Prager Frühling 1968: Das „Murren“ an der Grenze. Für Österreichs Zukunft wurden die Tage im August zu einer Schicksalsfrage über die Neutralität des Landes.

Von Karin Widhalm, Sandra Frank und Christian Pfeiffer. Erstellt am 22. August 2018 (03:33)
Bundesheer
Das Österreichische Bundesheer reagierte alarmiert, als massive Truppenverbände im August 1968 in der Tschechoslowakei einmarschierten, um den Prager Frühling niederzuschlagen. Die dritte Panzergrenadierbrigade reagierte als einer der ersten Verbände: Ihre Soldaten lagerten in den Wäldern von Allentsteig, Zwettl und Horn.

„Truppen des Warschauer Paktes haben kurz vor Mitternacht die Grenzen der CSSR überschritten und rollen Richtung Prag.“ Mit dieser dramatischen Nachricht wachten die meisten Österreicher am 21. August 1968 auf. Josef Pfeifer, damals in seiner ersten Periode im Nationalrat, musste erst gar nicht Radio hören, um zu ahnen, was sich an der Grenze abspielte. „Das Murren der Panzer war von der Grenze bis nach Platt zu hören.“ Mit einem mulmigen Gefühl fuhr der damals 35-Jährige nach Kleinhaugsdorf.

Neben den sowjetischen Panzern war ein österreichischer Hubschrauber zu sehen, dessen Besatzung versuchte, einen Überblick über die Lage zu erlangen. Danach führte ihn sein Weg direkt ins Parlament. „Niemand wusste zu dem Zeitpunkt, ob die Sowjetunion die Neutralität Österreichs respektieren würde“, berichtet Pfeifer von aufwühlenden Stunden, Tagen.

„Bin mit Freunden am Höhepunkt des Prager Frühlings in die Tschechoslowakei gefahren“Erwin Pröll

Die NÖN fragte auch beim ehemaligen Landeshauptmann Erwin Pröll nach, wie er die Niederschlagung des Prager Frühlings erlebte: „Ich erinnere mich noch gut an den Sommer 1968, wo ich mit Freunden am Höhepunkt des Prager Frühlings in die Tschechoslowakei, nach Karlsbad, gefahren bin, um dort ausgelassen ein paar unbeschwerte Tage zu genießen.“

Enzmann
Alt-Landeshauptmann Erwin Pröll erlebte als 22-Jähriger die Augusttage im Jahr 1968.

Wenig später mussten Pröll und seine Freunde geschockt von zu Hause miterleben, wie russische Panzer den Prager Frühling niederwalzten. Diese Ereignisse – nicht nur der Prager Frühling, sondern die gesamten gesellschaftlichen Veränderungen der damaligen Zeit – haben aufgewühlt, aufgeregt, beunruhigt, beobachtete der damals 22-Jährige.

„Als Student an der BOKU in Wien habe ich damals – wie viele andere an den Universitäten – ein Gefühl verspürt, dass zwischen den Konventionen, die in der Gesellschaft geherrscht haben, und den Bedürfnissen, die in der Jugend vorhanden waren, eine große Kluft bestand“, schildert Pröll. Es sei ein Aufbruch in eine neue Zeit gewesen, geprägt von einem Drang.

Schaulustige, die wissen wollten, was passiert

Josef Frank, heute Hollabrunner Gemeinderat, war am 21. August 1968 in Retz im Außendienst für die Bundesländer- Versicherung unterwegs. „Mit einem Kollegen bin ich an die Grenze gefahren, um mit den Touristen zu sprechen, die aus der damaligen Tschechoslowakei zurück nach Österreich gekommen sind.“

Dort trafen die jungen Männer andere Schaulustige, die erfahren wollten, was im Nachbarland passierte. „Sie haben erzählt, dass sie über Feldwege zurück nach Österreich fahren mussten, weil russische Panzer die Straßen blockiert haben“, erinnert sich Frank 50 Jahre zurück. Militär hat er damals nicht geortet, nur in der Bezirkshauptstadt selbst war das Bundesheer stationiert.

Annäherung der Nationen brauchte künstlerischen Schubs

Die politische Führung wollte mit dem Prager Frühling mehr Demokratie ins Land bringen, aber erst 20 Jahre später öffnete sich der Eiserne Vorhang. Künstler Abbé Libanský hat der Annäherung zwischen den Nationen einen Schubs gegeben. Er unterstützte den Wiener Künstler Friedemann Derschmidt im Bestreben, das „Permanent Breakfast“ ins Leben zu rufen. 2003 machte dieses Halt auf der Thayabrücke in Hardegg.

Sie ist ein symbolträchtiges Bauwerk für ein ganzes Jahrhundert: 1873 in der Monarchie erbaut, erfüllte sie bis 1945 ihren Zweck: Die Bretter wurden zuerst auf tschechoslowakischer, dann auf österreichischer Seite entfernt. Im Jahre 1990 wurde sie wieder aktiviert, noch immer verläuft in ihrer Mitte die Staatsgrenze.

Interessante Plätze für grenzüberschreitendes Frühstück

2003 frühstückten genau dort Tschechen mit Österreichern und lernten einander kennen. „Wir haben versucht, Plätze zu finden, die interessant sind“, erinnert sich Libanský an eine dreimonatige Tour in Österreich, Tschechien & der Slowakei. „Wir haben die Grenze eigentlich auf diese Art geöffnet.“

Libanský sah als 16-Jähriger die Panzer und Lastkraftwagen in der Nacht vom 20. zum 21. August durch Prag rollen. Er wuchs in einer Zeit auf, als die Informationen einseitig flossen. Auf Plakaten stand „Ivan, go home!“, Zeitungen wurden illegal gedruckt. 1982 wurde er nach der Charta 77-Bewegung ausgebürgert und pendelt heute zwischen Slavonice in Tschechien und Wien.

Eines ist für Josef Pfeifer retrospektiv immer noch prägend: „Ich habe als 12-Jähriger, am Ende des Zweiten Weltkriegs, das Leid von Flüchtlingen gesehen. Deswegen bin ich stolz, wie viele damals den Tschechen nach ihrer Flucht geholfen haben.“