Die Pendler-Qual, wenn der Zug in Verzug ist. Eine aktuelle Studie zeigt: Hollabrunn ist ein Bezirk der Auspendler. Betroffene schildern ihre Erfahrungen.

Von Belinda Krottendorfer, Sylvia Stark und Franz Enzmann. Erstellt am 11. Dezember 2019 (05:39)
David Brandhuber (war als Rollstuhlfeier bereits am Bahnsteig gefangen.
privat

Alberndorf, Grabern, Pernersdorf, Heldenberg und Seefeld-Kadolz: In fünf Gemeinden des Bezirks liegt die Auspendlerquote über 80 Prozent. Im Vergleich zu 1991 am stärksten angestiegen ist der Anteil der Auspendler in Nappersdorf-Kammersdorf (76,2 %), Ravelsbach (79,2 %) und Guntersdorf (78,1 %).

Thomas Gutsjahr: Der Wecker klingelt um 5

Die längste Wegzeit haben mit 51 Minuten die Hardegger, die kürzeste die Göllersdorfer und Hollabrunner. Wie es Pendlern dabei ergeht, wollte die NÖN nun wissen; wobei die Nordwestbahnstrecke mit vielen Verspätungen und der Forderung nach einem Ausbau für dauerhaften Gesprächsstoff sorgt.

Der Haugsdorfer Thomas Gutsjahr pendelt seit 20 Jahren, seit seiner Lehrzeit, täglich nach Wien zu seiner Arbeit als Vorstandsassistent. Sein Wecker läutet um 5 Uhr. Er nimmt den Bus um 6.15 Uhr nach Guntersdorf, wo er in den Zug nach Wien umsteigt. Am Praterstern angekommen, fährt er mit der U-Bahn in den 1. Bezirk. Wenn seine Arbeit um 15.30 Uhr endet, ist er erst um 17.15 Uhr wieder zu Hause.

Infos bei Verspätungen sind selten gut

„Das Pendeln an sich stört mich nicht, da ich eher Frühaufsteher bin. Eine Qual ist es aber, wenn die ÖBB Verspätungen haben“, sagt der Pulkautaler. Ein Problem: Es gebe selten gute Infos bei Verspätungen.

Die Züge seien im Laufe seiner „Pendlerkarriere“ auf jeden Fall voller geworden. „Ab Stockerau ist der Zug ziemlich voll, aber da ich in Guntersdorf einsteige, bekomme ich immer einen Sitzplatz“, erzählt Gutsjahr. Die Zeit im Zug nutzt er zum Lesen, Schlafen und Musikhören.

Erfolgserlebnis: Zeit zum Umsteigen verlängert

Früher hatten die Pendler in Guntersdorf nur zwei Minuten zum Umsteigen, weshalb viele immer wieder den Zug verpassten. „Ich habe beim Busunternehmen angerufen und vorgeschlagen, dass der Bus zehn Minuten früher losfährt, und mein Vorschlag wurde angenommen“, schildert der Haugsdorfer ein Erfolgserlebnis.

Die Überlegung, näher beim Arbeitsplatz zu wohnen, habe der Langzeitpendler dennoch gehabt. Doch es habe sich nie eine passende Wohnung ergeben; ein Jobwechsel ebenso wenig. „Aber ich bin in meinem jetzigen Job sehr zufrieden.“

Pendeln als Rollstuhlfahrer

Einiges zu erzählen hat auch David Brandhuber. Der Rollstuhlfahrer pendelt seit 2017 von Heufurth nach Wien-Traisengasse. Sein Vater fährt ihn mit dem Pkw nach Retz, wo er um 7.15 Uhr in Begleitung einer Arbeitsassistenz in den Zug steigt.

Von Barrierefreiheit kann in seinem Pendler-Alltag jedoch nicht die Rede sein. Als Rollstuhlfahrer muss man sich bei der ÖBB-Serviceline extra anmelden; alle drei Monate schreibt Brandhuber in eine E-Mail, an welchen Tagen und zu welchen Zeiten er fahren wird.

Zugbegleiter sind bemüht, aber machtlos

„In acht von zehn Fällen weiß das Zugpersonal jedoch nicht, dass ich komme“, ist er enttäuscht. Wenn er Pech hat, ist kein barrierefreier Waggon dabei und er muss eine Stunde auf den nächsten Zug warten. Die Zugbegleiter seien zwar sehr bemüht, aber machtlos, wenn der falsche Zug kommt. „Mein Rollstuhl wiegt inklusive mir 250 Kilo, den kann man nicht in den Zug heben“, erklärt der Bundesangestellte.

Zum Glück wurde das Wartehäuschen am Retzer Bahnhof heuer endlich barrierefrei – „aber es ist ein Witz, dass das so lange gedauert hat“. Davor hatte Brandhuber die zusätzliche Wartestunde im Winter oft im Supermarkt verbracht, um vor der Kälte geschützt zu sein.

Auch der neue barrierefrei umgebaute Bahnhof in Hollabrunn habe ihn enttäuscht. Als der Pendler einen Freund in Ziersdorf besuchen wollte, hätte ihn sein Vater mit dem Auto dort abgeholt. Doch der Aufzug funktionierte nicht und er konnte den Bahnsteig nicht verlassen. Der Vorschlag der Serviceline: Er solle mit dem Zug nach Stockerau fahren, dort funktioniere der Aufzug, und von dort mit dem Taxi nach Hollabrunn. Die Taxikosten würden übernommen werden, jedoch müsse er sie vorfinanzieren.

Gute-Laune-Tee als ÖBB-Entschädigung

„Ich dachte mir dann aber, ich scheiß drauf, und nahm den Zug nach Retz. Mein Vater fuhr mit dem Auto hinterher und holte mich vom Retzer Bahnhof ab“, resignierte der Rollstuhlfahrer. Als Entschuldigung bekam er von den ÖBB einen Sonnentor-Geschenkkorb mit Gute-Laune-Tee – „der hat jedoch nicht geholfen“.

Zwei Jahre lang hat der Heufurther vergeblich nach einem Bürojob in der Umgebung gesucht. Mit einer Wohnung in Retz würde er sich nur 15 Minuten ersparen. Nach Wien übersiedeln sei für ihn auch keine Lösung, da die Situation dort für Rollstuhlfahrer auch nicht besser sei. „In den Zügen der S 45 funktionierte die Rampe oft nicht, da ein abgebrochener Schlüssel im Schloss für die Rampe steckte“, erzählt der Pendler. Außerdem möchte er mit seinem Teilzeit-Gehalt „nicht nur für die Wohnung arbeiten“. „Man ist schon froh, wenn man überhaupt mitfahren kann“, resümiert der Rollstuhlfahrer seinen Pendler-Alltag.

Franz-Josefs-Bahn schneidet bei Pendlern gut ab

Auf der Franz-Josefs-Bahn hat Marcus Stark durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Der Ziersdorfer fährt seit 16 Jahren zur Arbeit nach Wien-Penzing. „Ein einziges Mal bekam ich an einem Freitagnachmittag von Wien heraus keinen Sitzplatz“, erzählt der Verlagsangestellte.

In die gleiche Kerbe schlägt eine Großmeiseldorferin, die seit 1988 von Ziersdorf nach Wien in die Innere Stadt pendelt. „Ich kann mich nicht beklagen. Nur am Freitag mit dem Zug um 15.28 Uhr von Wien nach Ziersdorf stehen manche sogar ab Heiligenstadt.“ Eng könne es auch zu Stoßzeiten in der Früh werden.

Die Pünktlichkeit? „Ein-, zweimal im Jahr fällt ein Zug aus. Zu Verspätungen kommt es höchstens viermal im Jahr“, meint Stark.

Probleme habe es zuletzt aber öfter mit der Heizung im 5.32-Uhr-Zug gegeben, erzählt Claudia Weidinger aus Ziersdorf. Einmal sei diese auch im Nachmittagszug um 16 Uhr von Wien nach Ziersdorf ausgefallen. „Aber es dürfte sich immer nur um einen Waggon handeln, da der Schaffner meinte, wir sollen in einen anderen Waggon gehen.“

Pendeln mit dem Auto: Vom Waldviertel nach Retz

Der Gastwirt und Lehrer Klaus Hölzl aus dem kleinen Waldviertler Ort Wielings, Bezirk Gmünd, betreibt ein Gasthaus in Gastern im Nachbarbezirk Waidhofen. „Da muss ich nur 15 Kilometer weit pendeln.“

Seit September ist er auch Lehrer an der Höheren Lehranstalt für Tourismus (HLT) in Retz. Von seinem Heimatort bis zu seinem Arbeitsplatz sind es 86 Kilometer, die Hölzl zurücklegen muss. Öffentliche Verkehrsmittel sind auf dieser Strecke nicht ausreichend vorhanden, darum steigt der Waldviertler ins Auto: „Ich fahre eineinviertel Stunden in eine Richtung. Somit sitze ich wochentags zweieinhalb Stunden im Pkw.“ Es stört den jungen Lehrer aber nicht, dass er schon um 6.15 Uhr wegfahren muss, da der Unterricht bereits um 7.50 Uhr beginnt.

Eine Wohnung in Retz kommt für ihn nicht in Frage. Er fährt gerne zu seiner Familie nach Hause. Die Winterzeit mit den manchmal schlechten Fahrbedingungen und der Zeitumstellung sei manchmal eine Herausforderung. „Sollte es einmal eine Abendveranstaltung in Retz geben, die länger dauert, dann nehme ich mir ein Zimmer im Althof“, meint Hölzl.

Umfrage beendet

  • Stehen für NÖ-Pendler ausreichend öffentliche Verkehrsmittel zur Verfügung?