Mehr als 50 für einen Pflegeplatz im Bezirk. In Zukunft werden Pflegeeinrichtungen, mobile Dienste und 24-Stunden-Betreuer mehr Menschen pflegen müssen, besagt der aktuelle NÖ Altersalmanach. Die NÖN recherchierte die Situation im Bezirk.

Von Sandra Donnerbauer, Karin Widhalm und Christoph Reiterer. Erstellt am 10. Juli 2019 (03:29)
Quelle: NÖ Altersalmanach; Illustration: Mascha Tace/Shutterstock.com; NÖN-Grafik: Gastegger

Mit 106 Jahren starb am 30. Juni der Retzer Otto Filipsky. Ein stolzes Alter, das nur wenige erreichen. Doch die Statistik zeigt: Wir werden immer älter. So wird dem Bezirk Hollabrunn bis 2035 ein Anstieg der Hochaltrigen (80+) um knapp 48 Prozent von 3.181 auf 4.706 prophezeit.

Der Bedarf an mobiler Betreuung und Pflege soll um 32 Prozent wachsen (von 737 au 973). In der stationären Pflege wird ein Anstieg um 37,4 Prozent (auf 311) erwartet, in der 24-Stunden-Betreuung um 65,2 Prozent (auf 456).

Wie beurteilen Brancheninterne die Situation?

„Ich denke, dass die Pflege zuhause noch mehr forciert wird und sich die Pflege- und Betreuungszentren spezialisieren werden“, wirft Regina Berger, Direktorin des PBZ in Hollabrunn, einen Blick in die Zukunft.

Was das Personal betrifft, fühlt sich Berger in ihrem Haus wie im „Land der Seligen“: „Ich habe gutes, tolles Personal; genau, was ich brauche.“ Sie weiß, dass andere Einrichtungen hier mehr zu kämpfen haben. Aktuell werden im PBZ Hollabrunn 104 Personen betreut, davon 74 schwer Pflegebedürftige.

Im PBZ Retz wurde zuletzt eine massiv gestiegene Nachfrage verzeichnet. „2017 hatten wir für einen Pflegeplatz fünf Bewerber, heuer sind es schon mehr als 50“, berichtet Direktor Horst Winkler. Der Bedarf wird im Bezirk bis 2025 um weitere 14 Prozent steigen, sodass etwa 30 Pflegeplätze mehr erforderlich sein werden.

Nach der Aufhebung des Pflegeregresses habe sich die Wartezeit auf einen Platz von zwei bis sechs Wochen auf drei bis fünf Monate verlängert. Auch Pflegekräfte seien deshalb derzeit „Mangelware“ und am freien Arbeitsmarkt kaum zu bekommen. „Lediglich der direkte Kontakt zu Pflegeschülern beim Praktikum sichert zukünftige Arbeitskräfte“, weiß Winkler. In Retz würden derzeit eine Pflegeassistentin und eine Heimhelferin gesucht.

„Tagespflege wird nicht sehr intensiv genutzt“

„Meiner Meinung nach sollte man den Pflegeberuf als Lehrberuf mit einer dreijährigen praktischen und theoretischen Ausbildung einrichten. Dies könnte den zukünftigen Bedarf sichern“, schlägt der Retzer Direktor vor.

Daneben könne das PBZ Retz auf eine gute Zusammenarbeit mit den mobilen Diensten bauen, die betreute Personen mitunter ins PBZ zur Tagespflege bringen. Die Tagespflege sei generell ein Angebot, mit dem man die Herausforderungen abfedern könne. „Leider wird dieses Angebot nicht sehr intensiv genutzt“, weist Winkler hier auf freie Plätze hin und bietet hier auch Schnuppertage ohne Verrechnung an.

Das Hilfswerk Hollabrunn ist derzeit auf der Suche nach zwei diplomierten Krankenpflegern, einem Pflegeassistenten und fünf Heimhelfern. Aktuell werden 365 Kunden in der Pflege und Betreuung in den drei Dienstleistungseinrichtungen des Bezirks (Hollabrunn, Schmidatal, Retzerland-Pulkautal) versorgt.

„Es freut uns, dass wir ihnen ihren großen Wunsch erfüllen können: Zuhause in Würde und mit hoher Lebensqualität alt werden“, sagt Martina Reinwein, Hilfswerk-Betriebsleiterin in Hollabrunn. Herausforderung Nummer eins sei es jedenfalls, ausreichend Personal zu finden, um den Pflegebedarf zu decken. Das sei außerdem nur mit zufriedenem Personal möglich, deshalb werde bei den bestehenden Arbeitnehmern angesetzt. Und es sei wichtig, das Image der Pflege zu heben.

Es freut uns, dass wir ihnen ihren großen Wunsch erfüllen können: Zuhause in Würde und mit hoher Lebensqualität alt werden", Martina Reinwein

Höhere Lebenserwartung, mehr Single-Haushalte, weniger pflegende Angehörige, geringerer Anteil der jüngeren Menschen: Für diesen gesellschaftlichen Wandel rüstet sich auch die Volkshilfe. Ziel sei es, von Bewerbern und Mitarbeitern als attraktive Arbeitgeberin wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden.

Gerhard Berthold führt mit seiner Frau Elisabeth Smolec eine Agentur für 24-Stunden-Betreuung in Eggenburg und hat auch viele Kunden im Bezirk Hollabrunn. Selbst Pflegekräfte aus dem Osten seien immer schwerer zu bekommen.

Agenturen drehen an der Preisschraube. Wie also dem Bedarf Herr werden? Eine Möglichkeit wäre, meint Berthold, leer stehende Häuser zu Zentren für ältere Menschen aufzubauen. „Da würde sich gerade das nördliche Niederösterreich dafür eignen.“

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