitet eng mit Otfried Knoll zusammen. Der frühere Geschäftsführer der NÖVOG übernimmt die bahntechnische Analyse.

„Da sind sicherlich noch sehr viele Fragen offen, in solchen Sachen gebe ich mich keiner Euphorie hin“, möchte Marihart realistisch bleiben. „Vertragsmäßig ist das gar nicht einfach, aber es ist sicher eine gute Idee.“ Die Studie wird zu 70 Prozent vom Land gefördert. Die restlichen Kosten teilt sich der Verein mit den betroffenen Gemeinden auf.

Beratung über Strecke Zellerndorf-Pernhofen 

Die Pulkautalbahn ist eine Normalspurstrecke. Der Abschnitt Sigmundsherberg-Zellerndorf gehört seit 2010 der NÖVOG. Sie führt in östlicher Richtung ab Zellerndorf weiter bis nach Pernhofen in den Bezirk Mistelbach. Diesen Streckenteil verkauft nun die ÖBB. Aus diesem Anlass treffen sich in dieser Woche die betroffenen Bürgermeister in Laa an der Thaya. Sie besprechen, ob und wie dieser Teil der Bahnlinie künftig genutzt werden kann.

Auch an einer anderen Eisenbahn-Front, die durch den Bezirk Hollabrunn führt, wird derzeit gekämpft. Es geht um die Attraktivierung der Franz-Josefs-Bahn, die von Gmünd über Tulln bis nach Wien führt. Die Haltestellen Glaubendorf-Wetzdorf, Ziersdorf, Ravelsbach und Limberg-Maissau liegen auf der Strecke. Im Gmünder Hotel Sole-Felsen-Bad diskutierten letzte Woche Verkehrsexperten, Entscheidungsträger, die Initiatoren von „Pro FJB“ und weit über 150 interessierte Gäste. Treue Bahnnutzer machten ihrem Frust über die „Franzl-Bahn“ Luft: zu warme Züge, zu kalte Züge, hohe Preise, zu lange Fahrtzeiten, zu große Zugsintervalle, zu wenig Stauraum, kein WLAN, keine Steckdosen etc.

Modernes Wagenmaterial bereits für 2015 angekündigt

Der für den erkrankten ÖBB-Regionalmanager Michael Fröhlich eingesprungene Christian Macho (Leiter der Planung im Regionalmanagement Ost) musste sich im Laufe des Abends viele Pendler-Geschichten anhören, schickte gleich am Beginn vorweg, dass die Waldviertler – trotz der Defizite auf der Franz-Josefs-Bahn – aber die fleißigsten Bahnpendler seien.

Um die Fahrzeit zu verkürzen, nannte Macho drei Optionen: eine Investition in die Infrastruktur („teuer und langwierig“), eine Reduktion der Halte („heikel und eine Frage der Politik“) und modernes Wagenmaterial („großzügige Plattformen, bessere Antriebstechnik“), das er bereits für 2015 ankündigte.

Schnellere FJB: Gefahr der Entvölkerung?

Das reicht den Initiatoren von „Pro FJB“ nicht. Seit Juni arbeiten sie an einem auch in Zeiten des Sparens akzeptablen Konzept mit kurz-, mittel- und langfristigen Zielen. Das beginne beim Kauf des Buttersemmerls im Zug und ende bei der besseren Anbindung ans öffentliche Verkehrsnetz.

Dass eine Fahrzeitverkürzung gar nicht im Interesse der Region liegen könne, hielt Verkehrsplaner Hermann Knoflacher in seinem Gravitationsmodell entgegen: Demnach übt die größere Masse die größere Anziehungskraft aus – auf die Bahn umgelenkt sieht er darin die Gefahr, dass mit der besseren Anbindung an Ballungsräume strukturschwächere Regionen weiter entvölkert würden.
 

„Schnellere Verkehrsströme machen den Menschen flexibler“, entgegnete Baumeister Stefan Graf aus dem Publikum seinem ehemaligen Uni-Professor. „Wenn das Gravitationsmodell zu 100 Prozent richtig wäre, würden wir längst alle in Wien leben.“

Das vom Staat an Gemeinden im Zuge des Finanzausgleichs verteilte Geld aus Steuern und Abgaben fließe jedenfalls in die falsche Richtung, betonte Knoflacher: Je größer eine Gemeinde ist, umso mehr Geld bekommt sie pro Einwohner aus diesem Topf! „Der Finanzausgleich fördert damit die Zersiedelung.“

Prekariumsvertrag
Das Prekarium, auch Bittleihe oder Gebrauchsüberlassung, stellt eine Sonderform der Leihe dar. Der Verleiher kann dabei (im Unterschied zur normalen Leihe) die Sache jederzeit nach Willkür zurückfordern. Es handelt sich also um eine widerrufbare Einräumung eines Rechts, aus der sich kein Rechtsanspruch ableitet.
Quelle: Wikipedia