Nachbar sprühte Pflanzengift: „Halber Garten ist hin!“. Der Efeu eines 59-Jährigen schlängelt sich an der Hausmauer des Nachbarn hinauf. Dieser vergiftete die Pflanze. Der Richter versuchte sich in diesem Fall als Mediator.

Von Sandra Frank. Erstellt am 07. Januar 2021 (05:27)
Ein kurioser Nachbarschaftsstreit musste von Richter Erhard Neubauer am Hollabrunner Bezirksgericht geklärt werden: Wo darf des Nachbarns Efeu hinwachsen und wer darf ihn vergiften?
NOEN, NÖN

„Fangen S‘ mit 24. neu an und vergessen S’ den alten Mist“, riet Richter Erhard Neubauer zwei „Streithähnen“, sich zu einigen und sich wie Nachbarn zu benehmen. Doch die Sache scheint verfahren.

„Warum klagen Sie nicht, sondern greifen zur Selbsthilfe? Das ist leider strafbar.“Die Richterin zum Angeklagten

Ein 46-Jähriger saß auf der Anklagebank, weil er Nachbars Garten mit Pflanzengift besprüht haben soll. Die Schadenshöhe? „Das kann ich noch nicht sagen. Zwischen 1.000 und 10.000 Euro. Der halbe Garten ist hin!“, sagte der 59-jährige Nachbar. Im Strafantrag ist allerdings nur von zehn Quadratmetern die Rede. „Ich weiß ja noch nicht, ob die Rosen und das Biotop auch kaputt sind, das seh‘ ich erst im Frühjahr“, erklärte das Opfer.

Der Angeklagte gab zu, Efeu mit dem Unkrautvernichter Roundup besprüht zu haben („Aber mit dem glyphosatfreien!“). Denn dieser wuchs seine Hausmauer hinauf, ins Fenster und unters Dach. Er habe seinen Nachbarn mehrmals gebeten, diesen zu entfernen, geschehen sei aber nichts.

„Warum klagen Sie nicht, sondern greifen zur Selbsthilfe? Das ist leider strafbar“, belehrte Neubauer den 46-Jährigen. Aber auch das Opfer: „Wenn das Ihr Efeu ist, dann hat er sich nicht am Haus Ihres Nachbarn hinaufzuranken!“

Selbst Stadtbaudirektor Stephan Smutny-Katschnig musste einen Tag vor Weihnachten in den Zeugenstand treten. Die Wand, an der sich der Efeu hinaufschlängelte, ist nämlich eine Brandschutzwand. „Die würde so heute nicht mehr genehmigt werden“, sprach Smutny-Katschnig von kleinen Öffnungen in der Mauer, die aber zulässig seien, bis sich der Liegenschaftsnachbar dagegen ausspricht.

„Das ist jetzt passiert, jetzt müssen die Öffnungen geschlossen werden“, erläuterte der Baudirektor. Er wisse von umfangreichem Schriftverkehr in diesem Nachbarschaftskonflikt, der sich in den vergangenen Jahren entwickelt haben dürfte.

Die Öffnungen wurden bereits vom Nachbarn mit Plexiglasscheiben zugeschraubt. „Rechtswidrig“, kommentiert Verteidiger Rainer Ebert diese Tatsache.

Im Spalt zwischen Mauer und Plexiglas steckte der 46-Jährige die Spritze durch, um den Efeu zu vergiften. Auf den Rasen, die Rosen oder das Biotop hätte er gar nicht zielen können.

„Man kann mit ihm nicht reden, eine Einigung ist leider nicht möglich“, sagte der Angeklagte. Auch auf dem Zivilrechtsweg laufe gerade ein Prozess, weil das Opfer die sogenannte Reia, also den Raum zwischen den beiden Grundstücken, gepflastert habe.

Da der 46-Jährige unbescholten ist, verzichtete Neubauer gegen Bezahlung von 100 Euro zugunsten der Republik auf eine Verurteilung. Am Ende des Verfahrens riet der Richter erneut: „Einigen Sie sich als Nachbarn!“