Dem Kothe entflohen. 140 Jahre Nordwestbahn / Die Ausstellung im Stadtamt führt vor Augen, dass die Ankunft der Lok ein Ereignis sondergleichen war.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 10. April 2014 (07:00)
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Stadtarchivar Thomas Dammelhart las aus dem Gedenkbuch.
Ganz selbstverständlich ist sie geworden, die Eisenbahn. Das Reisen mit ihr ist an sich bequem, vor 141 Jahren war die Situation eine andere.

„Früher kannte man Straßen gar nicht, elende Feldwege führten von einem Ort zum andern, die meist auch von Wegelagerern unsicher gemacht wurden“, schrieb Stadtsekretär Karl Josef Puntschert 1871 in sein Gedenkbuch. Die Chronik wird heute im Stadtarchiv aufbewahrt. „So ging es dem Reisenden sehr schlecht, er konnte mit Roß und Wagen im Kothe versinken und nicht fortkommen.“

„Bahn bedeutet Anbruch des Industrie-Zeitalters“ 

Die Ankunft der ersten, „viel bekränzten“ Lokomotive in Retz im August 1871 war für ihn „ein Tag der allgemeinen Freude“ und die Eröffnung der Bahn das „bedeutungsvollste Ereignis“ für die Stadt.

Die Errichtung der Nordwestbahn veränderte tatsächlich einiges: „Sie hatte einen großen Einfluss auf die Entwicklung unserer Stadt“, erklärt Helene Schrolmberger (Museum Retz). „Die Bahn symbolisiert und bedeutet den Anbruch der industrialisierten Zeit.“

900 Kilometer Gleise sind für die Nordwestbahn verlegt worden – innerhalb von vier Jahren. Die Zugstrecke war die kürzeste Verkehrsverbindung von Wien bis nach Berlin und ist heute zum Teil in einem schlechten Zustand.

Bahn-Gedanke schon 1842 erstmals entstanden

Die Qualität des Personenverkehrs sei im hügeligen Südwestmähren im Sinken. Ji?í Kacetl (Südmährisches Museum in Znaim) berichtet von veralteten Motortriebwägen, Unsauberkeit, schlechten Verkehrsanbindungen und sprunghaften Verteuerungen der Fahrkarten. Er hofft auf Besserung, damit die „Hauptader des vereinigten Europas“ wieder pulsiert. „Wir Znaimer kämpfen dafür“, sagt Kacetl.

Der Museumsleiter aus Tschechien stellte die Wanderausstellung gemeinsam mit dem Stadtmuseum Hollabrunn auf die Beine. Der gute Kontakt zu seiner Kollegin Schrolmberger führte dazu, dass die zweisprachigen Schautafeln auch in Retz zu sehen sind.

Sie zeigen, dass man schon 1842 mit den Nordwestbahn-Gedanken spielte. Sie erläutern, wie der Bau des technischen Meisterwerks verlief oder welche Höhen und Tiefen die Strecke im 20. Jahrhundert zu bewältigen hatte.

Die Ausstellung „140 Jahre Nordwestbahn“ ist bis 23. Mai im Foyer des Stadtamts zu sehen, immer zu den Amtszeiten.


Übers Reisen

Stadtschreiber Josef Karl Puntschert beschrieb 1871 anschaulich: Das Reisen war kein Vergnügen, sondern pure Anstrengung.

  • In Anbetracht der früheren Verkehrsverhältnisse „müssen wir bewundern, was unser Vorfahren und wir selbst aus gestanden haben.“ Vor 1830 war man in drei Tagen in Wien, danach dauerte die Wagenfahrt – wenn alles gut ging – einen (äußerst) langen Tag. „Was die Passagiere alles erdulden mussten ... schlechte Wirtshäuser, Kost, Hitz, Kälte, Regen, Wind ...“
  • Hinzu kam „das brutale ihrer Unternehmer“: Passagiere wurden zum Schieben genötigt. Die „Roheit und Trunksucht der Kutscher“ führte „nicht selten“ dazu, dass sie „ihre Passagiere durchprügelten oder das ganze Gefährte in den Straßengraben warfen und so zahlreich Arm und Beinbrüche verursachten.“
  • „Berüchtigte Wirthshäuser wie zum Beispiel in Oberhollabrunn, wo ... Reisende schlechte und schmale Kost bei theureren Leistungen erhalten, vervollständigen ein solches Reisebild. Abgeschlagen, gerädert mit todtmüden Gliedern“ war man in Wien.
  • Alles „ein Schrecken der Reisenden“, dem „die Eisenbahn ihren Todesstoß“ erteilt „und wir haben wirklich nicht Ursache, ihnen eine mitleidsvolle Thräne nachzuweinen“.

Transkription: Helene Schrolmberger