Eggendorf , Hollabrunn

Update am 10. Januar 2017, 10:45

von Sandra Frank

Versunkene Dörfer und Burg im Wald entdeckt. „Kleine Sensation“: Nicht nur Orte sind im Ernstbrunner Wald konserviert, sondern auch mittelalterlicher Hochwasserschutz.

Rekonstruktion eines mittelalterlichen Dorfes.  |  wfw-film

Heinz Bidner ist Hobby-Historiker und beschäftigt sich mit der Geschichte seines Heimatortes Enzersdorf im Thale und der Region drumherum. Gerhard Hasenhündl ist Leiter der Archäologischen Abteilung des Museumsvereins Hollabrunn und war bereits bei vielen Ausgrabungen mit dabei. Was herauskommt, wenn sich die beiden zusammentun?

„Durch Laserscan-Luftaufnahmen ermöglicht“

Heimatforscher Heinz Bidner vor dem Plateau der Erdhügelburg Krales. Foto: enzersdorf-im-thale.at  |  enzersdorf-im-thale.at

„Wir haben fünf versunkene Orte rund um Enzersdorf im Thale im Ernstbrunner Wald neu entdeckt“, berichtet Bidner von einer kleinen Sensation. Versunkene Dörfer, das sind mittelalterliche Hausfundamente, Wehr- und Schutzanlagen, die sich unter der Erde befinden. Der Waldboden rund um den einstigen Markt Enzersdorf im Thale hat diese „stummen Zeugen“ aus dem Mittelalter sehr gut konserviert.

„Die Ortswüstungen Krales und Unter-Abtsdorf sind besonders schön und komplett erhalten“, freut sich Hasenhündl, der vor Jahren die Ausgrabungen zur mittelalterlichen Ortswüstung Partz in der Nähe des damaligen Zentralortes Enzersdorf leitete. Er analysierte Bidners jüngste Entdeckungen und informierte das Bundesdenkmalamt.

Aber wie stieß der Hobby-Historiker auf die unterirdischen Dorfstrukturen? „Die Neuentdeckung dieser Dörfer wurde durch die Laserscan-Luftaufnahmen, die das Land Niederösterreich in seiner Online-Kartensammlung bereithält, möglich“, erzählt Bidner.

Gerhard Hasenhündl vom Hollabrunner Museumsverein auf dem Plateau der Erdhügelburg Krales. Foto: enzersdorf-im-thale.at  |  www.enzersdorf-im-thale.at

Diese Laserscan-Luftaufnahmen (atlas.noe.gv.at) blenden den Pflanzenbewuchs an der Oberfläche aus und stellen nur die Erdoberfläche dar. Dadurch konnte der Heimatkundler insgesamt fünf Ortswüstungen zwischen Enzersdorf im Thale, Großmugl und Ernstbrunn (beides Bezirk Korneuburg) neu entdecken.

Zwei der fünf Siedlungen sind sogar so gut erhalten, dass die Dorfstrukturen samt Verteidigungsanlagen und ein Herrensitz mit einer Erdhügelburg erkennbar wurden.

Grundmauern aus Stein sind gut erhalten

Die Gebäude, die aus Holz und Lehm errichtet worden waren, sind natürlich längst verrottet. Doch die Grundmauern wurden aus Steinen gefertigt und blieben unter dem Waldboden erhalten. Auch deswegen, weil zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert in Europas größtem Eichenmischwald nie Äcker angelegt wurden. Darum blieben die strukturellen Erhebungen erkennbar.

Die Ortswüstung von Unter-Abtsdorf liegt im Enzersdorfer Wald und weist einen Herrensitz mit Böschung-Wall-Anlage auf, berichtet Hasenhündl. Das ganze Dorf war von einer Wehranlage umschlossen. Sogar die Terrassen des einstigen Weinberges sind im Nordwesten erkennbar. „Außerdem wurde sichtbar, dass diese Dörfer Wälle errichtet haben, um das Hangwasser aufzufangen“, spricht Bidner von umfassenden Überflutungsschutz-Systemen.

Denn: „Es ist ein weitverbreiteter Irrglaube, dass die Graben-Wall-Anlagen rund um mittelalterliche Dörfer allein der Verteidigung gegen Plünderer und wilde Tiere dienten“, spricht Bidner den mittelalterlichen Hochwasserschutz an. Palisaden, die auf dem höheren inneren Wall aufgesetzt waren, hatten zwar diese Funktion, aber „wohl kaum der Rest dieser ausgeklügelten Systeme“, meint der Enzersdorfer.

Durch die Laserscan-Luftaufnahmen des Landes konnte Hobby-Historiker Heinz Bidner fünf verschwundene Dörfer aus dem Mittelalter neu entdecken.  |  www.enzersdorf-im-thale.at

Wie bei den Anlagen im stark hügeligen Wald um Enzersdorf im Thale zu sehen sei, waren die Gräben um die Dörfer nur ein bis zwei Meter tief, „aber mit vier bis sechs Metern ungewöhnlich breit“.

Auch dass die Gräben teilweise auf beiden Seiten von Wällen eingefasst waren, verstärkt den Rückschluss, dass es sich dabei um einen Hochwasserschutz handelte. „Das wäre im Verteidigungsfall nicht unbedingt sinnvoll, weil der zweite Wall auf der Außenseite den Angreifern ja Deckung geboten hätte“, erklärt der Hobby-Historiker. Deshalb ist er überzeugt, dass die Gräben dem Schutz vor Überflutung, etwa durch Hangwasser bei Starkregen, dienten.

Bidner hat Gelände- und Hangwasserkarten abgeglichen, die seine Theorie bestätigen: „Die Regenwasserbäche fließen noch heute in die übrig gebliebenen überbreiten Gräben.“ Diese würden leicht abfallend verlaufen und das Wasser erst am Dorfende in tieferen Lagen wieder frei abfließen lassen. „Somit hat es vor rund 1.000 Jahren nachweislich Anlagen gegeben, die in Vergessenheit geraten sind und wohl auch den heutigen Dörfern Überflutungen ersparen könnten.“

Sichtbar wird zudem, dass diese Dörfer bereits umfassende Überflutungsschutz-Systeme installiert hatten. Auch mittelalterliche Weinberge und Feldterrassen werden auf den Laserscan-Aufnahmen, die das Land NÖ in seiner Online-Kartensammlung bereithält (atlas.noe.gv.at), erkennbar.