Über Grenzen: Natur soll sich mehr ausbreiten dürfen. Schulterschluss mehrerer Regionen ermöglicht die Schaffung von Wildtier-Korridoren, den Moor-Schutz – und mehr.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 09. Mai 2018 (04:14)
Nationalpark Thayatal
„Connecting Nature“ bringt Experten, Schlüsselfiguren und mehrere Regionen zusammen (v.l.): Geschäftsführer Walter Kirchler (NÖ.Regional.GmbH), Bezirkshauptmann Andreas Strobl (Hollabrunn), Kreisrat Martin Hyský (Vysočina), Landesrat Martin Eichtinger (Niederösterreich), der österreichische Botschafter Alexander Grubmayr (Prag), Vizegouverneur Pavel Hroch (Südböhmen), Geschäftsführer Christian Übl (Nationalpark Thayatal) und Regionalberater Francois Eduard Pailleron (Interreg).

Wildtiere kennen keine Staatsgrenzen und doch stoßen sie bei Wanderungen auf Barrieren, wenn Straße, Zaun oder Siedlung ihren Weg kreuzen. Das Projekt „Connecting Nature“ will Korridore für sie schaffen, aber nicht nur das. Die Arbeitspakete sind vielfältig. Startschuss war vergangenen Mittwoch im Trauungssaal des Retzer Rathauses.

Christian Übl fand den Ort passend: „Das ist so was wie eine Hochzeit, die heute stattfindet“, lächelte der Direktor des Nationalparks Thayatal mit Sitz in Hardegg. Das Projekt ist vom Schulterschluss zwischen Österreich und Tschechien getragen. Aber wie wirken sich Barrieren nun auf die Tierwelt aus?

„Problem ist nicht in einem Staat lösbar“

„Wenn Wanderrouten unterbrochen sind, entstehen kleine Populationen und diese drohen genetisch zu verarmen oder mit der Zeit ganz zu verschwinden“, erklärte Übl. „Connecting Nature“ verbinde bewusst das Mostviertel mit dem Waldviertel, Südböhmen, Südmähren und Vysočina. „Das Problem ist nicht in einem Staat lösbar“, betonte Vaclav Hlaváč von der Agentur für Natur- und Umweltschutz in Tschechien.

Nationalpark Thayatal
Christian Übl (l.) überreichte allen Ehrengästen, darunter Martin Eichtinger, eine Kuschel-Wildkatze.

Wanderrouten und Engstellen werden deshalb identifiziert. Die österreichisch-tschechische Kartierung bildet dann die Basis für Maßnahmen. Workshops binden Kleinregionen und Gemeinden ein: Probleme und mögliche Lösungen werden geschildert. Das sei ein Kernstück des Projekts, findet Hlaváč. „Das ist die wichtigste Bedingung für einen effizienten Schutz.“

Elf Partner aus verschiedenen Verwaltungen und Fachrichtungen arbeiten daran. „Wir können ein breites Spektrum abdecken“, folgerte Walter Kirchler, Geschäftsführer der NÖ.Regional.GmbH. So stehen die stark beeinträchtigten Moore im Waldviertel und in Südböhmen auf der Agenda: Drei sollen im Waldviertel renaturiert werden, vier weitere könnten folgen.

Drei Moore, zwei Länder und Wissensaustausch

Geprüft wird, ob die Wiederherstellung der hydrologischen Situation zum Beispiel mit einer Schließung der Entwässerungsgräben überhaupt möglich ist. Das Haslauer Moor bei Amaliendorf und die Gemeindeau im Naturpark Heidenreichstein fallen in diese Kategorie. Dritter möglicher Kandidat ist das Bummermoos in Litschau.

„Viele Vorarbeiten sind notwendig und eine große Kommunikationsmaßnahme mit der Bevölkerung“, so Margit Gross vom Naturschutzbund. „Wir haben wenig Erfahrungen in der Kommunikation mit Grundbesitzern im privaten Bereich“, will Andrea Kučerova (Botanisches Institut der tschechischen Akademie der Wissenschaften) den österreichischen Erfahrungsschatz aufgreifen.

Der Austausch ist überhaupt eine Herzensangelegenheit. Die Nationalparks (NP) Thayatal und Podyjí sollen Vorbild sein: „Die Deklaration zum Datenaustausch ist nicht der Schlüssel für unsere Zusammenarbeit, sondern die zwischenmenschlichen Beziehungen“, betonte NP-Mitarbeiter David Freudl. „Wir sind sehr viel in Kontakt. Das ist nicht nur das Mindestmaß, sondern ein gemeinsames Wollen.“

Die zwei Gebiete wollen im Projekt eine Waldvegetationskarte erstellen, um die Biodiversität besser schützen zu können. Besonders interessiert ist man an Flächen, die 2014 vom Eisbruch betroffen waren.

„Wir wollen untersuchen, wie sich die Pflanzen entwickeln“, schilderte NP-Mitarbeiter Zdenék Mačák. „Das kann für die mitteleuropäische Natur sehr interessant sein.“ Die Wildkatzenforschung erlebt gerade einen Neustart und die vor fünf Jahren begonnene Erfassung der Pilzarten in Tschechien soll fortgesetzt werden und auf Österreich übergreifen.

Die Vernetzung steht über allen Arbeitspaketen. „Das ist jetzt schon ungemein befruchtend“, so Sylvia Hysek (NÖ.Regional. GmbH), die die Koordination innehat. Sogar Barrieren haben für sie eine positive Folge: „Die Unterschiede und die Dinge, die es schwierig machen, bringen uns ein Mehr an Erfahrungen.“