Im Juli geht's um Glatteis. Eine 47-Jährige rutschte Anfang Februar bei starkem Glattes in ihrer Wohnhausanlage und verletzte sich bei dem Sturz. Sie sagt, es sei damals nicht ausreichend gestreut worden. Die Aussagen und Fotos reichten Richter Erhard Neubauer nicht, er will im Juli einen Lokalaugenschein machen, um ein Urteil über den Winterdienst zu fällen.

Von Sandra Frank. Erstellt am 15. Juni 2021 (17:10)
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Anfang Februar war's im Bezirk ganz schön glatt: Eine 47-Jährige rutschte aus, stürzte und verletzte sich. Jetzt ist der Fall vor Gericht. Sie behauptet: „Es war nicht gestreut.“
Usercontent, Symbolbild: Shutterstock.com/Astrid Gast

An den Regen im Februar, der alles mit einer dicken Eisschicht überzog, können sich die meisten noch erinnern. Eine 47-Jährige aus dem Retzer Land kann sich an den 8. Februar sogar noch ganz genau erinnern: Da stürze sie nämlich, brach sich eine Rippe und zog sich Ödeme und einen Bänderriss des Mittelfingers zu. Sie ist sicher: „Es war damals nicht gestreut.“

Darum musste sich nun jener 64-Jährige am Bezirksgericht Hollabrunn verantworten, der für den Winterdienst verantwortlich war. Der Mann behauptete, in jener Nacht um 3.45 Uhr und um 6.30 Uhr bei den betreffenden Wohnblöcken gestreut zu haben – am Gehsteig, denn nur dort ist er verantwortlich, betonte er. Dort, wo der Unfall passiert sei, bei den Carports, müsse er nicht streuen. Darum plädierte der Angeklagte auf nicht schuldig.

"Es hat definitiv keiner gestreut"

Er habe sicher die zehnfache Menge an Salz gestreut, als er das an normalen Tagen tat, weil es so glatt war, beteuerte der Mann. Auch am Tag davor, ein Sonntag, hätte er gestreut. Manchmal, wenn es die Witterung erfordere, streue er auch beim Hauseingang, obwohl er das nicht müsse.

Die Hausbewohner widersprechen dem Angeklagten jedoch. Das Opfer sei am Sonntag zu Hause gewesen, und hätte es gesehen, wenn der 64-Jährige gestreut hätte. „Am 7. Februar hat definitiv keiner gestreut.“ Als der Verteidiger den Streuplan vorlegte, in dem die genauen Uhrzeiten festgehalten wurden, sagte die 47-Jährige: „Papier ist geduldig.“

Bewohner unzufrieden mit dem Winterdienst

Eine weitere Zeugin (43) bestätigte, dass am 7. Februar nicht gestreut worden war. Auch am 8. Februar sei gegen Mittag immer noch nicht gestreut gewesen. „Ich versteh‘, dass er nicht überall gleichzeitig sein kann. Aber erst zu Mittag zu kommen, ist schon spät.“ Das Opfer habe sich bereits öfter bei der Genossenschaft beschwert, dass man mit dem Winterdienst unzufrieden sei – geändert wurde nichts.

„Die Streuung funktioniert gar nicht“, meinte eine andere Hausbewohnerin. „Er streut da, wo keiner geht und immer erst sehr spät am Vormittag.“ Darum würden manche Bewohner zur Selbsthilfe greifen und auch den Schnee räumen.

Wo die 47-Jährige genau stürzte und ob es dort überhaupt einen Gehsteig gibt oder ob dies noch zum Eingangsbereich gehört, der nicht gestreut werden müsse, war im Verhandlungssaal trotz Beschreibungen und Fotos nur schwer vorstellbar. „Ich muss das vor Ort sehen!“, befand Richter Erhard Neubauer deshalb. Und so wird es nun im Hochsommer, Anfang Juli, einen Lokalaugenschein in der Ortschaft geben, bei dem es ums Glatteis geht.