Drei Jahre danach: „Asyl ist Ressource auf Zeit“. Viele sind froh, dass Asylanten kaum präsent sind, meint Retzer Betreuerin.

Von Karin Widhalm und Christoph Reiterer. Erstellt am 21. November 2018 (05:25)
Walter Naderer mit Chalid und Ahmed kurz vor Schließung des Hauses Said in Eggenburg. Noch heute pflegt der Schmidataler guten Kontakt mit einigen Schützlingen.
privat

Drei Jahre nach der Flüchtlingswelle, die auch auf den Bezirk Hollabrunn überschwappte, sind viele Quartiere verwaist. Die Zahl der Asylwerber im Bezirk sank laut Angaben des Büros von Asyl-Landesrat Gottfried Waldhäusl auf 136 (Stand Oktober 2018). Anfang des Jahres 2016 waren es mehr als doppelt so viele. Von aktuell 491 an der BH Hollabrunn registrierten Beziehern der Mindestsicherung sind 80 Asylberechtigte.

„Wir haben sehr viel Arbeit des Staates übernommen“

Der Verein „Retz hilft“ kümmert sich seit 2016 um Flüchtlinge in der Stadt. Die Quartiere des Roten Kreuzes und in der Brunngasse sind nicht mehr zur Gänze belegt. Deutschkurse werden nur fallweise angeboten. „Das ist nicht mehr notwendig, weil kaum jemand kommt, der kein Wort Deutsch spricht“, erzählt Obfrau Karin Friedl. Die Zahl der Helfer sei leicht zurückgegangen. Ab und zu geht eine Spende ein, „wofür wir wirklich dankbar sind“.

Rückblickend lasse sich eines festhalten: „Wir haben sehr viel Arbeit des Staates übernommen, unbedankterweise.“ Friedl findet, dass Quartiergeber mehr hätten tun können, immerhin kassieren sie. „Wir haben gelernt, dass wir nicht immer naiverweise sagen: Ja, das übernehmen wir.“

Das Neinsagen gelte auch für Asylwerber. Speziell Jugendliche würden glauben, der Verein zahle für alles. „Wir müssen erklären, dass das nicht unser Geld ist, sondern uns geschenkt wurde“, schildert die Retzerin.

Friedl: Viele leben zurückgezogen und fahren nach Wien

Von den Ersten, die kamen, warten noch einige auf den Asylbescheid. Zu manchen, die Fuß fassten, halten die Helfer freundschaftlichen Kontakt. Einige wenige haben Arbeit gefunden. Viele gingen in die Heimat zurück, wenige erhielten Asyl und wenn, dann subsidiär gewährten Schutz. Dieses Fazit zieht Friedl.

Ist ein negativer Asylbescheid verlorene Zeit für den Helfer? „Wir nehmen das zur Kenntnis und bereiten die Flüchtlinge darauf vor.“ Die Gesetzeslage sei oft unsinnig. „Aber das ist ein Kampf gegen Windmühlen und wir sehen es auch nicht als unsere Aufgabe an.“

Die Anfangsphase nach der Vereinsgründung sei von einem „learning by doing“ geprägt gewesen. „Wir hatten keine Erfahrung, trotzdem musste es schnell gehen.“ Friedl habe geglaubt, dass sich viel mehr Bürger engagieren.

Der „Basar“ hätte eine Begegnungszone zwischen Flüchtling und Bürgern werden sollen, nur wenige kamen. Hat Friedl eine Erklärung für das Desinteresse? „Schauen Sie sich das Ergebnis der Wahlen an“, antwortet sie.

„Die, die im Ungewissen waren, waren stets demütig“

Viele Retzer seien froh, dass die Asylanten kaum präsent sind. Die meisten Asylwerber leben zurückgezogen und fahren nach Wien. Integration finde nur bei jenen statt, die Kinder haben, die Schule oder Kindergarten besuchen. „Ich möchte mich nicht als Gutmenschen bezeichnen“, sagt Friedl. „Man kann nicht alle holen, aber jenen, die da sind, muss geholfen werden.“

Ex-Landtagsabgeordneter Walter Naderer aus Limberg engagierte sich in der Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen und hat heute noch Kontakt zu einigen. Es gebe viele, die nun in eine Regelschule gehen oder eine Lehre machen. „Die, die im Ungewissen waren, waren stets demütig“, hat er positive Erfahrungen gemacht.

Gewisse Ressentiments habe es am ehesten von jenen gegeben, die nie in Berührung mit Asylwerbern gekommen seien, meint Naderer und schildert seine Sicht der Dinge: „Asyl ist eine Ressource auf Zeit und die gehört positiv gestaltet.“ Das Lernen der deutschen Sprache sei auch für jene von großer Bedeutung, die wieder rückgeführt werden. „Das ist eine Fähigkeit, mit der sie in der Heimat weit über den anderen stehen.“

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